Zwischen Fähre und Verzweiflung:Bonner Brückendesaster: "Haben uns einfach nicht gekümmert"
von Lothar Becker
Im Juni wurde die Bonner Nordbrücke wegen massiver Schäden abrupt gesperrt, für zwei Jahre - mit Folgen für Anwohner und Wirtschaft. Was zeigt der Fall über Brücken in Deutschland?
Die Rheinbrücke Bonn-Nord bleibt bis mindestens Ende 2028 gesperrt. Denn: Der Zubringer muss abgerissen und neu gebaut werden.
19.06.2026 | 1:28 minMorgens um sieben läuft in Bonn nichts mehr - zumindest nicht wie gewohnt - und gleichzeitig versuchen alle ihren Lebensalltag neu zu erfinden. In Mondorf, in Blickweite der gesperrten Bonner Nordbrücke legen zwei Fähren im Minutentakt ab, Arbeiter, Schüler, Pendler drängen an Bord.
"Eine Fähre kann niemals eine Brücke ersetzen", sagt Ingo Schneider-Lux, Betriebsleiter. Hunderttausend Fahrzeuge täglich - das können seine Fähren nicht annähernd kompensieren. Doch genau das ist der neue Alltag nach der Sperrung der Bonner Nordbrücke: improvisiert, überlastet, dauerhaft am Limit.
Die kurzfristige Vollsperrung der Bonner Nordbrücke ist eine Belastungsprobe für die gesamte Region. Die Mondorfer Fähre wird für viele Pendlern zur Rettungsroute - es herrscht Hochbetrieb.
29.06.2026 | 8:10 minHandwerkskammer: "Jahre lang zu wenig passiert"
Wer im Rhein-Sieg Kreis über den Fluss muss, rechnet nicht mehr in Kilometern, sondern in verlorenen Stunden. Drei Stunden unterwegs für einen halben Arbeitstag. "Man muss irgendwie resignieren", sagt eine Pendlerin.
Der Präsident der Kölner Handwerkskammer Thomas Radermacher findet klare Worte: "Wir wissen seit 2007, dass die Brücke abgängig ist, und dass was passieren muss. Das ist aber dann 15 Jahre lang unterblieben." 2023 hätten dann die Planungen für eine neue Brücke begonnen, avisierte Fertigstellung um 2040.
An diesen ganzen Zeitschienen, die sich da auftun, erkennt man schon, da ist viele Jahre lang zu wenig passiert.
Thomas Rademacher, Kölner Handwerkskammer
Marode Brücken: Welche Rolle spielt die Politik?
Mangelndes Verantwortungsbewusstsein ist ein nicht unerheblicher Teil des Problems maroder Brücken in ganz Deutschland, bestätigt auch der Präsident der Bundesingenieurkammer Dr.-Ing. Heinrich Bökamp. Die Bonner Nordbrücke offenbart für Bökamp ein eher grundsätzliches Problem:
"Das war sicherlich auch eine Sache der Politik, dass man immer gehofft hat, die nächste Regierung wird es machen und so, dass man es wieder vier Jahre weiterschiebt", sagt er.
Wir haben uns einfach nicht gekümmert. Das Problem war Jahrzehnte bekannt, man hat die ganzen Daten durch die Brückenprüfung immer eingesammelt, ist aber dann nie tätig geworden oder nur in Ausnahmefällen.
Heinrich Bökamp, Präsident der Bundesingenieurkammer
Brücke in Bonn wurde Chefsache
Erst als in Bonn ein zweites Dresden oder Genua droht, soll alles ganz schnell gehen: Zwei Tage nach der Vollsperrung macht Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) die Bonner Nordbrücke zur Chefsache. Jetzt hat die Brücke "absolute Priorität", Schnieder betont bei einem eilig anberaumten vor Ort-Termin, die Bedeutung der Brücke sei enorm für die umliegende Region.
Doch wenn selbst Brücken von solcher Bedeutung bis zur akuten Einsturzgefahr genutzt werden, obwohl ihr schleichender Verfall seit Jahren dokumentiert wurde, offenbart das gravierende Lücken im System. Und: Bonn ist kein Einzelfall, nicht in Bauart, nicht in Alter und nicht in der Überlastung durch den zunehmenden Güterverkehr.
Die seit Anfang Juni gesperrte Rheinbrücke in Bonn wird nicht mehr für den Verkehr freigegeben. Stattdessen soll sie abgerissen und neu gebaut werden, so Bundesverkehrsminister Schnieder.
19.06.2026 | 0:25 minKonsequenzen für Wirtschaft und Region
Brückenexperte Bökamp beschreibt die Gesamtsituation deutscher Brücken so: "Wir haben Brücken dabei, wo wir sagen, die kündigen das Versagen nicht an. Das sind tatsächlich auch unsere Intensivpatienten, wo wir nicht sicher wissen, wie das in der nächsten Woche aussieht."
Da ist es wie eine Art Blindflug, dass man nicht weiß, wann diese Brücke jetzt versagt.
Heinrich Bökamp, Brückenexperte
In Bonn zahlen Pendler, Wirtschaft und Gewerbe den Preis. Thomas Radermachers Schreinerei ist in Meckenheim vor den Toren Bonns.
Mitarbeiter kämen verspätet oder gar nicht mehr zur Arbeit. "Man kann im Moment keine verlässlichen Kundentermine mehr vereinbaren", sagt er. Im schlimmsten Fall könnten Unternehmen den Standort verlassen - mit erheblichen Konsequenzen für die Region.
NANO vom 29. Juni: Extremtemperaturen bremsen das Land aus. Straßen verformen sich, der Verkehr stockt, die Produktivität sinkt. Der Klimawandel belastet Wirtschaft und Infrastruktur.
29.06.2026 | 26:56 minTempo bei Abriss und Brücken-Neubau
Was als verschlepptes Verkehrsproblem beginnt, wird so zu einem akuten Standortnachteil, kritisiert der verkehrspolitische Sprecher der FDP-Fraktion im NRW-Landtag:
"Da sind in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten unglaubliche Fehler gemacht worden. Man hat die falschen Prioritäten gesetzt und wir haben einen unfassbaren Sanierungsstau, der aber jetzt den Wirtschaftsstandort Nordrhein-Westfalen und Deutschland in Frage stellt."
Erst als das Chaos in Bonn nicht mehr schönzureden ist, geht alles ganz schnell: Politik und Autobahn GmbH sprechen seit Juni 2026 von Tempo, von Beschleunigung, von neuen Verfahren. Abriss, Ausschreibung, Neubau - alles soll schneller gehen als bisher. Ende 2028 soll laut Autobahn GmbH der Verkehr wieder über die Bonner Nordbrücke rollen - wenn alles gut geht.
Lothar Becker berichtet aus dem ZDF-Landesstudio in Nordrhein-Westfalen.
Nordbrücke Bonn: bis zu 120.000 Fahrzeuge täglich
Fähren: können Ausfall nicht kompensieren
Pendler: statt 30 Minuten Fahrzeit jetzt ca. 1,5 Stunden
Ausweichbrücken: werden noch mehr belastet
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Neubau: Ersatzbrücke soll dank neuer Methoden 2028 fertiggestellt werden
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