Digitalisierung im Gesundheitswesen:Notrufanlagen: Wenn deutsche Normwut Reformen ausbremst
von Ralph Goldmann und Werner Doyé
Deutschlands Gesundheitssystem gilt als reformbedürftig. Notrufsysteme in Pflegeheimen zeigen, wie technische Normen Innovation verhindern können. Die Schweiz ist längst weiter.
Zwingt eine deutsche DIN-Norm Krankenhäuser und Pflegeheime dazu, kabelgebundene Notrufsysteme zu nutzen, statt auf günstigere digitale Lösungen zu setzen?
21.04.2026 | 8:51 minBürokratie, Fachkräftemangel, Kostendruck - das deutsche Gesundheitssystem ist seit Jahren reformbedürftig. Politik und Verbände diskutieren aktuell mal wieder die großen Themen: Finanzlöcher der Krankenkassen, Medikamentenpreis, Digitalisierung, Ärztemangel.
Woran es hakt, sieht man aber auch an vermeintlich unscheinbaren Details, wie zum Beispiel den Notrufanlagen in Pflegeheimen und Krankenhäusern.
Notruf aufs Smartphone statt Lampensignal im Flur?
Im schweizerischen Alterszentrum "Zur Rose" in Reichenburg hat man schon vor drei Jahren ein digitales Funksystem eingeführt. Drückt eine Patientin den Notrufknopf, landet der Hilferuf direkt auf dem Smartphone der Pflegekraft. Ein System, dass sich bewährt hat, sagt Geschäftsführer Reto Weber:
Es spart Wegzeiten, steigert die Zufriedenheit von Personal und Bewohnern - und für mich als Geschäftsführer spart es Geld.
Reto Weber, Geschäftsführer Alterszentrum "Zur Rose"
Immer mehr Menschen im Pflegeheim sind auf Sozialhilfe angewiesen. Laut einer DAK-Studie könnte die Belastung ohne eine Reform weiter steigen.
05.03.2026 | 1:33 minWas in der Schweiz Standard ist, gilt in Deutschland als Problem. Hier dominiert weiter die sogenannte Lichtrufanlage mit einem Lampensignal im Flur und teurer Verkabelung. Denn in Deutschland gibt es die VDE-Norm 0834-1. Die legt fest, wie Rufanlagen in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern auszusehen haben.
Drahtloses Notrufsystem nur theoretisch möglich
Zwar heißt es in der Norm, auch drahtlose Systeme seien möglich, aber das gelte nur in der Theorie, in der Praxis verhindere die Norm solche Anlagen, sagt Tobias Britz. Seine Firma hat das Notrufsystem im schweizerischen Reichenburg installiert.
De facto geht es nicht. Europa ist dafür offen, nur in Deutschland ist es etwas speziell.
Tobias Britz, Geschäftsführer SmartLiberty AG
Herausgegeben wird die Norm 0834-1 vom Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (VDE). Er will sich auf Anfrage von ZDF frontal zu dem Widerspruch nicht äußern, bestätigt aber, dass er in Deutschland tatsächlich noch keine rein drahtlose Rufanlage zertifiziert habe.
Die Arbeit ist schwer, schlecht bezahlt und hat ein schlechtes Image: Die Pflege hat hierzulande einen schlechten Stand. Doch der Pflegenotstand kam nicht überraschend.
14.06.2022 | 10:05 minKartellvorwurf gegen Normengremium
Für die Träger von Pflegeheimen ist das ein Riesenproblem. Sie wollen die Digitalisierung, um effizienter zu werden und auch Kosten zu sparen. Normen sind zwar keine Gesetze, entscheiden aber über Betriebsgenehmigungen. "Wenn die Heimaufsicht sagt, das ist nicht zulässig, kann das Heim nicht in Betrieb gehen", erklärt Andreas Wedeking vom Verband katholischer Altenhilfe.
Da brauchen wir einfach Bürokratieabbau, mehr Freiheit und vor allen Dingen mehr Vertrauen in die Wohlfahrtspflege.
Andreas Wedeking, Verband katholischer Altenhilfe
Der deutsche Unternehmer Dieter Martin bietet digitale Notrufsysteme an, kann sie aber in Deutschland wegen Norm 0834-1 nicht verkaufen. Dem VDE wirft er Lobbyismus vor. Das zuständige Normungsgremium sei seit Jahrzehnten mehrheitlich besetzt von Herstellern kabelgebundener Lichtrufsysteme:
Nach meiner Auffassung bildet dieses Normengremium ein Kartell. Dieses Kartell verhindert, dass alternative Anbieter im deutschen Markt für Rufanlagen ihre Produkte verkaufen können.
Dieter Martin, Unternehmer
Notrufsysteme können auch bei Autounfällen Leben retten. Was bringt das neue Notrufsystem Next Generation eCall?
04.02.2026 | 0:40 minBefangenheitsverdacht gegen Gremienmitglieder
Innerhalb des VDE ist die Deutsche Kommission Elektrotechnik, Elektronik (DKE) für die Erarbeitung der Normen verantwortlich. Unter deren Dach gibt es diverse Komitees und Unterkomitees. Verantwortlich für die aktuell gültige Fassung der Norm 0834-1 ist das Unterkomitee 713.2. Wer genau die Norm verfasst hat, will der VDE auf Nachfrage von frontal nicht sagen, aus Datenschutzgründen.
In Unterlagen der DKE aus dem Jahr 2024, die ZDF frontal zugespielt werden, finden sich die Namen von 18 stimmberechtigten Mitgliedern eines Gremiums, das mit der Aktualisierung der Norm beschäftigt ist. Die Überprüfung der genannten Namen und Firmen ergibt, mindestens zwölf der 18 Mitglieder haben beruflich mit Herstellung, Installation oder Betrieb von Lichtrufanlagen zu tun.
VDE weist Kartellvorwürfe zurück
Und auch Werner Janßen, ehemaliges Mitglied im Normengremium, äußert den Verdacht, dass es bei der Erarbeitung der Norm nicht nur um den aktuellen Stand der Technik gehe.
Für viele ist es vom wirtschaftlichen Interesse, dass die Norm in dieser Form erhalten bleibt.
Werner Janßen, ehem. Mitglied im VDE-Normengremium
Pflegeheime und Pflegedienste stehen vor dem Kollaps: Steigende Löhne und Kosten treiben Eigenanteile auf Rekordniveau, Bewohner rutschen in die Sozialhilfe.
16.09.2025 | 8:25 minDer VDE weist das zurück und schreibt ZDF frontal: "Die benannten Personen handeln als Experten ihrer Fachrichtung." Und weiter: "Da wir nun davon ausgehen müssen, dass ein kartellrechtliches Verfahren gegen VDE/DKE eingeleitet wird, haben Sie sicherlich Verständnis dafür, dass wir uns zu detaillierten inhaltlichen Aspekten, die den Vorgang betreffen, noch nicht äußern werden."
Während Bund und Länder den Einfluss technischer Normen nun überprüfen wollen, blickt man in der Schweiz weiter verwundert nach Norden. "In Deutschland braucht es immer eine Norm, damit jemand verantwortlich ist", sagt Reto Weber. "Und man administriert sich zu Tode."
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