Thüringens Ministerpräsident:Mario Voigt und die KI
von Melanie Haack und Daniela Sonntag
Die FAZ hat einen Gastbeitrag von Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt gelöscht. Der Verdacht: Der Text stammt nicht von Voigt, sondern mindestens teilweise von einer KI.
Ministerpräsident Voigt wird vorgeworfen, einen Gastbeitrag in der FAZ mithilfe von KI erstellt zu haben. Die Zeitung hat den Artikel zurückgezogen und im Archiv gesperrt.
11.06.2026 | 0:30 minMario Voigt schreibt gern Gastbeiträge in Zeitungen. In einem erläutert der Ministerpräsident im April in der Thüringer Landeszeitung, wie Thüringen wettbewerbsfähig bleiben soll. "Es muss in allen Bereichen gezielt in Digitalisierung und Künstliche Intelligenz investiert werden", schreibt Voigt. Letztere hat er offenbar selbst intensiv genutzt. Voigt ließ Gastbeiträge und Reden mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) schreiben. Selbst beim Gedenkakt für die Opfer des Nationalsozialismus soll KI geholfen haben. Das fand das Online-Portal "FragDenStaat" heraus. Voigt selbst findet das völlig normal.
Tatsächlich lassen viele Politiker mittlerweile ihre Reden mithilfe von KI aufpimpen, doch Voigt ist dabei offenbar ein entscheidender Fehler unterlaufen. In einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung zitierte Voigt drei Experten wörtlich. Ihre Zitate aber lassen sich, auch nach unseren Recherchen, nirgends finden.
Die FAZ hat den Text von Mario Voigt nach den Ergebnissen von "FragDenStaat" nun von ihrer Webseite gelöscht und im Archiv gesperrt. Nach ihren Angaben verstößt die Verwendung von KI-generierten Formulierungen gegen ihre Grundsätze. Die Thüringer Staatskanzlei hatte dazu erklärt, dass "Künstliche Intelligenz im Jahr 2026 zum Arbeitsalltag moderner Organisationen gehört". Der Ministerpräsident wollte heute nichts mehr dazu sagen. Koalitionspartner und SPD-Innenminister Georg Maier erklärt, es gebe ohnehin keine Partei, die nicht KI nutzt.
Die Europäische Kommission plant ein Förderpaket für Künstliche Intelligenz, Cloud-Dienste und Halbleiter. Ziel ist es, Europas digitale Abhängigkeit von US-Konzernen zu verringern.
03.06.2026 | 1:40 minKI und Glaubwürdigkeit
Voigts KI-Faux-Pas wird nun im politischen Thüringen heftig diskutiert. Dass ausgerechnet dem ehemaligen Professor für digitale Transformation ein solcher handwerklicher Fehler unterläuft, erstaunt hier viele. Die oppositionelle Linke erklärte, Voigt verstoße beim KI-Gebrauch gegen die Dienstanweisung seines Digitalministeriums. Anders als dort festgehalten, fehlten bei Voigts Reden und Zeitungstexten Hinweise auf den Gebrauch von KI.
Mit seinem Verhalten wird Mario Voigt zu einem Beispiel dafür, wie man KI nicht nutzt.
Katja Maurer, Landesvorsitzende Die Linke Thüringen
Problematisch kommt hinzu, dass Voigts Glaubwürdigkeit ohnehin durch eine Plagiatsaffäre angekratzt ist. Anfang des Jahres hatte die Technische Universität Chemnitz Voigt den Doktortitel aberkannt -wegen Plagiaten. Voigt hat dagegen Widerspruch eingelegt. Das Verfahren läuft noch.
In seiner ersten Enzyklika plädiert Papst Leo XIV. dafür, KI im Sinne des Gemeinwohls einzusetzen und fordert mehr rechtliche Rahmenbedingungen. Er spricht von einem Epochenwandel.
25.05.2026 | 2:34 minDass nun die KI-Causa dazu kommt, sei für Mario Voigt sehr unglücklich, so Politikwissenschaftler Oliver Lembcke von der Ruhr Universität Bochum: "Weil jetzt ja der Eindruck entsteht und seine politischen Gegner diesen Eindruck auch wirklich schüren wollen, nämlich dass es keine Einzeltat ist, sondern dass es gewissermaßen eine fortgesetzte Übung vom Ministerpräsidenten ist. Nach dem Motto, er kann gar nicht anders. Wenn er zur Feder greift, plagiiert er irgendwie."
Wenn dieser Eindruck tatsächlich durchdringen sollte, dann ist das ganz, ganz schlecht für Mario Voigt gelaufen.
Oliver Lembcke, Politikwissenschaftler
Für die oppositionelle Thüringer AfD sind die Vorwürfe eine neue Steilvorlage. Obwohl sie zuletzt selbst zugeben musste, dass sie mithilfe von KI die Regierung mit unzähligen Kleinen Anfragen überhäuft.
Künstliche Intelligenz erhält immer mehr Einzug in unseren Alltag - besonders die junge Generation greift häufig darauf zurück. Welche Folgen hat das für unser Zusammenleben?
07.05.2026 | 11:36 minPolitik im KI-Zeitalter
Und hier treffen Anspruch und Realität aufeinander. Es sei grundsätzlich nicht verwerflich, so Lembcke, wenn Politiker KI als Arbeitsmittel benutzen. Es sei sogar ein sehr hilfreiches Instrument. Politik sei unheimlich schnelllebig. Glaubwürdigkeit aber brauche reale Authentizität. Doch wie schwer es überhaupt ist, diese Dinge auseinanderzuhalten, zeigt dieser Fall eben auch.
Auch vor der Justiz macht KI nicht halt - in Zukunft soll sie Prozesse deutlich beschleunigen. Sie unterstützt, sortiert und wertet aus - soll aber keine Richter ersetzen.
11.06.2026 | 3:51 minEiner der von Voigt in der FAZ zitierten Wissenschaftler, der Neurobiologe Gerald Hüther, erklärt auf unsere Nachfrage, dass er auch selbst nicht genau feststellen kann, ob dieses Zitat echt ist. "Es könnte aus einem meiner Podcast-Beiträge stammen." Aber so genau könne selbst er das nicht mehr rückverfolgen. "Es gibt leider tatsächlich auch viele KI-generierte Fake-Videos mit mehr oder weniger an meinen Aussagen angelehnten Inhalten. Der Satz kann also auch dort entnommen worden sein."
Was ist echt, was hat die KI erfunden? Für den Ministerpräsidenten wird es jetzt darauf ankommen, mehr Glaubwürdigkeit zu liefern.
Melanie Haack leitet das ZDF-Landesstudio in Thüringen, Daniela Sonntag ist Reporterin im Studio.
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