Stimmung an der Basis: Ampel-Aus ein Befreiungsschlag?

Stimmung an der Basis:Ampel-Aus ein Befreiungsschlag?

von Svenja Bergerhoff

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Das Ampel-Aus in Berlin schlägt Wellen bis in die Ortsverbände von SPD, Grünen und FDP. Die Stimmung: meist energiegeladen und kämpferisch.

So richtig überraschend war das Scheitern der Ampel nicht. Monatelanger Zwist hat das mögliche Aus angekündigt. Der Zeitpunkt aber: umstritten. Trotzdem sei die Entscheidung richtig, meint Greta Garlichs von den Grünen in Niedersachsen.

Kritik übt sie vor allem an FDP-Chef Christian Lindner.

Für mich ist es völlig unverständlich, wie Christian Lindner am Tag nach der US-Wahl in diesen Koalitionsausschuss gehen kann, dabei völlig kompromisslos agiert und völlig unverantwortlich dieses Land jetzt ohne Haushalt vor diese Situation gestellt hat.

Greta Garlichs, Grüne Niedersachsen

FDP-Basis steht weiter hinter Lindner

Die große Frage: Wie geht es jetzt mit der FDP weiter? Schon vor dem Ampel-Aus steckte man tief im Umfrageloch. Beim Kreisverband in Hildesheim aber ist keine Spur von Angst vor Neuwahlen. Eine FDP, die zu ihrer Verantwortung stehe, müsse keine Angst vor Neuwahlen haben, heißt es dort.

Auch hinter Lindner stehen die Hildesheimer weiterhin. Ihm habe man viel zu verdanken:

Er hat die FDP ja auch nach den Jahren der außerparlamentarischen Opposition in den Bundestag zurückgebracht und seither gute Arbeit gemacht.

Henrik Jacobs, FDP Hildesheim

Mit seinem Agieren in der Ampel habe er gar "das Wohl des deutschen Volkes über das Wohl der eigenen Partei gestellt", meint Tim Heckeroth von der FDP Hildesheim.

Weil: "Die SPD ist aufgewacht"

Von einem Aufwachen der niedersächsischen SPD sprach Ministerpräsident Stephan Weil am Donnerstagmorgen im Landtag. Diese Aufbruchstimmung ist auch bei der SPD in der Region Hannover spürbar.

Ich empfinde es als Befreiungsschlag. Jetzt haben wir die Möglichkeit, als Partei auch wirklich wieder für das zu kämpfen und zu stehen, was jetzt in diesen Zeiten besonders wichtig ist.

Leyla Hatami, SPD Region Hannover

Aus der Sicht von Leyla Hatami bedeutet das vor allem, die Wirtschaft in Deutschland zu stärken und fit für die Zukunft zu machen.

Wahlkampf unter Hochdruck

Den Ortverbänden aller Parteien steht jetzt vor allem eines bevor: Wahlkampf unter erschwerten Bedingungen. Denn was sonst in monatelanger, minutiöser Planung entsteht, muss jetzt innerhalb weniger Wochen passieren. "Wir geben jetzt ein bisschen ein bisschen mehr Gas", meint Sören Creutzig von den Grünen.

"Wir werden unseren ganzen Terminplan noch mal über Bord werfen müssen", sagt auch Leyla Hatami von der SPD. Trotzdem sei das zu schaffen. Gut aufgestellt sieht sich auch die FDP:

Wir haben ja schon einen Kandidaten im Auge. Das geht seinen Gang und ich denke, es ist besser, jetzt zu handeln, als weiter zuzuwarten.

Henrik Jacobs, FDP Hildesheim

Deutliches Zeichen von Wissing

Der Parteiaustritt von Volker Wissing und sein Verbleib in der aktuellen Regierung überrascht parteiübergreifend. "Wir alle blicken gespannt nach Berlin und darauf, was seine nächsten Schritte sein werden", sagt Greta Garlichs von den Grünen in Hannover.

Auch wenn Volker Wissing aus Grüner Sicht viele Fehlentscheidungen getroffen habe "ist jetzt nicht die Zeit zum Nachtreten". Signalwirkung habe Wissings Schritt allemal, meint Hatami.

Es ist Zeichen genug, wenn eigene Leute nicht mehr hinter ihrer eigenen Partei stehen können und wollen.

Leyla Hatami, SPD Region Hannover

Bei der FDP in Hildesheim hingegen weiß man noch nicht so recht, wie man den Ausstieg von Volker Wissing deuten soll. Es sei eben seine persönliche Entscheidung, so der allgemeine Tenor.

In einem Punkt sind sich alle einig: Deutschland braucht in schwierigen Zeiten schnell eine verlässliche Regierungslösung. Welcher Weg aber dorthin führt, bleibt der Diskussionsstoff der nächsten Wochen: Im Bund, aber auch in allen Ortsvereinen.

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Quelle: dpa

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