Atomkooperation mit Russland: Warum Niedersachsen das Go erteilte

FAQ

Brennelementewerk in Niedersachsen:Atomkooperation mit Russland: Darum geht es

|

Im niedersächsischen Lingen sollen künftig Brennelemente gebaut werden - mit russischer Technik und Lizenzen. Es hagelt Kritik. Worum es geht - wichtige Fragen und Antworten.

Zugangstor des Werks der Framatome - Advanced Nuclear Fuels GmbH

Trotz heftiger Kritik hat Niedersachsen die Zusammenarbeit der Atomfabrik in Lingen mit dem russischen Konzern Rosatom genehmigt. Geplant ist die Produktion von Brennelementen.

23.07.2026 | 0:20 min

Mitten im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine soll eine Fabrik in Niedersachsen künftig Brennelemente russischer Bauart für Atomkraftwerke fertigen, und zwar mit russischer Technik und Lizenzen.

Die Genehmigung für das Vorhaben in Lingen löst scharfe Kritik aus. Warum wurde das Go erteilt? Und welche Auflagen sollen die Risiken begrenzen? Ein Überblick:

Was wurde genehmigt?

Die Advanced Nuclear Fuels GmbH (ANF) darf ihre Brennelementefabrik in Lingen erweitern. Das zum französischen Framatome-Konzern gehörende Kernkraft-Unternehmen kann dort künftig sechseckige Brennelemente für Atomkraftwerke, genauer für Druckwasserreaktoren russischer Bauart herstellen.

Solche VVER-Reaktoren stehen vor allem in Mittel- und Osteuropa. Die Fertigung soll mit russischen Lizenzen, russischer Technik und Maschinen der Rosatom-Tochter TVEL erfolgen.

Kernkraftwerk Neckarwestheim.

Nach Fukushima schien Atomkraft weltweit geächtet, auch Deutschland stieg aus. Doch die Energiekrise ändert das Denken. Viele Staaten denken wieder über mehr Kernkraft nach.

26.04.2026 | 1:25 min

Warum ist Russland beteiligt?

Die Technik der VVER-Reaktoren stammt aus der Sowjetunion. Lange wurden passende Brennelemente fast ausschließlich von Rosatom geliefert. Framatome und TVEL gründeten in Frankreich ein Gemeinschaftsunternehmen für die Lizenzfertigung. In dessen Auftrag soll nun in Lingen produziert werden.

Ein ursprünglich in Deutschland geplantes Gemeinschaftsunternehmen war nach dem russischen Angriff auf die Ukraine nicht verwirklicht worden. Anschließend wurde die Kooperation nach Frankreich verlagert.

Die Kuppel des Reaktorgebäudes des Kernkraftwerk Brokdorf ist hinter einem Reetdachhaus am Elbdeich zu sehen.

Atommüll, Tschernobyl, teurer Strom: Jan Fleischhauer und die ehemalige Grünen-Abgeordnete Bärbel Höhn diskutieren, ob Deutschlands Atomausstieg vernünftig war - oder fatal.

07.05.2026 | 28:57 min

Soll Europa dadurch unabhängiger von Russland werden?

ANF und Framatome stellen das Vorhaben als Beitrag zur Versorgung osteuropäischer Kraftwerke dar. Kritiker bezweifeln jedoch, dass eine Fertigung mit russischen Lizenzen, Maschinen und zugelieferten Bestandteilen die Abhängigkeit verringert.

Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer (Grüne) nannte die Annahme von Befürwortern der Genehmigung "naiv", Russlands Präsident Wladimir Putin wolle mit einer solchen Kooperation helfen, Deutschland und die EU von Russland unabhängiger zu machen. Für VVER-Reaktoren gibt es laut Meyer auch Brennelemente eines US-Konzerns.

Merz und Macron

Merz und Macron wollen Europas Sicherheit stärken. Erstmals nimmt die Bundeswehr an einer französischen Nuklearübung teil. Ziel sei mehr Abschreckung und Souveränität.

17.07.2026 | 2:33 min

Warum wurde die Genehmigung erteilt?

Das niedersächsische Umweltministerium prüfte den Antrag nach dem Atomgesetz im Auftrag des Bundes. Nach einer Bewertung der Bundesregierung lassen sich mögliche Risiken durch Auflagen so weit verringern, dass eine rechtssichere Ablehnung nicht möglich sei.

