Kanzler fordert Kraftanstrengung:Ökonom zu Merz-Rede beim DGB: "Er hat hier Tacheles geredet"
von Silas Thelen
Beim DGB-Bundeskongress fordert Merz zur gemeinsamen Kraftanstrengung auf - und erntet Buhrufe. DIW-Präsident Fratzscher sieht dennoch "ein klares Angebot" des Kanzlers.
Kanzler Merz habe den Mitgliedern des DGB viel zugemutet, sagt DIW-Präsident Fratzscher. Das habe man auch an der Tonlage im Saal gehört.
12.05.2026 | 3:54 min"Deutschland muss sich aufraffen", mahnt Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) beim Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Berlin - und erntet dafür Buhrufe und Gelächter im Saal. "Es war eine mutige Rede", sagt dagegen Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), bei ZDFheute live.
Er hat den DGB-Beteiligten (…) sehr viel zugemutet - und das hat man an der Tonlage dort im Saal gehört.
Marcel Fratzscher, DIW-Präsident
In seiner Rede vor dem DGB hat Bundeskanzler Merz zu einer nationalen Kraftanstrengung aufgerufen, um Deutschlands wirtschaftliche Stagnation zu überwinden. Sehen Sie hier die ganze Rede.
12.05.2026 | 33:34 minDiese zwei Schwerpunkte setzte Merz beim DGB
Merz habe zwei Schwerpunkte in seiner Rede gesetzt, so Fratzscher: "Der zentrale Punkt des Bundeskanzlers war: Wir alle werden verzichten müssen. Wir alle werden einen Beitrag leisten müssen, damit Deutschland wirtschaftlich und sozial zukunftsfähig wird."
Der Bundeskanzler hat beim Deutschen Gewerkschaftsbund die Reformpläne der Regierung verteidigt. Die Delegierten reagierten mit Buhrufen und Gelächter. Die Szene im Video.
12.05.2026 | 0:32 minInsbesondere im zweiten Teil der Rede habe Merz darauf hingewiesen, dass die Sozialsysteme nicht weiter so funktionieren können, wie bisher: "Es müssen Prioritäten gesetzt werden - das hat er immer wieder betont." Merz habe darauf hingewiesen, dass man offen für Veränderungen sein müsse - auch die Beschäftigten, etwa beim Thema der Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt.
… ist Wissenschaftler, Autor und Kolumnist. Er ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er ist unter anderem Mitglied des Beirats des Bundeswirtschaftsministeriums und der Euro50 Group. Seine inhaltliche Arbeit fokussiert sich unter anderem auf Themen der Makroökonomie, Finanzmärkte, Globalisierung und Integration Europas.
Fratzscher: Merz "hat hier Tacheles geredet"
Mit seiner Rede habe er den Gewerkschaftsvertretern "ein klares Angebot gemacht", so Fratzscher: "Er hat immer wieder betont, alle müssen sich beteiligen - auch der DGB." Trotz der Unruhe im Saal habe der Kanzler den Austausch gesucht, so der Experte:
Ich habe es nicht als eine Konfrontation, sondern als eine Einladung verstanden - beteiligt euch, eure Stimme ist wichtig.
Marcel Fratzscher, DIW-Präsident
Bundesfinanzminister Klingbeil fordert beim DGB, dass Spitzenverdiener steuerlich stärker belastet werden.
12.05.2026 | 0:17 min"Ich denke, er hat versucht, die Balance zu finden, seine Meinung und auch konfrontative Punkte einzubringen und gleichzeitig die Brücke zu den Beschäftigten nicht abzureißen", so Fratzscher bei ZDFheute live. Grundsätzlich aber sei erkennbar gewesen, dass der Kanzler sich auf die Seite der Wirtschaft stelle: "Und deshalb war das eine mutige Rede. Er hätte das auch anders gestalten können."
Er hat hier Tacheles geredet und mit sehr viel Ehrlichkeit und Offenheit die Konfrontation gesucht.
Marcel Fratzscher, DIW-Präsident
Beim Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbundes wurde Yasmin Fahimi als Vorsitzende mit großer Mehrheit wiedergewählt.
11.05.2026 | 2:41 minFratzscher: Darüber streitet Schwarz-Rot
Die Merz-Rede offenbart auch die Konfliktlinie innerhalb der schwarz-roten Koalition: Die "zentrale Hürde" innerhalb der Bundesregierung sei die Frage, wie denn alles finanziert werden solle. Die Union lehne Steuererhöhungen "kategorisch ab" und wolle bei Sozialausgaben kürzen - die SPD hingegen wolle "keine Kürzungen beim Sozialstaat, sondern Steuererhöhungen vor allem bei Spitzenverdienern und Menschen mit hohen Vermögen." Ihr Defizit müsse die Regierung nun füllen.
Solange die Parteien sich nicht einig werden und einen Weg finden, wie man das Geld aufbringt, solange wird sie nicht reformfähig sein.
Marcel Fratzscher, DIW-Präsident
Das Interview führte ZDFheute live-Moderatorin Jessica Zahedi.
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