Forscherin über politische Einstellungen:Sind unsere Gehirne eine Gefahr für die Demokratie?
Unser Gehirn ist auf Bedrohung programmiert, nicht auf Toleranz, erklärt die neuropolitische Philosophin Liya Yu. Wird es damit zur Gefahr für die Demokratie?
Kriege, Klima, Inflation – wir leben im Zeitalter der Angst. Was macht das mit uns, und wer nutzt unsere Ängste aus? Harald Lesch zeigt, wie wir die Angstspirale durchbrechen können.
09.03.2026 | 27:46 minZDFheute: Frau Dr. Yu, ist unser Gehirn eine Gefahr für die Demokratie?
Liya Yu: Ich würde sagen, unsere Gehirne hinken den Anforderungen der modernen Gesellschaft, der Demokratie, hinterher. Unsere Welt hat sich sehr viel schneller entwickelt als unsere Gehirne mitmachen konnten.
Wir haben soziale Gehirne, das heißt, wir unterscheiden sehr schnell zwischen sogenannten In-Gruppen, also Menschen, die zu mir gehören, und Out-Gruppen, mit denen ich nichts zu tun haben will. Und in einer Demokratie kann so ein Gehirn eigentlich nicht gut funktionieren.
... ist neuropolitische Philosophin und Politikwissenschaftlerin. Ihr Buch "Hirn Statt Moral: Warum nur Neuropolitik den gesellschaftlichen Zusammenhalt sichert" erscheint im April 2026. Yu beschäftigt sich mit der Frage, wie Gehirnprozesse politische Einstellungen und Entscheidungsfindung beeinflussen und versucht, einen neuen Gesellschaftsvertrag für gespaltene Demokratien zu formulieren.
Denn in einer Demokratie müssen wir mit ganz vielen verschiedenen Menschen zusammenarbeiten, die vielleicht nicht zu unserer In-Gruppe gehören. Ich nenne das eine neuropolitische Dissonanz zwischen dem, was unsere Gehirne tun, von Natur aus, und was unsere modernen Gesellschaften eigentlich von ihnen abverlangen.
ZDFheute: Sie sprechen von "liberalen" und "autoritären" Gehirnen. Wie unterscheiden sich diese?
Yu: Den limbischen Teil unseres Gehirns, also den sehr alten Teil, der mit Angst zu tun hat, die Amygdala und die Insula - den haben wir alle. Aber autoritäre Gehirne haben quasi keinen guten Regulator.
Das autoritäre Gehirn ist sehr sensibel gegenüber Bedrohung, Chaos, Unsicherheit, Gefahren und Ungewissheit.
Liya Yu, neuropolitische Philosophin
Gendern, Klima oder Migration sind Themen, die zu erbitterten Diskussionen führen. Sind wir nicht tolerant genug und was verbirgt sich hinter diesem Begriff?
20.09.2024 | 28:18 minZDFheute: Was bedeutet das für unsere politische Einstellung?
Yu: Also wenn ich jetzt fragen würde, denken Sie, Sie sind Rassist, dann würden die meisten Leute sagen: nein. Was wir in der politischen Neurowissenschaft tun, ist, ich frage Menschen, bist du Rassist? Und die sind in dem Moment im Hirnscanner und die sagen vielleicht nein, aber die Insula ist aktiv.
Das ist ganz wichtig zu verstehen. Wir sagen oft Dinge, die wir nicht meinen. Und es gibt unbewusste Prozesse, die wir nicht einmal formulieren könnten. Deshalb ist dieser Hirnansatz so wichtig, weil wir quasi in diese Blackbox schauen.
ZDFheute: Lassen sich diese unbewussten Prozesse überwinden?
Yu: Wenn man Menschen fragt, wie stellt ihr euch eigentlich euer Leben vor in den nächsten 10, 20, 30 Jahren, was für eine Zukunft wollt ihr? Das Faszinierende ist dann, in meiner Erfahrung, dass eigentlich alle dasselbe wollen. Wir wollen doch alle in Frieden leben.
Sei es durch Mindset, mentale Stärke oder festen Glauben: Willenskraft sprengt Grenzen. Doch wie genau? Jasmina Neudecker forscht nach - im Leistungssport und im Shaolin Tempel.
04.02.2024 | 27:00 minWir möchten nicht in einer verschmutzten Umwelt leben. Wir möchten in einer gerechten Gesellschaft leben, mit einem gerechten Justizsystem. Wir möchten im Wohlstand leben.
Wenn ich meinem Gehirn beibringe, eine Person, vor der ich vielleicht Angst hatte oder wo ich rassistische Vorbehalte hatte, zu humanisieren und kognitiv zu verstehen, ist das ein riesiger Aha-Moment. Es ist der Moment, in dem ein gesellschaftlicher Feind als voller, gleichberechtigter Mensch in meinem Gehirn wahrgenommen wird, weil ich verstehe, dass ich mehr Interessen mit dem teile als mir zuvor bewusst war.
Demokratie lebt von den Menschen. Egal ob Jungpolitiker, Influencerin oder Kulturverein: sie alle stärken unsere Demokratie.
13.03.2025 | 29:44 minZDFheute: Unsere heutige Welt ist geprägt von multiplen Krisen, die uns Angst machen. Glauben Sie, dass wir trotz der "neuropolitischen Dissonanz" damit gut umgehen können?
Yu: Für mich ist die Neuropolitik trotz unserer tristen und verzweifelten Welt ein Grund für Optimismus. Es ist ein Ansatz, uns selbst zu verstehen. Denn wo es menschliche Gehirne gibt, gibt es immer Hoffnung. Und wir wissen auch, dass es selbst in den dunkelsten politischen Zeiten immer Menschen gab, die trotzdem noch anders gehandelt haben, Widerstand geleistet oder demokratische Revolutionen vollbracht haben. Die konnten ausbrechen. Das Gehirn hat die Fähigkeit für diesen Neuanfang.
Das Gespräch führte Harald Lesch, ZDF-Wissenschaftsmoderator der Sendungen "Terra X Harald Lesch", "Terra X Die großen Fragen" und "YouTube Terra X Lesch & Co.“.
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