6. Jahrestag des Anschlags:Hanau: Stilles Gedenken an Opfer der rassistischen Morde
von Susana Santina
Am 19.2.2020 erschießt ein Rechtsterrorist in Hanau neun Menschen aus rassistischen Motiven. Dann tötet er seine Mutter und sich selbst. Was sagen die Angehörigen der Opfer heute?
Nach dem rassistisch motivierten Anschlag von Hanau am 19. Februar 2020 sind noch immer viele Fragen offen. Angehörige fordern Aufklärung.
19.02.2026 | 2:57 minAm 10. Januar dieses Jahres ist ein weiteres Opfer des Anschlags von Hanau gestorben. Auf Ibrahim Akkuş hatte der Täter Tobias R. achtmal in der Arena-Bar in Hanau-Kesselstadt geschossen. Der Kurde überlebte schwerverletzt, ist nun aber mit 70 Jahren den Spätfolgen der Schussverletzungen erlegen.
Stilles Gedenken und viele offene Fragen
Der sechste Jahrestag wird ohne große Gedenkfeier begangen. An zwei Tatorten hat der Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky die Angehörigen zum stillen Gedenken eingeladen. Armin und Dijana Kurtović sind zur gleichen Zeit im muslimischen Teil des Hanauer Friedhofs, wo sie ihres Sohnes Hamza gedenken. Er war 22 Jahre alt, als er in der Arena-Bar in Hanau-Kesselstadt ermordet wurde.
"Wie sollen wir in Ruhe trauern, wenn es von Seiten der Behörden kein Interesse an Aufklärung und keine Konsequenzen gibt", sagt Armin Kurtović. "Das hat sich leider auch nach sechs Jahren nicht verändert."
Fotos der Opfer des Anschlags von 2020 erinnern an die Tat. Viele Hinterbliebene fühlen sich immer noch allein gelassen. (Archivbild)
Quelle: dpaAngehörige selbst sorgen für Aufklärung
Der rassistische Anschlag von Hanau hat bis heute zu keinem Gerichtsverfahren geführt. Obwohl durch die Angehörigen viele Missstände aufgedeckt wurden, die später vom Wiesbadener Untersuchungsausschuss bestätigt wurden.
Armin Kurtović fand selbst heraus, dass der Notausgang in der Arena-Bar seit Jahren regelmäßig verschlossen war. Er hatte Zeugen befragt und stieß auf Hinweise, dass der Notausgang regelmäßig verschlossen war, um Razzien der Polizei zu erleichtern. Und möglicherweise kam die Anordnung dazu sogar von Polizisten. Dem ZDF liegt eine Zeugenaussage von 2022 vor, die den Verdacht nahelegt. Die Polizei Hanau bestreitet eine solche Anordnung.
"Warum wird nicht ermittelt?", fragen Armin und Dijana Kurtović. "Die Staatsanwaltschaft Hanau hat nie von Staats wegen ermittelt, wir mussten Anzeige erstatten, und dann lehnt sie alles ab." Fest steht: Bis heute wurde niemand rechtlich dafür zur Verantwortung gezogen, dass der Notausgang abgeschlossen war und Menschen in Lebensgefahr nicht flüchten konnten.
Der rassistische Anschlag vom 19. Februar 2020 hat Hanau-Kesselstadt verändert. Dort leben Menschen mit wenig Geld, Menschen verschiedener Herkunft, dort starben sechs der neun Opfer.
18.02.2026 | 85:12 minKeine juristische Aufarbeitung zu nicht erreichbarem Notruf
Auch Iulia und Niculescu Păun mussten selbst für Aufklärung sorgen. Ihr einziges Kind, Vili Viorel Păun, hatte den Täter am 19.02.2020 nach den ersten Morden am Heumarkt von seinem Auto aus beobachtet und die Verfolgung aufgenommen.
Auf dem Weg in den Stadtteil Kesselstadt, wo Tobias R. fünf weitere Menschen aus rassistischen Motiven erschoss, versuchte Vili mehrfach erfolglos, die Polizei zu erreichen. Er kam nicht durch, weil der Notruf technisch veraltet und personell unterbesetzt war. Beides wurde später durch den Wiesbadener Untersuchungsausschuss bestätigt. Familie Păun kann nicht verstehen, dass bis heute niemand dafür zur Verantwortung gezogen wurde. Vili wurde vom Täter im Fahrzeug erschossen.
Fast die Hälfte aller Menschen in Deutschland, die sich ethnischen oder religiösen Minderheiten zugehörig fühlen, erlebt regelmäßig rassistische Diskriminierung. "Rassistische Diskriminierung ist in der Gesellschaft weit verbreitet", so Cihan Sinanoğlu (DeZIM-Institut).
20.03.2025 | 5:42 minDie Staatsanwaltschaft Hanau sieht keinen Grund für Ermittlungen, es gibt keinen Prozess, und auch politisch hat niemand Konsequenzen ziehen müssen. "Wir sind sehr enttäuscht", sagen Iulia und Niculescu Păun. Ihr Sohn Vili wurde für seine Zivilcourage vom Land Hessen posthum geehrt. "Mein Sohn ist ein Held", sagt Niculescu, "wir hätten uns aber gewünscht, dass jemand die Verantwortung übernimmt. Wir haben gekämpft, Anzeigen erstattet, aber die Staatsanwaltschaft Hanau lehnt alles ab."
Diesen sechsten Jahrestag verbringen Niculescu und Iulia in ihrer Heimat Rumänien. Hier haben sie für ihren Sohn ein Mausoleum errichtet, fühlen sich ihrem geliebten Vili sehr nahe.
Susana Santina berichtet aus dem ZDF-Landesstudio in Hessen.
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