Nach Lizenzentzug im Ausland:Register für auffällige Ärzte gefordert
von Maria Christoph, Anne Herzlieb und Sophia Stahl
Nach Lizenzentzug im Ausland arbeitet ein Arzt hierzulande weiter - kein Einzelfall. Nun fordern Bundesärztekammer und Politiker ein einheitliches Register für auffällige Ärzte.
Journalisten deckten 2025 auf, dass über 30 Mediziner trotz Entzugs ihrer Zulassung im Ausland ihre Approbation in Deutschland behielten. Die Bundesärztekammer fordert ein passendes Register.
09.01.2026 | 2:27 min
Thomas Gölkel hatte einen Traum: einmal im Leben einen Marathon laufen. Darauf trainierte der 46-Jährige hin, lief jeden Tag rund zehn Kilometer. Bis er umknickte, sich zwei Bänder am Knöchel riss, operiert werden musste. Anderthalb Jahre und zwei Revisions-OPs später geht er immer noch an Krücken und hat unerträgliche Schmerzen:
Es fühlt sich an, als wenn Sie mit einem langen, scharfen Messer mit sägenden Bewegungen bis tief bis an den Knochen schneiden.
Thomas Gölkel, Patient
Fälle, in denen Ärzte nach Zulassungsentzug weiterarbeiten, hat unter anderem Anne Herzlieb aus der ZDF-Frontal-Redaktion aufgedeckt. Sie erklärt, wie es nun weitergeht.
09.01.2026 | 5:07 minSchutz vor Ärztepfusch funktioniert nur schlecht
An Sport ist nicht mehr zu denken. Gölkel ist froh, wenn er es tagsüber mal kurz raus schafft, frische Luft zu schnappen. Seit der ersten OP in einer chirurgischen Praxis in einem Ort am Bodensee nimmt er starke Medikamente: Metamizol, Ibuprofen und Spritzen gegen die drohende Thrombose.
Thomas Gölkel sieht sich als Opfer eines europaweiten Systemversagens. Eigentlich sollen Approbationsbehörden und Ärztekammern Patienten vor unfähigen oder kriminellen Ärzten schützen, solchen, die wegen Behandlungsfehlern oder sexueller Übergriffe in anderen Ländern ihre Zulassung verloren haben. Doch eine gemeinsame Recherche des ZDF-Magazins frontal, dem "Spiegel" und dem "Organized Crime and Corruption Reporting Project" (OCCRP) zeigte bereits im Oktober vergangenen Jahres: Das System funktioniert mehr schlecht als recht.
Recherche von Oktober 20225: Mehr als 30 Ärzte in Deutschland praktizieren hier weiter, obwohl ihnen im Ausland die Lizenz entzogen worden ist.
07.10.2025 | 13:36 minO. als Arzt "eine Gefahr für Patienten"
November 2024: Der deutsche Arzt O. operiert Thomas Gölkel am Knöchel. Zu dem Zeitpunkt weiß Gölkel nicht, dass O. in Norwegen, wo er zuvor praktizierte, bereits Anfang 2021 die Lizenz verloren hatte. Der Grund: Er habe Patienten "einem unverhältnismäßig hohen Risiko ausgesetzt" und "vielen von ihnen irreversiblen Schaden zugefügt", wie das norwegische Gesundheitsministerium erklärte.
In 58 Fällen zahlte die Behörde Schmerzensgeld an die betroffenen Patienten von O. Gegenüber dem ZDF sagte Sjur Lehmann, der Direktor der norwegischen Gesundheitsbehörde, O. sei "eine Gefahr für Patienten - wo auch immer er sich entscheidet weiterzupraktizieren".
Eigene Recherche nach Komplikationen
Als bei Thomas Gölkel nach der Behandlung durch den Arzt O. Komplikationen auftreten, fängt er an, auf eigene Faust zu recherchieren. Zufällig stößt er im Internet auf einen norwegischen Artikel über einen ehemaligen Patienten des Chirurgen.
