Hunderte Miterarbeiter entlassen:Wie viel Jeff Bezos steckt im Abbau der "Washington Post"?
von Fränzi Meyer, Washington D.C.
Der massive Stellenabbau bei der US-Zeitung "Washington Post" wirft Fragen nach Einfluss, Verantwortung und Unabhängigkeit auf. Im Fokus steht Eigentümer Jeff Bezos.
Vor der Zentrale der "Washington Post" haben Hunderte gegen die Kündigungswelle demonstriert. Die Kritik richtet sich gegen Eigentümer Jeff Bezos.
06.02.2026 | 0:22 minDie "Washington Post" streicht Hunderte Stellen. Bei Protesten unter dem Motto #SaveThePost wird vor allem ein Gesicht in die Höhe gehalten: das von Eigentümer Jeff Bezos. Welche Rolle spielt er bei dieser Entwicklung?
Entlassungen: Wohl ein Drittel der Belegschaft betroffen
Nach internen Mitteilungen der "Washington Post", aus denen mehrere US-Medien zitieren, sollen unter anderem die Sportredaktion nahezu aufgelöst, das Literaturressort geschlossen und die Auslandsberichterstattung deutlich reduziert werden. Etwa 300 Journalisten seien betroffen, darunter die Ukraine-Berichterstatterin Lizzie Johnson. "Ich wurde gerade von der Washington Post mitten in einem Kriegsgebiet entlassen", schrieb sie auf X. "Ich bin am Boden zerstört."
Journalistin Lizzie Johnson auf X
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Ein massiver Einschnitt für das fast 150 Jahre alte Traditionsblatt, das seit 2013 dem Amazon-Gründer Bezos gehört.
Die "Washington Post" hat Medienberichten zufolge rund 30 Prozent ihrer Mitarbeiter entlassen. Beobachter vermuten, dass Jeff Bezos – der Trump nahesteht – die Zeitung strenger kontrollieren will.
05.02.2026 | 0:23 minWirtschaftliche Einbußen - oder mehr als das?
Die Zeitung begründet den Stellenabbau mit wirtschaftlichem Druck. Tatsächlich verliere die "Washington Post" seit einiger Zeit Geld, sagt Victor Pickard, Professor für Medienpolitik und politische Ökonomie an der Annenberg School for Communication in Philadelphia, gegenüber ZDFheute. Gleichzeitig betont Pickard:
Es ist völlig klar, dass Jeff Bezos diese finanziellen Verluste problemlos hätte tragen können.
Victor Pickard, US-Medienwissenschaftler
Medienwissenschaftler: "Enorme Verantwortung" des Eigentümers
Pickard sieht Bezos klar in der Verantwortung. Er habe die Zeitung für weniger als die Hälfte dessen gekauft, was er später für seine Superjacht ausgegeben habe. Auch jüngste Millionenausgaben - etwa 75 Millionen US-Dollar für eine Melania-Dokumentation - zeigen aus seiner Sicht, dass finanzielle Spielräume vorhanden gewesen wären.
Er hätte diese Entlassungen verhindern können, unternimmt aber weiterhin kaum Anstrengungen, um "Washington Post"-Journalisten zu schützen.
Victor Pickard, US-Medienwissenschaftler
"Melania" heißt der neue Film, der aus der Perspektive der First Lady über die Amtseinführung ihres Mannes berichtet. Er startete Ende Januar in 27 Ländern in den Kinos, doch der Ticketverkauf läuft schleppend.
29.01.2026 | 1:05 minEin weiterer Vorwurf: Nähe zu Trump
Kritiker werfen Jeff Bezos politische Nähe zu US-Präsident Donald Trump vor. Aus Sicht des Medienwissenschaftlers Pickard ist "klar, dass ein solches Machtverhältnis bereits Inhalte beeinflusst hat".
Für Schlagzeilen sorgte auch Bezos’ Entscheidung, die Zeitung vor der US-Präsidentschaftswahl 2024 auf eine bereits verfasste Wahlempfehlung für Kamala Harris verzichten zu lassen - Wahlempfehlungen sind unter US-Medien üblich. Als weiteres Beispiel führt Pickard auf, dass Bezos eine politische Karikatur stoppte, in der die Nähe von Medien- und Tech-Eigentümern zu Trump satirisch dargestellt wurde.
Beim Kauf der "Washington Post" vor rund 13 Jahren hatte Bezos zugesagt, sich nicht in redaktionelle Entscheidungen einzumischen.
US-Technologie-Giganten beeinflussen immer größere Teile des öffentlichen Diskurses. Welche Gefahren davon ausgehen, erklärte Medienwissenschaftler Martin Andree im August in der Sendung ZDFheute live.
20.08.2025 | 12:19 minGefahr für Unabhängigkeit und Kontrollfunktion
Allgemein wächst die Kritik an der Entwicklung der "Washington Post". Der langjährige Medienreporter Paul Farhi, der 35 Jahre für die Zeitung arbeitete, sagte in einem Interview mit dem US-Sender CNN, die aktuellen Entwicklungen erweckten den Eindruck, dass man sich dem Präsidenten anbiedere - "das Letzte, was ein Medienunternehmen als unabhängige Institution jemals tun sollte".
Die Sorge um die journalistische Unabhängigkeit hält der Medienwissenschaftler Victor Pickard für berechtigt. Eine weiter geschwächte Redaktion könne ihre journalistische Kontrollfunktion nur noch eingeschränkt wahrnehmen, sagt er.
Zudem ist die Zeitung in einem geschwächten Zustand leichter von ihrem milliardenschweren Eigentümer auszunutzen, um dessen Klasseninteressen voranzutreiben.
Victor Pickard, US-Medienwissenschaftler
Fast zeitgleich mit der Veröffentlichung des Melania-Trump-Films wurden in den USA weitere Akten zum Fall Jeffrey Epstein veröffentlicht. Die bringen viele Politiker und Prominente in Bedrängnis.
05.02.2026 | 16:01 minMehr als ein Medienproblem: Demokratie unter Druck?
US-Senator Bernie Sanders spitzte die Debatte mit dem Satz "Demokratie stirbt in der Oligarchie" zu. Pickard hält diese Einschätzung im Fall der Washington Post für zutreffend und geht in seiner Analyse noch weiter: Medien-Demokratie sterbe unter extremem Kapitalismus.
US-Senator Bernie Sanders auf X
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Journalismus und Kapitalismus seien schon immer ein schwieriges Verhältnis eingegangen, sagt der Medienwissenschaftler. Der aktuelle Stellenabbau zeige, wie sehr dieses Spannungsfeld in den USA derzeit unter Druck stehe.
Fränzi Meyer ist Reporterin im ZDF-Studio Washington D.C.
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