Putschversuch 2016: Dündar erklärt Erdogans Machtausbau

Interview

Can Dündar erklärt Folgen für Türkei:Putschversuch 2016: So wurde Erdogan zum Autokraten

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War der Putschversuch in der Türkei 2016 ein Wendepunkt oder Machtbeschleuniger? Der Journalist Can Dündar über Präsident Erdogans Kurs und die Zukunft der türkischen Demokratie.

Jahrestag des Putschversuchs in der Türkei

Zehn Jahre nach der Putschnacht in der Türkei berichten Betroffene von Gewalt, Haft und Folgen der Säuberungen. Wie der gescheiterte Umsturz Erdoğans Macht festigte.

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ZDFheute: Es gibt verschiedene Theorien darüber, was in jener Nacht wirklich passiert ist. Sie haben dazu recherchiert und einen Film über den Putschversuch gemacht. Was glauben Sie, was in jener Nacht wirklich passiert ist?

Can Dündar: Es gibt im Wesentlichen zwei Ansätze. Der eine besagt, dass die Gülenisten selbst dahinterstecken. Der andere, dass Erdogan alles im Voraus organisiert hat. Ich glaube, beide Ansätze sind falsch. Der eine unterschätzt die Macht der Gülenisten, der andere überschätzt Erdogans Rolle dabei. Meiner Meinung nach haben die Gülenisten den gesamten Putschversuch organisiert, aber Erdogan, der bis zu einem bestimmten Zeitpunkt wusste, dass er kommen würde, ließ sie einfach ein paar Stunden lang ihr Ding machen, um herauszufinden, wer auf ihrer Seite und wer auf seiner Seite steht. Danach war es für ihn ein Leichtes, sie alle auszuschalten. Denn den Plan für die Säuberungsaktion gab es schon vorher.

Die Listen lagen in den Schubladen. Er hatte tatsächlich vor, eine große Säuberungsaktion durchzuführen.

Can Dündar

Und das war für ihn einfach die Gelegenheit, damit anzufangen.

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ZDFheute: Warum geschah es am 15. Juli 2016?

Dündar: Weil im August ein sehr wichtiges Treffen stattfinden sollte, bei dem die wichtigsten Generäle der Armee bestimmt wurden. Immer im August werden die wichtigsten Generäle der Armee ernannt. Die Gülenisten waren bereit, die gesamte Generalschaft der Armee zu übernehmen. Also musste Erdogan etwas unternehmen, um sie daran zu hindern. Das erklärt, warum es am 15. Juli geschah.

Es war ein Wendepunkt. So oder so.

Can Dündar

Es wäre auch ein Wendepunkt gewesen, wenn die Gülenisten die Armeeoffiziere, die hochrangigen Armeeoffiziere, an sich gerissen hätten. Deshalb musste Erdogan etwas unternehmen, um sie aufzuhalten. Und so kam es dazu.

ZDFheute: Tatsächlich lauten die Vorwürfe, insbesondere auch im Ausland, dass Erdogan alles vorgeplant habe, um die Opposition auszuschalten. Das würden Sie nicht so sehen, richtig? Sie sagen, es war eine echte Bedrohung, der er sich stellen musste?

Dündar: Das war mein Verständnis und mein Eindruck in jener Nacht. Ich meine, ich wäre heute auch im Exil, selbst wenn sie, die Gülenisten, Erfolg gehabt hätten. Sie sind also nicht unschuldig. Das sollten wir verstehen. Ich meine, sie haben sich jahrzehntelang auf einen solchen Putsch vorbereitet. Und deshalb wäre es mit ihnen eine andere Art von islamistischer Republik geworden. Wir haben uns gefragt, welche Variante die schlimmere war. Die Entscheidung lautete: keine von beiden. Ich persönlich war also einerseits erleichtert, dass sie gescheitert sind. Andererseits hat Erdogan natürlich seine Macht weiter konzentriert.

Und er ist nun, nach diesem Putschversuch, zum Autokraten der Türkei geworden.

Can Dündar

Montage Can Dündar und Recep Tayyip Erdogan

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ZDFheute: Lassen Sie uns genau über diese Entwicklung sprechen, denn die Türkei hat sich nach dem 15. Juli 2016 verändert. Erdogan ist es gelungen, wie Sie bereits erwähnt haben, ein autokratisches Regime zu errichten. Wie würden Sie also die Türkei zehn Jahre nach diesem Putschversuch beschreiben? Was für ein Land ist es heute?

Dündar: Die Türkei war nie ein vollständig demokratisches Land. Aber noch nie zuvor war sie eine solche Autokratie. Wie ist die Situation nach dem Putschversuch, nachdem Erdogan die Macht übernommen hat und nun die gesamte Kontrolle über die Justiz, das Parlament, die Regierung, die Polizei, die Armee, die Wissenschaft und die Finanzen ausübt? Was auch immer man sich vorstellen kann - er hat es jetzt in der Hand. Und das alles ist diesem Putschversuch zu verdanken. Denn danach vermittelte er der Bevölkerung die Botschaft: Ihr seid in Gefahr, ihr müsst mir die gesamte Macht übertragen, und ich werde euch beschützen.

