Justizminister in Erklärungsnot:Korruptionsverdacht: Was ist los in NRW-Gefängnissen?
von Ina Baltes
In mehreren Gefängnissen in Nordrhein-Westfalen gab es Durchsuchungen. Der Verdacht: Justizvollzugsbeamte könnten bestechlich sein. In den Haftanstalten herrscht Personalmangel.
In NRW sollen Gefängnismitarbeiter Häftlingen gegen Geld Ausgang gewährt sowie Drogen und Handys ins Gefängnis geschmuggelt haben. Auch Justizminister Limbach steht deshalb stark in der Kritik.
05.08.2026 | 1:47 minEs ist die dritte Sondersitzung des Rechtsausschusses im Düsseldorfer Landtag innerhalb von drei Wochen. Auf der Tagesordnung steht eine Durchsuchung in der Justizvollzugsanstalt Willich I am Niederrhein im Juli. In der Sitzung wird klargestellt: Gegen insgesamt vier Justizvollzugsbeamte wird dort wegen des Verdachts der Bestechlichkeit ermittelt. Es geht um das Einschmuggeln von Drogen und Handys. Bewiesen sind die Vorwürfe nicht.
In genau dieser Haftanstalt gab es auch einen anonymen Brandbrief von Beschäftigten, in dem diese von Angst, Erschöpfung und Druck im Job berichten.
Justizminister: Über 100 Disziplinarverfahren
NRW-Justizminister Benjamin Limbach (Bündnis 90/Die Grünen) berichtet: "Wir führen aktuell etwas über 100 Disziplinarverfahren gegen Bedienstete, etwa ein Viertel dieser Fälle betrifft Korruptionssachverhalte. Es ist also rund ein Prozent der Bediensteten betroffen." Man müsse die Debatte realistisch führen, sagt er:
Ein Gefängnis lässt sich nicht hermetisch abriegeln.
Benjamin Limbach, NRW-Justizminister (Bündnis 90/Die Grünen)
Die Insassen wendeten erhebliche kriminelle Energie auf. Einen Justizvollzug frei von illegalen Handys und Drogen werde es nicht geben, so Limbach.
Die JVA Dortmund bietet verschiedene Beschäftigungen an, durch die Inhaftierte Regeln und Fertigkeiten für den Alltag nach der Haft lernen sollen.
04.01.2026 | 7:46 minVier Justizvollzugsanstalten betroffen
Die Aufregung ist groß im Landtag Nordrhein-Westfalen: Es geht nicht nur um Willich, sondern auch um Siegburg, Euskirchen und Rheinbach. In der JVA Siegburg soll, so der Tipp eines Inhaftierten, ein Aufstand geplant worden sein. Die Polizei untersuchte die JVA mit einem Großaufgebot, Waffen wurden nicht gefunden.
In Euskirchen wird wegen mutmaßlicher Bestechlichkeit ermittelt. Auch in Rheinbach gibt es aus dem gleichen Grund Ermittlungen. Beschäftigte sollen Drogen und Handys gegen Bezahlung eingeschmuggelt haben. Die Opposition sagt, dies seien keine Einzelfälle mehr. Ein Sonderermittler müsse eingesetzt und Reformvorschläge erarbeitet werden, so Elisabeth Müller-Witt, SPD, vor der Sitzung.
In der JVA Gablingen soll es zu regelrechter Folter von Gefangenen gekommen sein. Tagelang nackt und in völliger Dunkelheit eingesperrt. Die Behörden wurden informiert.
29.10.2024 | 1:51 minStrukturelle Probleme?
Thomas Galli ist Rechtsanwalt und hat lange im Strafvollzug gearbeitet, u. a. auch als Leiter einer JVA. Er sagt im Interview mit dem ZDF, dass ihn die Häufung der Vorfälle der letzten Monate in NRW überrasche. Trotzdem müsse man vorsichtig sein: "Was sind Verdachtsmomente, was wird am Ende bewiesen?" Ein Punkt sei aber, dass die Anstalten ein Stück weit alleingelassen würden.
Es wird sich nur wenig dafür interessiert, was so hinter den Mauern passiert.
Thomas Galli, ehemaliger JVA-Leiter
Die Situation werde dadurch verschärft, dass das Personal knapp sei. Es gebe Schwierigkeiten, freie Stellen zu besetzen, so dass daher möglicherweise das Niveau der Einstellungen sinke. "Das sind alles Faktoren, die Frust auslösen, sagt Galli. "Der Einzelne muss immer mehr schultern."
733 Stellen nicht besetzt
Von 9.588 Stellen im Justizvollzug in NRW sind derzeit 733 nicht besetzt, so der Bund der Strafvollzugsbediensteten (BSBD) in NRW. Durchschnittlich habe jeder Beamte landesweit 142 Überstunden.
2025 waren mehr als eine Million Strafverfahren offen. Und es mussten bundesweit 50 Häftlinge aus der U-Haft entlassen werden, weil Verfahren zu lange dauerten.
12.03.2026 | 2:56 minHorst Butschinek vertritt als BSBD-Landesvorsitzender die Justizbeamten in Nordrhein-Westfalen. Er empfindet die Medienberichterstattung derzeit als "Jagd auf Justizvollzugsbeamte". Ein längeres Interview mit dem ZDF lehnt er ab, er habe sich schon zu dem Thema mehrfach geäußert.
In einem WDR-Interview hatte er gesagt, er tue sich schwer in den vorliegenden Fällen von Korruption zu reden. Vielmehr seien es "schwerwiegende Verdachtsfälle." Die internen Meldeketten in den Gefängnissen funktionierten in der Regel gut. Vielleicht müsse man aber den Schutz derjenigen, die Vorgänge melden, verbessern.
Als Konsequenz hat der Justizminister unbefristete landesweite Taschenkontrollen für Beschäftigte in den Gefängnissen angekündigt. Zudem soll jetzt eine Expertenkommission den Justizvollzug in NRW unter die Lupe nehmen.
Ina Baltes ist Korrespondentin im ZDF-Studio in Düsseldorf.
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