Krankenkassen streichen Übernahme:Aus für Cannabis auf Rezept: Schmerzpatienten in Sorge
von Anne-Kirstin Berger
Die gesetzlichen Krankenkassen streichen die Kostenübernahme für medizinische Cannabisblüten. Ob dadurch wirklich Geld gespart wird, ist unklar. Patienten fürchten nun hohe Kosten.
Mit dem neuen GKV-Sparpaket zahlen Kassen nur noch Cannabis-Präparate, nicht mehr Blüten. Tausende Schwerkranke sehen ihre wirksame Therapie gefährdet.
19.08.2026 | 1:57 minEs blubbert und ein süßlicher Nebel zieht durch den Raum, als Bernd Vohwinkel an seinem Vaporisator zieht. Mit dem kleinen Gerät verdampft er Cannabisblüten, die er auf ärztliches Rezept bekommt. "Das ist mein richtiges Schmerzmittel, dadurch kann ich wieder am normalen Leben teilnehmen", sagt der 69-Jährige, der seit einem Unfall an chronischen Schmerzen in der Schulter leidet und noch dazu an der Augenkrankheit grüner Star.
Mit Cannabis erreicht er, was keine andere Behandlung geschafft hat: Er wird schmerzfrei.
Doch seit am 30. Juli das Beitragssatzstabilisierungsgesetz mit Milliarden-Einsparungen bei der gesetzlichen Krankenversicherung in Kraft getreten ist, übernimmt die Krankenkasse die Kosten für Cannabisblüten nicht mehr. Bernd Vohwinkel muss die Blüten jetzt selbst zahlen.
Ich habe Existenzängste. Wenn ich mir das jetzt ausrechne, das sind ja 1.500 Euro im Monat, wie soll ich denn die verdienen?
Bernd Vohwinkel, Patient
Internetportale dürfen seit März nicht für ärztliche Behandlungen mit medizinischem Cannabis werben.
26.03.2026 | 1:22 minImmer mehr Cannabis-Verschreibungen
Etwa 65.000 Patienten in Deutschland bekamen bisher Cannabisblüten auf Krankenkassen-Rezept, so Daten der "Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin". Dafür galten strenge Vorgaben: Nur Patienten, die schwer krank waren und bei denen andere Therapien wirkungslos waren, hatten einen Anspruch auf Kostenübernahme.
Diese Regeln galten seit 2017. Seitdem sind die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für medizinisches Cannabis von Jahr zu Jahr gestiegen, auf zuletzt gut 103 Millionen Euro, so Daten des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherung.
Zwei Jahre nach der Teillegalisierung von Cannabis sind bundesweit 413 Anbau-Clubs entstanden.
09.04.2026 | 0:28 minKrankenkassen bemängeln fehlende Studien
Der Spitzenverband befürwortet die Gesetzesänderung in einer Stellungnahme an ZDFheute. "Aus Gründen der weiterhin fehlenden Evidenz und der Arzneimitteltherapiesicherheit" sei es besser, cannabishaltige Arzneimittel, statt Blüten zu verordnen. Auch die AOK schreibt, es gebe nicht ausreichend Belege für die medizinische Wirksamkeit von Cannabis bei bestimmten Krankheiten.
Bei chronischen Schmerzen kann medizinisches Cannabis wirken, wo andere Therapien versagen. Damit könnte Schluss sein.
Quelle: ZDFDie Neurologin Kirsten Müller-Vahl forscht dazu seit Jahren an der Medizinischen Hochschule Hannover. "Es gibt sehr wenige Studien zu Medizinal-Cannabisblüten", sagt sie. "Das hat vielfältige Gründe, unter anderem, dass das nicht patentierbar ist." Für einige Erkrankungen ist die Wirksamkeit von Cannabisblüten aber belegt, darunter chronische Schmerzen und Spastiken. In jedem Fall sei die Behandlung sicher, so Kirsten Müller-Vahl:
Wir reden nicht vom Rauchen von Joints, sondern der Inhalation mit Vaporisatoren. Das ist sehr gut steuerbar, weil die Wirkung sehr schnell eintritt und damit ist wirklich eine gute, präzise medikamentöse Behandlung möglich.
Kirsten Müller-Vahl, Medizinische Hochschule Hannover
Zwei Jahre nach der Legalisierung von Cannabis, blieb der befürchtete Anstieg von Konsumenten aus.
01.04.2026 | 0:18 minZweifel an Einsparungen: Auch Alternativen sind teuer
Medikamente, die Cannabis-Wirkstoffe enthalten, werden weiterhin von den Krankenkassen bezahlt. Doch Mediziner sehen darin keine Alternative:
- Diese Präparate wirkten anders und seien nur für wenige Krankheitsbilder zugelassen. Und
- sie seien teurer als Cannabisblüten.
Kirsten Müller-Vahl glaubt daher nicht, dass mit der Gesetzesänderung Kosten gespart werden können - im Gegenteil. "Wir müssen die Patienten umstellen auf andere Produkte und zum Teil ist das teurer", sagt sie. Auch die Krankenkassen, die das Ende der Cannabis-Blüten befürworten, gehen von eher geringen Einsparungen aus.
In Cannabis Clubs können Mitglieder legal Cannabis erwerben. Gründer der Wubatz e .V. Sebastian Brebeck betont die Vorteile, die durch geregelte Verteilung entstehen.
01.07.2025 | 1:11 minEigenanbau oft keine Alternative
Cannabis für die eigene Behandlung selbst anzubauen, ist für Betroffene meist keine Alternative. Dafür brauchen sie viel zu große Mengen, außerdem ist die Qualität und Menge der Wirkstoffe bei selbstgezogenen Blüten sehr unterschiedlich.
Schmerzpatient Bernd Vohwinkel bereitet deshalb nun eine Klage vor dem Sozialgericht gegen die Gesetzesänderung vor. "Inhuman" sei sie, und treffe diejenigen, die ohnehin schon gesundheitlich schwach seien. Bernd Vohwinkel hofft, dass das Gericht ihm Recht gibt.
Anne-Kirstin Berger ist Reporterin im ZDF-Landesstudio Hannover.
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