Reaktorkatastrophe Tschernobyl:Überlebender: "Ein Tag, der das Leben verändert hat.“
von Anne Brühl, Tschernobyl
Oleksandr Skatshek war in der Unglücksnacht Rettungssanitäter in Tschernobyl. Heute erlebt er, wie Russland im Krieg gegen die Ukraine Tschernobyl immer wieder angreift.
Am 26. April 1986 kam es zur Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Ein Rettungssanitäter erzählt, wie das damals war. Heute ist das stillgelegte Kraftwerk immer wieder Ziel von russischen Angriffen.
22.04.2026 | 6:37 minJe näher wir seiner alten Wohnung in Prypjat kommen, desto aufgeregter wird Oleksandr Skatshek. Vor 40 Jahren war er zum letzten Mal hier: um seinen Pass zu holen. Jetzt steht er vor dem Wohnblock, schaut auf sein ehemaliges Apartment im fünften Stock und fühlt sich zurückversetzt in sein altes Leben - das Leben vor der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl.
Noch immer bestimmen die Ereignisse des 26. April 1986 sein Leben, die Vergangenheit und die Zukunft. Die Sorgen um die eigene Gesundheit, sagt Skatshek, sind immer da: "Man lebt ständig in Angst, man wartet immer auf etwas."
Mit zitternden Händen Jod-Tabletten verteilt
Skatshek hatte in der Unglücksnacht Dienst im Krankenhaus, in der Notaufnahme. Kurz nach 1.23 Uhr, dem Zeitpunkt der Katastrophe, gehen dort die Notrufe aus dem Werk ein. Skathsek springt in den Krankenwagen und fährt los - er ist der erste Sanitäter an der Unglücksstelle. Ein Arbeiter wird ihm in den Krankenwagen gelegt, schwer verletzt - der ganze Körper voller Brandblasen. Der Mann stirbt später im Krankenhaus.
Er und ein anderer Arbeiter, der unter den Trümmern des Unglücksreaktors verschüttet wurde, sind die beiden einzigen offiziellen Toten von Tschernobyl. Alles andere verschweigt, vertuscht die Sowjetunion, von der die Ukraine, und damit auch Tschernobyl, ein Teil war.
Für Skatshek selbst ist es am Ende dieser Nacht die Begegnung mit einer Radiologin, die ihm klar macht, in welcher Gefahr auch er sich befindet: "Ich erinnere mich an ihre zitternden Hände. Sie wusste, was los war. Sie verteilte Jod und war sehr aufgeregt."
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Nach der Katastrophe: Der Staat verschweigt und vertuscht
Zu diesem Zeitpunkt ist das Krankenhaus mit Verletzten überfüllt. Die Menschen kommen mit Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen - typischen Anzeichen der Strahlenkrankheit. Auch Skatshek ist betroffen. Schon am nächsten Tag wird er in eine Spezialklinik nach Moskau ausgeflogen. Um ihn herum sterben viele, andere erkranken erst Jahrzehnte später. Bis heute gibt es keine genauen Zahlen, wie viele Opfer die Reaktorkatastrophe gefordert hat.
Leben und Arbeiten rund um den Unglücksreaktor
Skatshek ist heute 65 Jahre alt und arbeitet immer noch als Sanitäter. Jetzt in der Krankenstation von Tschernobyl, die die Beschäftigten des Werks versorgt und sich um alle kümmert, die in der 30 Kilometer Sperrzone wohnen. Noch immer ist die Strahlung erhöht, an manchen Orten höher als an anderen. In Tschernobyl arbeiten mehr als 2000 Menschen - der Unglücksreaktor muss weiter überwacht und gesichert werden.
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Aber Tschernobyl ist auch ein Ort, der immer wieder vom russischen Angriffskrieg auf die Ukraine betroffen ist. Zu Anfang des Kriegs 2024 hatten russische Soldaten wochenlang das Werk besetzt, Schützengräben in der verstrahlten Erde ausgehoben, Kontrollmonitore abgeschaltet. Am 14. Februar 2025 zerschlug eine russische Drohne das Dach der Schutzhülle, die seit 2019 über dem alten Sarkophag von Tschernobyl errichtet wurde. Sie ist seitdem undicht.
Die Botschaft von Tschernobyl: "Nie wieder"
Russische Drohnen und Raketen über Tschernobyl - für Oleksandr Skatshek ist das schwer zu ertragen. Die Atomkatastrophe und der Krieg, in Tschernobyl ist beides gegenwärtig. "Die Menschen müssen verstehen, dass man mit all diesen Technologien vorsichtiger umgehen muss, ernster. Damit so etwas nie wieder passiert."
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16.04.2026 | 0:23 min"Nie wieder" - diese Botschaft, glaubt Skatshek, muss von Tschernobyl ausgehen - damals wie heute. Der Jahrestag ist für ihn kein Tag wie jeder andere. Er wird, sagt er an Freunde, Familie, Kollegen denken - all die Vielen, die im Laufe der Jahre gestorben sind: Opfer des größten Unfalls in der Geschichte der friedlichen Nutzung der Atomenergie. Der 26. April 1986, sagt Skatshek, "ist ein Tag, der das Leben verändert hat."
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