Gesundheits-Sparpaket der Regierung :Warum viele Psychotherapeuten ans Aufgeben denken
Geplante Einsparungen in der Psychotherapie ernten massive Kritik. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Kai Otto warnt vor gravierenden Folgen - nicht nur für die Patienten.
Die Bundesregierung hat beschlossen, bei psychotherapeutischer Beratung zu sparen. Ein fataler Schritt, meint Psychotherapeut Kai Otto.
Quelle: Colourbox.deZDFheute: Herr Otto, Sie haben seit neun Jahren eine Psychotherapie-Praxis. Warum denken Sie jetzt ans Aufgeben?
Kai Otto: Es passiert genau das, was ich erwartet habe. Die Leute rufen an, fragen nach einem Therapieplatz, wollen sich auf die Warteliste setzen lassen, und ich kann nichts dazu sagen, weil ich nicht weiß, wie lange es meine Praxis noch gibt, ob ich dem finanziellen Druck standhalten kann.
Für Kinder und Jugendliche ist das besonders problematisch. Seit der Pandemie erleben wir eine dauerhaft hohe Zahl psychischer Erkrankungen.
Angststörungen, Depressionen, Essstörungen oder selbstverletzendes Verhalten verschwinden nicht, weil man weniger Geld für ihre Behandlung bereitstellt.
Kai Otto, Kinder und Jugendlichen-Psychotherapeut
Mit der Gesundheitsreform will die Regierung sparen – auch im Bereich der Psychotherapie. Welche Folgen das haben könnte, analysiert ZDFheute live.
12.07.2026 | 18:31 min
ZDFheute: Mit welchen Folgen für Patientinnen und Patienten rechnen Sie?
Otto: Wer heute keinen Therapieplatz erhält, braucht morgen häufig eine intensivere und damit deutlich teurere Behandlung. Psychotherapie ist keine Komfortleistung. Sie verhindert Chronifizierung, Krankenhausaufenthalte, Schulabbrüche, Erwerbsunfähigkeit und in manchen Fällen sogar Suizide.
Gerade bei Kindern und Jugendlichen entscheidet oft der Zeitpunkt der Behandlung über den gesamten weiteren Lebensweg. Dahinter steht immer auch eine betroffene Familie. Darum sind die Psychotherapie-Angebote im Erwachsenenbereich genauso wichtig.
... ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut im niedersächsischen Cappeln. Pro Woche hat er 26 Patientinnen und Patienten. Das bedeutet für Kai eine 45-Stunden-Woche. Er behandelt Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 21 Jahren. Psychotherapeut Otto hat sich mit seiner Praxis im Juli 2017 in Cappeln niedergelassen. Die Wartezeit in seiner Praxis auf einen Therapieplatz: zweieinhalb Jahre.
ZDFheute: Sie sagen, Sie wissen nicht, wie Ihre Praxis dem finanziellen Druck standhalten kann. Welche Maßnahmen treffen Sie besonders?
Otto: Da ist zum einen die ungerechtfertigte Kürzung unserer Honorare um 4,5 Prozent seit April. Das ist aktuell durch einen Eilbeschluss gestoppt - das endgültige Urteil des Gerichts müssen wir abwarten. Unterdessen gehen die Kürzungen an anderen Stellen weiter.
Nach den Sparplänen werden jetzt auch unsere Ausgaben gedeckelt. Wir kriegen also unsere Leistungen nicht mehr voll bezahlt.
Kai Otto, Kinder und Jugendlichenpsychotherapeut
Zudem will die Regierung die Angemessenheitsprüfung streichen, heißt, den gesetzlichen Schutz des Mindesthonorars. Für unsere Praxen ist das existenzbedrohend, weil wir im direkten Vergleich gerade mal halb so viel verdienen wie andere Facharztgruppen. Reicht das Geld in Zukunft für den Fortbestand unserer Praxen? Wir wissen es nicht.
Die Regierung will bei der Psychotherapie sparen. Die Aufregung ist groß. Jetzt will die Koalition zumindest ein bisschen einlenken, erklärt Hauptstadtkorrespondent Jan Henrich.
09.07.2026 | 1:27 minZDFheute: Und das bedeutet dann, dass viele über die Schließung ihrer Praxen nachdenken?
Otto: Letzte Woche hat das Aktionsbündnis Psychotherapie e.V. eine Blitzumfrage gemacht. 6.000 Kolleginnen und Kollegen haben teilgenommen.
Das Ergebnis ist katastrophal: 36 Prozent aller Praxen ziehen konkret die Schließung in Betracht.
Kai Otto, Kinder und Jugendlichenpsychotherapeut
Dabei ist der Bedarf an Psychotherapie in den letzten Jahren stark gewachsen. Allein in meiner Praxis liegt die Wartezeit auf einen Therapieplatz jetzt schon bei zweieinhalb Jahren.
Oft sind die Wartezeiten auf einen Therapieplatz in Deutschland lang. Nun sollen Therapeuten zum 1. April weniger Geld bekommen. Was bedeutet das?
20.03.2026 | 11:58 minZDFheute: Das von Ihnen eben genannte Aktionsbündnis vertritt Ihre Interessen. Dringen Sie nicht durch?
Otto: Das macht mich und alle im Gesundheitssystem sehr wütend. Demonstrationen, Telefonate, Mails, Gespräche mit Abgeordneten usw. wurden offensichtlich einfach übergangen und ignoriert.
Echte und ehrliche Demokratie fühlt sich für mich anders an. Da gab es zum Beispiel Änderungsanträge - wie vom Bundesgesundheitsministerium mehrfach praktiziert - mit extrem kurzen Prüfungszeiten, nur um Pläne durchzudrücken, ohne wirkliche Chance, einen Überblick zu bekommen. Das halte ich für ein Armutszeugnis der Bundesregierung und vor allem des Bundesgesundheitsministeriums.
In mehreren deutschen Städten demonstrieren Psychotherapeuten gegen gekürzte Vergütung. Betroffene sehen ihre Arbeit entwertet.
15.04.2026 | 1:30 minZDFheute: Das Bundesgesundheitsministerium verteidigt seine Sparpläne, schließlich müssten die Beiträge stabil bleiben. Haben Sie auch Verständnis?
Otto: Man muss anerkennen, dass die gesetzliche Krankenversicherung unter erheblichem finanziellem Druck steht. Dass Politik Wege sucht, um die Beiträge zu stabilisieren, ist nachvollziehbar. Die entscheidende Frage aber ist, wo gespart werden soll? Seit Jahren hören wir, psychische Gesundheit müsse endlich den gleichen Stellenwert haben wie körperliche Gesundheit.
Nach der Pandemie wurden zahlreiche Aktionspläne angekündigt.
Jetzt besteht die akute Gefahr, dass diese kurzfristigen Einsparungen langfristige volkswirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe verursachen. Es wird gespart an der Zukunft junger und psychisch erkrankter Menschen.
Kai Otto, Kinder und Jugendlichenpsychotherapeut
Das Interview führte Britta Spiekermann aus dem ZDF-Hauptstadtstudio in Berlin.
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