"Aus meinem Leben gespült":Wie es den Menschen im Ahrtal geht
von Yve Fehring
"Das Ahrtal darf nicht stehen bleiben!" Wie geht es den Menschen fünf Jahre nach der verheerenden Flut? Ein Stimmungsbild zwischen Zweifeln und Zuversicht.
Fünf Jahre nach der verheerenden Flut schaut der Länderspiegel ins Ahrtal. Wie geht es den Menschen dort heute? Was hat sich beim Hochwasserschutz getan?
03.07.2026 | 26:45 minWenn Andrea Mausberg Berichte über Naturkatastrophen sieht, muss sie abschalten.
Braunes Schlammwasser? Kann ich nicht sehen. Weil ich genau weiß, wie die Menschen sich dann fühlen.
Andrea Mausberg
Sie selbst hat mit ihrer Tochter die verheerende Flutnacht im oberen Stockwerk ihres Fachwerkhäuschens in Ahrweiler ausgeharrt. "Die Situation", so sagt die Hebamme, "war völlig surreal. Es ging alles wahnsinnig schnell. Es war laut, es hat gestunken."
Zerstörtes Fachwerkhaus in Ahrweiler: Aufgeben kommt nicht infrage
Die Flut hat das jahrhundertealte Haus fast völlig zerstört. Der Wiederaufbau wird für die warmherzige Frau zu einem Fass ohne Boden. Es aufzugeben, kommt für sie allerdings nicht infrage. Hier haben ihre Urgroßeltern gewohnt. Ihr Vater wurde hier geboren. Hier möchte sie mit ihrer Tochter wieder einziehen.
Für viele Menschen im Ahrtal ist die Flut noch längst nicht vorbei. Die Wunden heilen nur langsam. Nach der Flut, erzählen viele, war das Wir-Gefühl groß. Doch das Miteinander hat Risse bekommen.
04.07.2026 | 4:22 minDoch seit der Katastrophe gibt es immer wieder Phasen in Andreas Leben, in denen sie nicht so funktioniert, wie sie gerne möchte:
Die Flut hat mich komplett aus meinem Leben gespült.
Andrea Mausberg
Immer wieder schwankt sie zwischen Zweifeln und Zuversicht. "Von außen", so sagt sie, "lässt sich das schwer nachvollziehen. Erst recht nicht nach fünf Jahren."
Ein neues Hochwasserschutzkonzept soll helfen, der Ahr mehr Raum zu geben. Die Wirkung aber ist begrenzt. Wirklich helfen würden Rückhaltebecken. Doch die sind nicht nur riesig, sondern auch teuer.
04.07.2026 | 4:52 minFür Andrea ist im Ahrtal eine gewisse Leichtigkeit verlorengegangen. Trotzdem macht sie weiter. Tag für Tag. In ihrem ganz eigenen Tempo. Damit ihr Häuschen wieder ein Schmuckstück in Ahrweiler wird.
Schulleiterin aus Bad Neuenahr: Are-Gymnasium als "Lost Place"
Geduld ist auch einen Ort weiter in Bad Neuenahr gefragt. Das Are-Gymnasium ist noch immer eine Ruine. "Ein Lost Place", wie die Schulleiterin Nina Pfeil beim Gang durch das leere, entkernte Gebäude sagt:
Wenn man weiß, wie viel Leben hier vorher war, dann ist das sehr traurig.
Nina Pfeil, Schulleiterin
Fertig ist bisher nur die Turnhalle. Mitten in der Baustelle führt eine Tür in den modernen Sportbereich - ein krasser Gegensatz. Dass "ein Bauprozess in einem Wohlstandsland wie Deutschland so lange dauert", musste die Direktorin erst lernen. Ende 2027, wenn alles gut geht, soll in dem Gebäude wieder unterrichtet werden.
Im Sommer 2021 verwüstete ein Unwetter große Teile des Ahrtals - viele Menschen starben. Ende Juni laufen die Finanzhilfen zum Wiederaufbau der Häuser aus.
25.05.2026 | 1:46 min880 Schüler in Containern
Bis dahin müssen die 880 Schüler in Containern büffeln. Weit ab vom Schuss. Mitten auf der grünen Wiese. Sich in der Wellblechoase wohlzufühlen, ist für alle eine Herausforderung. "Erst kam für uns Corona und dann auch noch die Flut", erzählt die 18-jährige Sophia. Trotzdem oder gerade wegen der Ausnahmesituation ist der Zusammenhalt groß.
"We ARE family" lautet das Motto des Gymnasiums, das sich weiterhin über hohe Anmeldezahlen freut. "Wir versuchen das Beste aus der Situation zu machen", sagt Nina Pfeil. Dennoch können es alle kaum erwarten, dass sie die neuen, alten Räume wieder mit ihrem ganz besonderen Are-Spirit füllen.
Bürgermeister von Dernau: "Leid bleibt unvergessen"
David Fuhrmann fühlt sich, als ob er "seit fünf Jahren einen Marathon renne." Er ist Feuerwehrmann, Familienvater und ehrenamtlicher Bürgermeister von Dernau. Unermüdlich engagiert er sich dafür, dass seine Heimat wieder zu dem Ort wird, der er einmal war.
Die verheerende Flut hat im Juli 2021 einen Großteil der Häuser zerstört, mehrere Einwohner kamen in dem Weinort ums Leben. Gerade zum Jahrestag kommen bei vielen Menschen die grausamen Erinnerungen hoch. "Das immense Leid", so sagt David, "bleibt unvergessen und dennoch ist es wichtig, nach vorne zu schauen."
Das Ahrtal darf nicht stehen bleiben. Und das tut es ja auch nicht.
David Fuhrmann, Bürgermeister von Dernau
"We AHR open" heißt das Motto im Ahrtal - wir sind offen. Auch für neue, jüngere Tourismuskonzepte. Fünf Jahre nach der Flut läuft der Tourismus längst wieder an und erfindet die Region sich neu.
04.07.2026 | 3:43 minKindergarten vor Wiedereröffnung
Ganz Dernau ist eine große Baustelle. Viele Einwohner, so wie die Fuhrmanns, haben ihre Häuser bereits saniert, andere sind noch mitten im Wiederaufbau. Nach den Sommerferien sollen auch die Kleinsten im Ort endlich wieder einen Platz zum Spielen haben: der neue Kindergarten soll dann fertiggestellt sein.
Wir erleben in Dernau gerade einen regelrechten Babyboom.
David Fuhrmann, Bürgermeister von Dernau
Dass die nächste, große Flut nicht ein weiteres Jahrhundert auf sich warten lassen könnte, darüber will sich David Fuhrmann - so wie viele in dem Ort direkt an der Ahr - keine Gedanken machen. "Es wird getan, was getan werden muss." Die Menschen wünschen sich, dass ihre Heimat wieder aufblüht. Das Ahrtal - da sind sich die meisten sicher - sei auf einem guten Weg.
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