NRW wechselt zu G9 zurück:40.000 Abiturienten weniger: Wer profitiert, wer nicht
von Sara Mia Richter und Heiko Rahms
Wegen der Umstellung von G8 auf G9 an den Gymnasien in NRW gibt es in diesem Jahr fast 60 Prozent weniger Abiturienten. Gute Aussichten für angehende Mediziner und BWL'er.
In diesem Jahr gibt es in NRW deutlich weniger Abiturienten, denn die Gymnasien stellen von G8 auf G9 um. Was das für Unternehmen und Universitäten bedeutet.
01.02.2026 | 1:44 minNach zwölf Schuljahren hat Nele Schröder im vergangenen Jahr ein sehr gutes Abitur hingelegt. Ihr großer Traum: Sie möchte in diesem Jahr Medizin in Münster studieren. Es könnte auch klappen, denn die Aussichten sind außergewöhnlich gut: "Normalerweise gibt es viel mehr Bewerber als Plätze. Deshalb brauche ich zusätzlich einen sehr guten Medizinertest, um hier studieren zu können. Aber durch den G9-Wechsel sind meine Chancen größer, denn die Konkurrenz ist kleiner", freut sich die 18-Jährige.
Erleichtert ist auch Laura Marinov. Sie möchte Jura in Münster studieren. "Meine Chancen bei der Bewerbung sind für mich in diesem Jahr deutlich höher", sagt sie. Das habe ihr schon während des Abiturs Rückhalt gegeben.
Hochschulreife: Nur 30.000 statt 70.000 Absolventen
Statt der üblichen 70.000 Absolventinnen und Absolventen gibt es in diesem Jahr in Nordrhein-Westfalen nur etwa 30.000 Schulabgänger mit Hochschulreife. Denn an den Gymnasien in NRW fällt der gesamte Abschlussjahrgang aus. Abiturfeiern finden also nur an Gesamt- oder Berufsschulen statt, denn dort wurde G8 nie eingeführt.
Die digitale Entwicklung erhöht den Anpassungsdruck auf das Bildungssystem. Gleichzeitig bleiben zentrale Fächer unverzichtbar - unsere Lehrpläne stehen vor Herausforderungen.
18.01.2026 | 2:50 minDen Mangel an Abiturienten spüren bald auch die Universitäten in NRW. Sie erwarten für das kommende Wintersemester einen Rückgang der Erstsemester um einmalig 19 Prozent. Daher setzen einige Unis den Numerus Clausus (NC) herunter oder streichen ihn sogar ganz. So auch die Heinrich-Heine-Universität (HHU) in Düsseldorf.
Medizin, Psychologie, BWL: Lockerungen des NC in NRW
In beliebten Studienfächern wie Medizin oder Psychologie werden die Werte des NC im Zehntel-Bereich gelockert. Das klingt nach wenig, doch für Abiturienten kann die kleinste Änderung über lange Wartezeiten entscheiden. Im vergangenen Semester lag der NC in beiden Fächern bei 1,0.
Medizinstudium ohne NC - das ist in Nordrhein-Westfalen möglich. Im Gegenzug verpflichten sich die Studenten, zehn Jahre als Landarzt zu arbeiten, da auf dem Land Mediziner dringend gesucht werden.
20.09.2025 | 4:49 minIn Betriebswirtschaftslehre und Biochemie seien die Erleichterungen noch stärker, sagt Prof. Dr. Axel Görlitz, Prorektor für Studienqualität und Lehre der HHU. An der Ruhr-Universität Bochum gibt es für die Fächer Sozialwissenschaft, Sales Engineering and Product Management, Gender Studies und International Gender Studies im kommenden Wintersemester keine Zulassungsbeschränkungen mehr:
Wenn es nur so viele Bewerberzahlen wie Studienplätze gibt, muss kein Auswahlverfahren durch eine Zulassungsbeschränkung durchgeführt werden.
Ruhr-Universität Bochum
Industrie und Handwerk: Weniger Bewerber
Auch Industrie und Handwerk spüren den Wegfall der Abiturienten in diesem Jahr. Der Holzwerkstoff-Hersteller EGGER aus Brilon befürchtet, nicht alle Stellen in diesem Jahr besetzen zu können. Insbesondere die kaufmännischen Ausbildungsbereiche und ihr duales Studienangebot seien davon betroffen, berichtet Sabrina Ebers, Ansprechpartnerin für Ausbildung, Duales Studium und Praktikum bei EGGER.
Rund jeder vierte Studienanfänger bricht das Studium ab. Immer mehr Unternehmen rekrutieren Studienabbrecher für ihre Ausbildungsprogramme. Ein Mittel gegen den Fachkräftemangel?
29.08.2025 | 2:34 minDie Industrie- und Handelskammer in Düsseldorf erwartet, dass sich die Effekte der Umstellung auf G9 auch noch auf die kommenden Jahre auswirken werden. Denn viele Abiturienten planen vor dem Beginn ihrer Ausbildung beispielsweise einen Freiwilligendienst.
DRK fürchtet, dass viele Stellen unbesetzt bleiben
Und hier fehlen die jungen Menschen zuerst, wie das Deutsche Rote Kreuz (DRK) meldet. "Im schlimmsten Fall können wir 50 bis 60 Prozent der Stellen nicht besetzen", heißt es vom Deutschen Roten Kreuz Nordrhein e.V. Dann fehlt es möglicherweise an Helfern beim Rettungsdienst, im Kindergarten oder beim Katastrophenschutz.
Mehr junge Erwachsene haben einen Uni- oder Meisterabschluss, so die OECD. Doch auch der Anteil ohne Abschluss steigt - mit Folgen für Jobs und die Zukunft des Landes.
09.09.2025 | 1:33 minIm kommenden Jahr soll die Zahl der Abiturienten dann wieder auf die übliche Zahl von mehr als 70.000 ansteigen. Dann werden wohl auch die Plätze an den Unis wieder knapper. Die Unternehmen können dagegen wieder aufatmen. Der große Mangel an Auszubildenden ist dann vorbei.
Sara Mia Richter und Heiko Rahms berichten aus dem ZDF-Studio in Düsseldorf.
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