Urteil zu Magdeburg-Anschlag: Ist die Höchststrafe zu erwarten?

Anschlag auf Weihnachtsmarkt:Urteil im Magdeburg-Prozess erwartet: "Innere Betroffenheit"

Annette Pöschel, Redakteurin im ZDF-Landesstudio Sachsen-Anhalt.

von Annette Pöschel

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Nach rund 32 Wochen mit 40 Verhandlungstagen geht der Prozess um den Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt seinem Ende entgegen. Heute wird das Urteil erwartet.

Der Angeklagte Taleb al-Abdulmohsen steht im Gerichtssaal des temporären Gerichtsgebäudes vom Landgericht Magdeburg.

Keine Reue, keine Einsicht. Im Prozess um den Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt soll das Urteil fallen. (Archivbild)

Quelle: dpa

Kirsti Gräf trägt einen großen Blumentopf durch die Innenstadt von Magdeburg. Vorbei am Alten Markt, wo vier Tage vor Weihnachten 2024 ein Mann mit einem 340 PS starken Auto sechs Menschen tötete und mehr als 300 verletzte.

Sie läuft zum Gedenkstein, den die Stadt zur Erinnerung und aus Dankbarkeit für die vielen Ersthelfer errichtet hat, und stellt vorsichtig ihre Sonnenblume ab. Leuchtend gelb ist die Pflanze ein Symbol für Optimismus und Kraft.

Ich spüre immer noch eine sehr große Beklommenheit und auch Traurigkeit, dass das in unserer Stadt passieren konnte, dass Menschen bis heute so sehr traumatisiert sind.

Kirsti Gräf, Traumapädagogin

Seitdem begleitet Kirsti Gräf im Trauerinstitut der Pfeifferschen Stiftungen Angehörige von Getöteten und Verletzten. Sie findet, der Prozess gegen den Attentäter sei für viele Betroffene wichtig gewesen: "Er hat ihnen dabei geholfen, Worte zu finden, nach der anfänglichen Sprachlosigkeit und Ohnmacht, als sie während der Verhandlung ihre Aussagen machen konnten."

 In der Pressekonferenz informierten die Obleute von CDU, FDP und SPD über den Abschlussbericht des 21. Parlamentarischen Untersuchungsausschusses

Nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Magdeburg hat der Untersuchungsausschuss seinen Bericht vorgelegt. Darin werden gravierende Defizite im Sicherheitskonzept festgestellt.

19.05.2026 | 1:41 min

Magdeburg: Größter Strafprozess in Sachsen-Anhalt

In gewisser Weise ist dieser Prozess einer der Superlative: Für mehrere Millionen Euro war ein temporäres Gerichtsgebäude errichtet und angemietet worden - viel kritisiert ob seiner Dimension und der Kosten. Aber nötig, weil jedem der mehr als 200 Nebenkläger und deren Rechtsbeistände ein Platz im Verhandlungssaal zustand.

"Es handelt sich um den größten Strafprozess in Sachsen-Anhalt", resümiert Christian Löffler, Sprecher des Landgerichts Magdeburg.

Es sind über 100 Zeugen vernommen worden. Es wurden viele Sachverständige gehört. Und das Gericht hat 4.000 Seiten Akten im Selbstleseverfahren gelesen.

Christian Löffler, Sprecher des Landgerichts Magdeburg

SGS-Mirjam-Meinhardt-Andreas-Postel

Die Verantwortung wurde zwischen Stadt, Veranstalter und Polizei hin- und hergeschoben, so ZDF-Reporter Andreas Postel aus Magdeburg zur Aufarbeitung des Weihnachtsmarkt-Anschlags von 2024.

19.05.2026 | 3:03 min

Anwalt: Seelische Narben bleiben

Es war auch ein höchst emotionaler Prozess. Holger Stahlknecht vertritt den Sohn einer durch den Anschlag getöteten Mutter. Die Mandanten seiner Kanzleikollegen wurden schwer verletzt. Zwar seien die Knochenbrüche geheilt, sagt er, doch die seelischen Narben bleiben.

