Außenminister warnt vor Abstieg Europas:Wadephul: Tunnelblick in China
von Andreas Kynast
Auf seiner zweitägigen Reise nach Peking und Guangzhou hat Außenminister Wadephul deutliche Worte gefunden. An China. Aber auch an Deutschland.
Außenminister Wadephul startet nach einer abgesagten Reise seinen zweiten Anlauf für Gespräche in China. Thema war neben der Handelspolitik auch Russlands Krieg gegen die Ukraine.
08.12.2025 | 2:44 minBevor Außenminister Johann Wadephul (CDU) wieder in den Regierungsairbus steigt, will er noch etwas sagen. Zwei Tage lang hat er mit der chinesischen Regierung, der Kommunistischen Partei und zahlreichen Unternehmern gesprochen. Jetzt wendet er sich an die Deutschen.
Wenn wir nicht den Anschluss verlieren wollen, müssen wir in Deutschland und Europa deutlich besser werden.
Außenminister Wadephul
Wadephul steht in der 16-Millionen-Stadt Guangzhou und hat gerade eine Runde in einem selbstfahrenden Minibus gedreht. In den Hochhausschluchten der Industriemetropole ziehen nicht nur fahrerlose Busse und Taxis, sondern auch autonome Straßenreinigungsfahrzeuge leise ihre Bahnen. Zwar betreibe auch Deutschland Spitzenforschung, sagt Wadephul, "aber wir schaffen es nicht immer, daraus auch praktische Lösungen zu entwickeln".
Wadephuls Standpauke ans eigene Land
Das politische Gewicht der Bundesrepublik, sagt ihr Außenminister, hänge maßgeblich von der Wirtschaftskraft ab. Die Gesellschaft müsse offen sein und offener werden für Innovationen.
Wadephuls Standpauke an sein eigenes Land markiert das Ende eines Besuchs, der erbarmunglos gezeigt hat, wie groß Deutschlands Nachholbedarf und wie stark seine Abhängigkeit inzwischen ist. Dass nach den Gesprächen des Ministers wenigstens einige Unternehmen darauf hoffen dürfen, dass China seine schmerzhaften Exportbeschränkungen für kritische Rohstoffe lockert, liegt nicht am deutschen Verhandlungsgeschick, sondern einzig und allein am Entgegenkommen der Staatsführung.
Man wolle in China "faire Handelsbedingungen" durchsetzen – aber sein Besuch in Peking hätte auch außenpolitische Hintergründe, erklärt Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU).
08.12.2025 | 6:52 minAbhängig von Chinas Launen
Aber Launen ändern sich - und in China mitunter schnell: Das Tauziehen um Wadephuls Reise ist das beste Beispiel dafür. Noch im Oktober fand die Staatsführung die Kritik des deutschen Außenministers an der Bedrohung Taiwans derart ungeheuerlich, dass sie Wadephuls Besuch zu einer Stippvisite mit nur einem einzigen politischen Termin herunterstufen wollte.
Wadephul sagte ab, Peking schmollte, sechs Wochen vergingen. Jetzt empfing China den deutschen Minister, als wäre nichts gewesen. Obwohl der Gast seine Kritik ohne Abstriche wiederholte, wollten ihn diesmal drei Minister und einer der Vizepräsidenten treffen.
"Der Hebel ist tatsächlich im eigenen, im europäischen Markt", sagt Expertin Janka Oertel zu den Handelsbeziehungen mit China. Hier könne Europa China "wirklich Probleme bereiten".
08.12.2025 | 4:56 minChina erschwert Diversifizierung
Die Antwort, die die Bundesregierung auf die zahlreichen Fragen empfiehlt, die China stellt, lautet: Diversifizierung. Aber auch das ist ein Wort, das Peking nicht übermäßig gern hört.
Am Stadtrand von Guangzhou besucht Wadephul die Firma Herrenknecht. Sie stellt gigantische Tunnelbaumaschinen her, darunter die größten der Welt. Sie kommen zum Beispiel beim Bau von U-Bahnen zum Einsatz. Seitdem das China-Geschäft schwächelt, sehen sich die deutschen Eigentümer auch auf anderen Märkten um - unter anderem in Australien und Japan.
Export von Tunnelmaschine blockiert
Aber seit fast einem Jahr verhindert China, dass Herrenknecht eine seiner in Guangzhou gebauten Tunnelmaschinen nach Indien verkaufen kann. Der Bohrer mit den Ausmaßen eines Einfamilienhauses hängt im Zoll fest. Minister Wadephul, der mit einem silberfarbenen Helm durch die Hallen läuft, will die Regierung in Peking auf das Problem aufmerksam machen.
China ist "unser größter Konkurrent" sagt Wadephul und appelliert an die Deutschen, ein besseres Klima für Innovationen und für Unternehmergeist zu schaffen. Man kann den Aufruf natürlich auch umdrehen. Und sich den dringend benötigten Aufbruch und die überfälligen Reformen von der Regierung wünschen, der Wadephul angehört.
Peking habe Einfluss auf Russland - und solle mehr Druck ausüben, den Krieg in der Ukraine zu beenden, forderte Bundesaußenminister Wadephul bei seinem Besuch in China.
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