Thomas Gölkel leidet an den Folgen einer missglückten Operation.
Quelle: ZDFZwei Operationen am Knöchel des Norwegers Finn Olsen, die der deutsche Arzt O. vornahm, liefen schief: Platten und Schrauben lösten sich, der Fuß entzündete sich schwer, irgendwann war auch der Knochen von Bakterien befallen, der Unterschenkel musste amputiert werden. Gölkel ist geschockt und gleichzeitig froh: "Ich bin Finn Olsen sehr dankbar, dass er seine Geschichte geteilt hat. Ohne ihn wäre ich nie darauf aufmerksam geworden."
Frontal enthüllt zusammen mit Medienpartnern in ganz Europa einen Ärzteskandal: Behörden lassen Fachkräfte trotz Lizenzentzug praktizieren. Anne Herzlieb spricht über die Recherche.
08.10.2025 | 5:10 minGutachten untermauert Verdacht auf ärztliche Fehler
Gölkel wechselt den Arzt und wendet sich im Sommer 2025 an die Bezirksärztekammer Südwürttemberg, beantragt eine Überprüfung der Berufsausübung von O.. Doch die Kammer wies seine Anfrage zunächst ab. Man "sehe keinen Anlass, O. um eine Stellungnahme zu bitten". O. selber teilt gegenüber Gölkels Anwalt später mit, seine Operation sei "ohne Komplikationen" verlaufen.
Ein Gutachten der gesetzlichen Krankenkasse DAK, das Gölkels Anwalt Bernhard Bense in Auftrag gegeben hatte, untermauerte jedoch seinen Verdacht auf ärztliche Fehler: So seien Sehnen "irrtümlich durch eine Naht fixiert" worden. Aufgrund einer "fehlerhaften Operationstechnik" sei der "Folgeeingriff notwendig" geworden, heißt es in dem Gutachten. Der lange Behandlungsverlauf und die Notwendigkeit des Zweiteingriffs seien "auf Fehler beim Ersteingriff zurückzuführen". Gölkel ist der erste uns bekannte deutsche Patient, der O. Behandlungsfehler vorwirft. Im Dezember musste er ein zweites Mal nachoperiert werden.
Vor allem in ländlichen Regionen müssen wenige Ärzte immer mehr Menschen versorgen. Ein neues Praxiskonzept soll die Situation verbessern.
31.12.2025 | 1:51 minEintrag für O. im Binnenmarkt-Informationssystem
Als Patient fühlt sich Thomas Gölkel von den zuständigen Stellen in Deutschland im Stich gelassen. Denn seit 2022 gab es mehrere Medienberichte in Norwegen und Deutschland über die vermeintlichen Fehloperationen, die norwegischen Behörden hatten sogar die deutsche Botschaft in Oslo gewarnt.
Für O. existiert zudem ein Eintrag im europäischen Binnenmarkt-Informationssystem, kurz IMI. Über die Datenbank können europäische Länder sich gegenseitig vor auffällig gewordenen Ärzten warnen. Dem Regierungspräsidium Stuttgart, das für die Approbation von O. zuständig ist, war seine Vorgeschichte in Norwegen bekannt.
Behörden in Baden-Württemberg verweisen aufeinander
Dennoch argumentiert die deutsche Behörde, ein Approbationsentzug auch hierzulande sei in diesem Fall unverhältnismäßig, und verweist bezüglich einer "medizinisch-fachlichen Aufsicht" in diesem Fall auf die Ärztekammer in Baden-Württemberg.
Diese verweist in ihrer Antwort hingegen wieder auf die Approbationsbehörde in Stuttgart und schreibt: "Es sei nochmals allgemein darauf hingewiesen, dass die Ärztekammer bei begründeten Zweifeln - wie bereits ausgeführt - das Regierungspräsidium Stuttgart informiert." Denn nur beim Regierungspräsidium Stuttgart seien approbationsrechtliche Maßnahmen angesiedelt.