Das Bundesumweltministerium erklärte, eine Genehmigung müsse erteilt werden, wenn die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt seien. Politische Vorbehalte gegen Rosatom müssten über EU-Sanktionen gelöst werden.

Niedersachsens Umweltminister Meyer hält die Entscheidung politisch dennoch für "grundfalsch". Sein Ministerium habe wegen der maßgeblichen Sicherheitsbewertung des Bundes keine rechtliche Möglichkeit gehabt, den Antrag abzulehnen.

Welche Sicherheitsbedenken gibt es?

Im Verfahren ging es unter anderem um mögliche Spionage, Sabotage, Cyberangriffe und Manipulationen an Maschinen, Software oder zugelieferten Brennstäben. Auch könnten russische Mitarbeiter durch technische Kontakte sicherheitsrelevante Erkenntnisse erhalten.

Meyer betonte, eine Brennelementefabrik sei kritische Infrastruktur: "Das ist keine Schokoladenanlage." Die Beteiligung eines Staatskonzerns aus einem Land, das einen Angriffskrieg führe, sei eine besondere Herausforderung.

Satellitenbild EU bei Nacht mit grafischem Atom-Zeichen und Foto Kühlturm eines Atomkraftwerkes

In zwölf der 27 EU-Staaten wird Atomenergie produziert. Allerdings in unterschiedlichen Mengen. Eine Übersicht zur Energieproduktion und zum Stromverbrauch in der EU.

23.04.2026 | 1:21 min

Welche Auflagen gelten?

Beschäftigte von TVEL und Rosatom dürfen das Werksgelände grundsätzlich nicht betreten. Ausnahmen sind nur in eng begrenzten Fällen und unter Begleitung der Aufsichtsbehörde möglich.

Hard- und Software der russischen Maschinen müssen extern überprüft und von der übrigen IT des Werks getrennt werden. Aus Russland gelieferte Brennstäbe sollen vollständig mit Scannern und im Vier-Augen-Prinzip auf Manipulationen kontrolliert werden.

Beschäftigte müssen zudem regelmäßig zu möglichen Spionage- und Sabotageversuchen geschult werden. Bei neuen Erkenntnissen können weitere Auflagen verhängt werden. Im äußersten Fall könnte die Genehmigung auch entzogen werden.

Nachrichten | Wissen
:Tschernobyl: Die Atom-Katastrophe in 3D

Was hat die Tschernobyl-Nuklearkatastrophe 1986 ausgelöst, welche Folgen sind entstanden und wie ist die aktuelle Lage? Ein Überblick in 3D.
Das Bild zeigt eine 3D-Animation zur AKW-Katastrophe von Tschernobyl 1986.

Warum gibt es keine Sanktionen?

Uran und große Teile der russischen Nuklearindustrie sind bislang nicht von EU-Sanktionen erfasst. Dafür gibt es unter den Mitgliedstaaten keine ausreichende Mehrheit.

Das Bundesumweltministerium erklärte, Deutschland setze sich weiter für europäische Sanktionen im Nuklearbereich ein. Solange diese fehlten, seien Einfuhren russischen Urans und Geschäfte mit Rosatom grundsätzlich nicht verboten.

Quelle: dpa
Über dieses Thema berichtete heuteXpress in dem Beitrag "Deutsch-russische Atom-Kooperation genehmigt" am 23.07.2026 um 00:26 Uhr.

Mehr zu Atomkraft

  1. Bundesumweltminister startet Sommerreise

    Umweltminister will Gewissheit bis 2050:So soll die Endlager-Suche beschleunigt werden

    von Johannes Lieber
    mit Video4:46

  2. Ein Atomkraftwerk in Frankreich liegt an einem Fluss.

    AKW-Drosselungen in Frankreich:Wie anfällig sind Kernkraftwerke im Hitzestress?

    von Mark Hugo
    mit Video2:30

  3. ZDF-Wirtschaftskorrespondent Florian Neuhann im Studio von "WISO - Wirtschaft erklärt"

    WISO - Wirtschaft erklärt:Atomkraft: Was für und gegen eine Rückkehr spricht

    von Mischa Ehrhardt und Florian Neuhann
    mit Video10:47

  4. Ein Überwachungsspezialist blickt auf das Schutzbauwerk über dem zerstörten Reaktor 4 in Tschernobyl.

    Reaktorkatastrophe Tschernobyl:Überlebender: "Ein Tag, der das Leben verändert hat"

    Anne Brühl, Tschernobyl
    mit Video6:37