Besonders eindringlich in Erinnerung geblieben ist ihm die Schilderung eines erfahrenen Ärzteteams, wie es noch auf dem Weihnachtsmarkt versucht hatte, ein Kind zu reanimieren, obwohl ihnen klar war, dass es keine Chance mehr hat. Oder:

Da war eine Tochter, die ihre Mutter verloren hat, die tagelang auf der Suche nach ihr war, bis die Gewissheit kam. Das sind so Dinge, die dann sehr ins Persönliche gehen und die bei jedem, der da sitzt, auch Strafverteidiger und Gericht natürlich, eine innere Betroffenheit auslöst.

Holger Stahlknecht, Anwalt

Prozess um Anschlag von Magdeburg: Justizbeamte mit dem Angeklagten

Der Todesfahrer vom Magdeburger Weihnachtsmarkt ist schuldfähig: Das ergab ein Gutachten, das im Prozess gegen den Angeklagten Taleb A. vorgelegt wurde.

28.01.2026 | 0:33 min

Angeklagter: Keine Reue, keine Einsicht

Und der Angeklagte? Der damals 50-jährige saudische Staatsbürger, der zum Tatzeitpunkt bereits jahrelang als Psychiater im Maßregelvollzug in Sachsen-Anhalt gearbeitet hatte? Keine Reue. Keine Empathie. Keine Einsicht. Dafür viel Aufheben um seine Person.

Gleich am ersten Tag versuchte er aus seinem Glaskasten heraus, in dem er aus Sicherheitsgründen im riesigen Verhandlungssaal vis-a-vis den Nebenklägern gegenüber saß, den Medien Botschaften zu senden.

Später blieb sein Platz leer - er war in den Hungerstreik getreten. Und einmal musste er ins Gericht getragen werden, weil er seine Anwesenheit verweigerte. Und immer wieder stundenlange, ausschweifende Vorträge.

10.11.2025, Sachsen-Anhalt, Magdeburg: Justizbeamte führen Taleb al-Abdulmohsen auf dem Gelände der Landesbereitschaftspolizei zu einem Hubschrauber. Am Morgen begann der Prozess gegen Taleb al-Abdulmohsen, der am 20. Dezember 2024 über den Magdeburger Weihnachtsmarkt gefahren war. Bei dem Anschlag wurden sechs Menschen getötet. Zudem wurden mehr als 300 Menschen verletzt oder traumatisiert. Die Generalstaatsanwaltschaft wirft dem Täter versuchten Mord in 338 Fällen vor

Etwa elf Monate nach dem Anschlag auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt mit sechs Toten und hunderten Verletzten hat der Prozess gegen Taleb A. begonnen.

10.11.2025 | 2:22 min

Generalstaatsanwalt fordert Höchststrafe

All dies floss ein in das psychiatrische Gutachten, das Taleb A. eine narzisstische Persönlichkeit attestierte.

Dies bedeutet, dass der Angeklagte selbstverliebt ist, nur sich selbst in den Mittelpunkt stellt und nur seine Ich-Bezogenheit betrachtet, er für das Leid anderer nicht empfindlich ist, sondern nur meint, er stehe im Mittelpunkt der Welt.

Christian Löffler, Sprecher des Landgerichts Magdeburg

Und so bleibt für viele Betroffene vor allem die eine Frage, die nach dem Warum, nicht beantwortet, so Kirsti Gräf. Die Generalstaatsanwaltschaft hat in ihrem Plädoyer die Höchststrafe gefordert: lebenslange Freiheitsstrafe mit Feststellung der besonderen Schwere der Schuld sowie die Anordnung einer Sicherungsverwahrung. Das bedeutet, der Todesfahrer hätte kaum Chancen, jemals wieder als freier Mann das Gefängnis zu verlassen.

Annette Pöschel ist Korrespondentin im ZDF-Studio in Magdeburg.

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Über dieses Thema berichtete das heute journal Update am 26.06.2026 ab 00:30 Uhr.

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