Bei einer Übung in Ulm proben Ärzte und Rettungskräfte den Ernstfall. Das Ziel: Krankenhäuser besser auf Terror, Krieg und viele Verletzte vorbereiten.
25.05.2025 | 2:44 minPatientenbeauftragter kritisiert Zusammenarbeit
Stefan Schwartze (SPD) ist Patientenbeauftragter der Bundesregierung und erfährt von frontal, dass es wohl auch hierzulande einen Betroffenen gibt: "Da werden die schlimmsten Befürchtungen wahr", sagt er.
Die Zusammenarbeit zwischen den Ärztekammern und den Approbationsbehörden funktioniert nicht.
Stefan Schwartze (SPD), Patientenbeauftragter der Bundesregierung
Schwartze fordert deshalb ein zentrales Ärzteregister, das Verstöße schneller erkenne und Patienten besser schütze.
Dem schließt sich auch der Bundestagsabgeordnete und Arzt Janosch Dahmen von den Grünen an: Ein bundesweites Register müsse "auch ausländische Berufsverbote erfassen". Außerdem müsse es klare Meldepflichten zwischen Kammern und Behörden sowie ein verpflichtendes und automatisches Greifen des europäischen Warnsystems IMI geben, erläuterte Dahmen.
Bundesärztekammer fordert bundesweites Ärzteregister
Auf Nachfrage räumt auch die Bundesärztekammer ein: Die Zusammenarbeit zwischen Approbationsbehörden und Ärztekammern sei "ausbaufähig" und schließt sich angesichts der Recherchen von ZDF und "Spiegel" den Forderungen an. Der Vorsitzende Klaus Reinhardt will am liebsten "so schnell wie möglich" ein behördeninternes Register auf den Weg bringen, "auf das Approbationsbehörden und Kammern zeitgleich Zugriff haben".
Dann hätte man die Möglichkeit, die Daten von Ärzten abzugleichen.
Klaus Reinhardt, Vorsitzender der Bundesärztekammer
Die Approbationsbehörden aus mehreren Bundesländern haben sich dem angeschlossen. Bei einer Konferenz der Landesgesundheitsministerien Ende Januar soll der Vorschlag auf den Tisch.
Schönheitsoperationen sind medizinisch nicht notwendig. Dennoch werben einige Ärzte mit Vorher- und Nachherbildern. Der Bundesgerichtshof hat nun ein Urteil über die Rechtmäßigkeit gefällt.
31.07.2025 | 2:31 minPatientenbeauftragter will Überprüfung von Ärzten
Der Patientenbeauftragte Schwartze will in Zukunft strenger die Vorgeschichte prüfen lassen, wenn Ärzte aus dem Ausland zurück nach Deutschland kommen: "Wir verlangen von jedem ausländischen Arzt, der nach Deutschland kommt, eine Unbedenklichkeitsüberprüfung."
Ich finde wir müssen von jedem Arzt, der wieder nach Deutschland kommt, - auch denen mit der deutschen Approbation - eine solche Unbedenklichkeitserklärung abverlangen.
Stefan Schwartze (SPD), Patientenbeauftragter der Bundesregierung
Für Thomas Gölkel kommen diese Ankündigungen zu spät. Er will nun gemeinsam mit seinem Anwalt Bernhard Bense für eine finanzielle Entschädigung kämpfen. Er hofft, eines Tages wieder unbeschwert Sport treiben zu können und dass seinem ehemaligen Arzt O. endlich das Handwerk gelegt wird.
An der Praxis am Bodensee, wo Gölkel einst operiert wurde, ist der Name des Arztes O. am Schild abgeklebt. Anfragen vom ZDF und "Spiegel" zu den Vorwürfen lässt O. unbeantwortet. Anwalt Bense vermutet, dass O. längst weitergezogen ist - ins nächste Bundesland. Denn solange er seine Approbation habe, könne er in Deutschland weiterpraktizieren.
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