Ehrung für Helfer an Stadtfest:Notärztin zu Solingen-Anschlag: "Eigentlich rennen wir nie"
Im August 2024 stach ein Syrer in Solingen gezielt auf Besucher ein. Nun ehrte das Land NRW Helfer, die die Opfer versorgten, auch eine Notärztin. Sie schildert ihre Erinnerungen.
Den Rettern von Solingen werden heute Medaillen des Landes Nordrhein-Westfalen verliehen. Vor fast zwei Jahren halfen sie, die Opfer des Terroranschlages auf dem Stadtfest zu versorgen.
20.07.2026 | 1:55 minKnapp zwei Jahre, nachdem ein syrischer Attentäter drei Menschen getötet und acht weitere zum Teil lebensgefährlich verletzt hat, ehrt das Land NRW Einsatzkräfte aus der Tatnacht. Notärztin Nathalie Rehse ist eine von ihnen. Im Interview beschreibt sie, wie sie die dramatische Lage nach dem Anschlag auf dem Solinger Stadtfest erlebte.
ZDFheute: Nathalie Rehse, als leitende Notärztin trafen Sie wenige Minuten nach dem Anschlag am Stadtfest ein. Wie war die Lage?
Nathalie Rehse: Ich konnte mir nicht vorstellen, was passiert war. Es hieß über Funk, drei oder vier Menschen müssen wiederbelebt werden. Aber dafür waren wir viel zu wenig Personal. Als wir ankamen, war alles mit Flutlicht ausgeleuchtet. Sanitäter rannten über den Platz - eigentlich rennen wir nie.
Ein Kollege hat mich dann kurz ins Bild gesetzt, was geschehen ist. Und dann habe ich mit meinem Job begonnen - der Triagierung. Ich bin über den Platz gegangen, von links nach rechts, um auch keinen Patienten zu übersehen. Und habe überlegt: Wer muss zuerst versorgt werden, welche Verletzungen sind am akutesten?
Nach dem islamistischen Terroranschlag mit drei Toten auf dem Solinger Stadtfest im August 2024 gibt es nun weitere Ermittlungsverfahren gegen mögliche Hintermänner.
12.05.2026 | 0:59 minZDFheute: Wie konnten Sie helfen?
Rehse: Für drei Menschen kam jede Hilfe zu spät. Wir hätten sie nicht retten können, selbst wenn es einen Operationssaal vor Ort gegeben hätte. Als ich bei meinem Gang über den Platz beim vierten Patienten angekommen war, begriff ich: Es haben alle die gleichen Verletzungen, Stiche im Halsbereich. Alle lebensbedrohlich.
Wir mussten dann schauen, welche Verletzungen sind ganz besonders akut, wer muss zuerst abtransportiert werden, bei wem sind die Stichwunden nicht ganz so schlimm. Und welche Krankenhäuser in der Umgebung können wen am besten operieren.
ZDFheute: Wie schwierig war der Einsatz?
Rehse: Auf solch eine Situation kann einen niemand vorbereiten, auch kein Training, keine Simulation. Es gibt Menschen, die dann in Schockstarre verfallen, weil sie nicht wissen, was sie tun sollen. Auch wir Mediziner sind davor nicht gefeit - wir sind auch Menschen. Ich hatte in dem Moment einfach Glück, dass ich abrufen konnte, was in meinem Kopf verankert ist.
Ich konnte mich an den Strukturen entlanghangeln, die ich gelernt hatte - das kenne ich auch aus meiner Arbeit in der Ambulanz. Das alles hätte ich aber nicht gekonnt, wenn wir uns nicht alle gegenseitig unterstützt hätten. Das war absolute Teamarbeit.
Die zurückgetretene Flüchtlingsministerin Josefine Paul soll beim Untersuchungsausschuss zum Terroranschlag in Solingen als Zeugin aussagen. Die SPD erhofft sich ehrliche Antworten.
06.03.2026 | 3:02 minZDFheute: Wie funktioniert solch eine Unterstützung?
Rehse: Ein Feuerwehrmann hat mich an der Hand genommen und wir sind gemeinsam über den Platz gegangen, von Patient zu Patient. Wir sind zusammen da durchgegangen. Sonst hätte ich das kaum geschafft. Auch andere Rettungskräfte haben sich immer wieder an der Hand genommen und gesagt: "Okay, jetzt machen wir das, jetzt das."
Und auch mit den zivilen Ersthelfern lief das toll, also den Menschen, die das Stadtfest besucht haben und sich dann sofort um die Schwerstverletzten gekümmert haben. Auch die haben uns toll unterstützt. Und später hat diese gegenseitige Hilfe ebenfalls sehr gut funktioniert.
Ein friedliches Stadtfest endete tragisch: In Solingen ersticht im August 2024 ein Attentäter drei Menschen. Der mutmaßliche Täter: ein syrischer Mann. Terror im Namen des IS?
26.02.2025 | 28:54 minZDFheute: Was meinen Sie?
Rehse: Die Feuerwehr hat ein Programm, da können wir untereinander reden und uns austauschen über das, was wir gesehen haben, was uns bewegt. Das nennt sich psychosoziale Unterstützung. Das ist Hilfe zur Selbsthilfe, damit man nicht zerbricht nach solch einem Einsatz. Je mehr ich mit den Kolleginnen und Kollegen aus dieser Nacht geredet habe, desto mehr hat mir das geholfen. Wir sind ja, wie gesagt, auch Menschen, mit Gefühlen. Mittlerweile habe ich keine Angst mehr, wenn der Einsatzmelder losgeht.
ZDFheute: Hat dieser Einsatz Sie verändert?
Rehse: Ich werde die Bilder für immer im Kopf haben. Das waren keine normalen Verletzungen, das war kein normaler Tod. Ich bin froh, dass ich den Job noch machen kann. Das Wichtigste ist, dass auch wir Helfer als Menschen betrachtet werden. Dass man nicht nur sagt, das ist euer Job, damit müsst ihr klarkommen. Ich setze mich jetzt dafür ein, dass es dafür ein Bewusstsein gibt.
Das Interview führte Dominik Müller-Russell aus dem ZDF-Studio in Nordrhein-Westfalen.
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