Bürgergeld und Schwarzarbeit: Warum Betrug nur schwer auffliegt

Schwarzarbeit trotz Sozialleistung:Warum Bürgergeldbetrug nur schwer auffliegt

von Maik Gizinski

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Das Jobcenter zahlt Miete und Bürgergeld. Nebenbei verdient Jörg Mathissen 45.000 Euro im Jahr schwarz. Ein Extrem-, aber kein Einzelfall. Die Behörden stoßen hier an Grenzen.

Sarah Tacke ist im Vordergrund zu sehen, im Hintergrund ein Jobcenter.

Jobcenter ohne Durchgriff, Leistungs-Empfänger zwischen echtem Bedarf und dreistem Betrug. Sarah Tacke fragt: Was läuft schief im System Bürgergeld?

14.05.2026 | 43:47 min

Offiziell ist Jörg Mathissen Bürgergeldempfänger: Das Amt zahlt 563 Euro Bürgergeld jeden Monat und auch die Krankenversicherung, Miete und Heizkosten. Aber das ist nicht alles. Mathissen verdient nebenbei noch 3.500 Euro als Handwerker schwarz dazu, sein "Taschengeld", wie er sagt. Weil das illegal ist, ist Jörg Mathissen auch nicht sein richtiger Name.

Bauarbeiter. Symbolbild
Quelle: Paul Zinken/dpa-zentralbild/dpa

Neben dem Bürgergeld mit unversteuerter und unangemeldeter Schwarzarbeit Geld dazuverdienen, ist illegaler Sozialleistungsbetrug. Denn Bürgergeldempfänger müssen dem Jobcenter ihre Einkünfte melden.

Wenn die Schwarzarbeit auffliegt, können neben der Rückzahlung der erschlichenen Leistungen Geld- und auch Gefängnisstrafen verhängt werden.


Hohe Steuerverluste durch Schattenwirtschaft

Schwarzarbeit ist in Deutschland ein Problem. Die Schattenwirtschaft, zu der per Definition nicht nur Schwarzarbeit, sondern etwa auch illegales Glücksspiel gehören, floriert.

Berechnungen der Universität Linz und des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung in Tübingen zufolge erreichte Schattenwirtschaft insgesamt im vergangenen Jahr einen Umfang von 510 Milliarden Euro. Dadurch entgehen dem Staat jährlich Steuereinnahmen in dreistelliger Milliardenhöhe.

Silhouette eines Mannes

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Jahrelang kein Termin beim Jobcenter

Wer schwarz arbeitet und gleichzeitig Bürgergeld bezieht, zockt den Staat sozusagen doppelt ab: Es werden keine Steuern gezahlt und sich zusätzlich noch aus den Töpfen des deutschen Sozialsystems bedient. Denjenigen, die es darauf anlegen, wird dieser Missbrauch offenbar leicht gemacht.

Symbolbild:  Der Eingang zum Jobcenter Berlin-Mitte.

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12.08.2025 | 2:31 min

Mathissen habe nach eigenen Angaben einmal anderthalb Jahre lang jeden Termin beim Jobcenter kommentarlos versäumt.

Ich war für die nicht existent. Ich hätte tot sein können. Und das Geld kam trotzdem.

Jörg Mathissen, Bürgergeldempfänger

Anzahl Schwarzarbeiter mit Bürgergeld nicht bezifferbar

Mathissen ist ein Extrem-, aber gewiss kein Einzelfall. Fred Göcken arbeitet seit 2005 im Jobcenter Bremen. Er findet das Instrument Bürgergeld an sich total sinnvoll: Menschen, die krank oder in Not sind, zu unterstützen, bis sie wieder arbeiten können. Aber es gebe gewaltige Probleme.

Dann wird aus einem schönen System ein total ungerechtes System, wenn wir diese Dinge nicht ansprechen.

Fred Göcken, Jobcenter Bremen

Nadine und Ronny schauen Arm in Arm frontal in die Kamera.

In Deutschland gibt es rund 5,5 Millionen Bürgergeldempfänger. Gleichzeitig gibt es zahlreiche offene Stellen in Deutschland: Je nach Betrachtungsweise 600.000 bis über eine Million.

14.03.2026 | 29:59 min

Göcken schätzt, dass 30 bis 40 Prozent der Bürgergeldbezieher keine wahren Angaben machen und die Motivation haben, weiter Bürgergeld zu beziehen. "Ich gehe davon aus, dass es im Jobcenter ein offenes Geheimnis ist", sagt er.

Wie viele der Bürgergeldempfänger nebenbei schwarz verdienen, ist nicht offiziell bezifferbar. Niemand würde sich zum strafbaren Leistungsmissbrauch offen bekennen. Die Frage, die bleibt, ist: Wie den Missbrauch stoppen und das System zu reformieren?

Menschenmenge auf einem Platz wird von einer Pulswelle überlagert
Quelle: Motor Kommunikation / [M]

Sehen Sie die Sendung aus der "Am Puls"-Doku-Reihe "System Bürgergeld: Leben ohne Leistung?" am 14. Mai 2026 um 22:15 Uhr im ZDF oder jederzeit im ZDF-Streaming-Portal.


Jobcenter-Chef fordert höheren Mindestlohn

Kai John, Geschäftsführer des kommunalen Jobcenter in Warendorf, wünscht sich neue Anreize: "Grundsätzlich bleibt die Diskrepanz zwischen der Höhe des Bürgergeldes und der Höhe des Mindestlohns", sagt John. Die Hebel wären, entweder den Mindestlohn anzuheben oder das Bürgergeld zu kürzen. "Ansonsten wird sich da systemisch nicht viel ändern."

Jörg Mathissen nutzt derweil die Fehler im System zu seinen Gunsten.

Klar, es ist unsolidarisch, zum Teil auch asozial.

Jörg Mathissen, Bürgergeldempfänger

Mathissen sagt, er habe je nach Auftragslage bis zu drei Mitarbeitende, die ihn bei seinen Handwerkeraufträgen unterstützen. Auch sie sind natürlich nicht offiziell angemeldet.

Mann mit schwarzem Hoodie sitzt vor einem Gebäude mit "jobcenter"-Schriftzug

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12.08.2025 | 43:38 min

Keine Einsicht in andere Konten durch Jobcenter

Vor anderthalb Jahren hat das Amt Mathissen dann mal nach seinen Paypal-Auszügen gefragt. Würde er der Aufforderung nachkommen, würden dort Zahlungen seiner Kunden von mehreren tausend Euro sichtbar.

Hier liegt ein Grund, warum Schwarzarbeit bei Bürgergeld-Bezug oft nicht auffliegt: Jobcenter können nur die Einnahmen von ihnen bekannten Konten einsehen, etwa auf das Konto, auf das das Bürgergeld fließt. Bei anderen Konten, etwa beim Zahlungsdienstleister Paypal, können sie eine Einsicht erstmal nur bei ihren Kunden erbitten. Mathissen antwortete dem Jobcenter auf deren Anfrage einfach nicht - das Bürgergeld kam trotzdem weiter. Eine engmaschige Betreuung der Kunden durch Jobcenter könnte das verhindern.

Mit seinem Bürgergeldbetrug kommt Mathissen seit Jahren durch. Mit der neuen Grundsicherung, die ab dem 1. Juli 2026 in Kraft tritt, wollen Jobcenter härter durchgreifen. Auch bei Sozialbetrug.

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Über dieses Thema berichtet "Am Puls" in der Sendung "System Bürgergeld: Leben ohne Leistung?", online verfügbar am 12.05.2026 um 18 Uhr, im ZDF am 14.05.2026 ab 22:15 Uhr.

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