Bei einer Demonstration schiebt ein Mann gegen den Plexiglasschild eines Polizisten in Schutzausrüstung. Hinter ihm schweken Männer rote Fahnen.

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Das gehört zum Spiel der autokratischen Herrschaft, wissen Sie, das steht so im Lehrbuch. Jeder Autokrat würde das gerne sagen. Und er nutzte dies als Gelegenheit. Er bezeichnete es als ein Geschenk Gottes an ihn. Stellen Sie sich vor, er ernannte in einer einzigen Nacht 4.000 Richter und Staatsanwälte anstelle der Gülenisten. Wir sprechen hier von 4.000. Das bedeutet also, dass das gesamte Justizsystem zusammengebrochen ist und er danach seine Leute - sozusagen Parteimitglieder - ernannt hat.

Danach haben wir die Rechtsstaatlichkeit verloren, wir haben die Unabhängigkeit der Medien verloren, wir haben die demokratische Republik verloren.

Can Dündar

Recep Tayyip Erdogan mit grimmigem Blick.

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ZDFheute: Und jetzt beobachten wir interessante politische Entwicklungen in der Türkei, wenn es darum geht, die Opposition zu bekämpfen und sie in verschiedene Fraktionen zu spalten, um die Macht zu erhalten. Glauben Sie, dass wir hier eigentlich eine Perfektionierung des Systems erleben?

Dündar: Das ist wieder einmal eine Strategie aus dem Handbuch eines Autokraten: "Teile und herrsche" - und genau das tut er. Ja, er perfektioniert seine autoritäre Herrschaft, indem er die Opposition spaltet und einen Vorsitzenden für die größte Oppositionspartei ernennt. Nachdem er seinen Ministerpräsidenten und seine Minister ausgewählt hatte, hat er nun den Vorsitzenden der größten Oppositionspartei bestimmt, der gegen ihn antreten wird. Was für ein Luxus für einen Autokraten, nicht wahr? Kılıçdaroğlu hat 13 Wahlen gegen ihn verloren. Erdogan dachte, dass er der beste Rivale sei, weil es keine Chance gibt, dass er eine nächste Wahl gewinnen könnte.

ZDFheute: Noch ein Wort zu den Regeln und Gesetzen: Eigentlich könnte er ohne eine vorgezogene Neuwahl nicht für eine weitere Amtszeit kandidieren. Gehen Sie also davon aus, dass es dazu kommen wird?

Erdoğan wird auf jeden Fall noch einmal kandidieren. Er will bis zum Ende seines Lebens im Amt bleiben und wird einen Weg finden.

Can Dündar

Im Vorfeld des NATO-Gipfels sind Gebäude mit der türkischen Flagge und NATO-Bannern geschmückt.

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Dündar: Die Verfassung sieht vor, dass er bei vorgezogenen Wahlen erneut kandidieren könnte. Aber auch darüber hinaus bereitet er seinen Sohn oder Schwiegersohn auf seinen Thron vor: Das wird eine Tradition wie in einem Kaiserreich sein, die im Widerspruch zur demokratischen Republik steht. Deshalb lautet die Botschaft: Ihr könnt mich nicht loswerden. Auch nach mir müsst ihr mit meiner Familie leben.

ZDFheute: Ist das eine gute oder eine schlechte Nachricht für die Türkei? Sie haben gesagt, dass die Türkei in gewisser Weise noch nie demokratisch war. Ist es vielleicht nur eine logische Folge dessen, was wir gerade sehen?

Dündar: Ja, Erdogan ist nicht der Grund, sondern das Produkt des gesamten Systems, denke ich. Das etablierte Parteiensystem ist zusammengebrochen, und Erdogan ist aus diesen Trümmern emporgestiegen. Und jetzt ist er selbst eine Ruine, ich meine, er ruiniert das gesamte demokratische System. Natürlich sind das schreckliche Nachrichten für die Türkei.

Leider haben wir unsere Demokratie innerhalb eines Jahrzehnts verloren.

Can Dündar

Ein Collagenbild zeigt Fotos, die während des gescheiterten Putschversuchs in Istanbul vom 15. Juli 2016 aufgenommen wurden, gegenübergestellt mit Bildern, die an genau denselben Orten aufgenommen wurden

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Aber ich bin immer noch voller Hoffnung, dass wir uns dem Ende dieses dunkelsten Zeitabschnitts nähern, weil die Menschen es wirklich satt haben. Mein Sohn ist 30 Jahre alt und hat noch nie einen anderen Politiker an der Macht in der Türkei erlebt. Stellen Sie sich vor, eine ganze Generation, und sie haben es wirklich satt.

ZDFheute: Vielleicht noch eine letzte Frage zu Ihrer Person: Ist es tatsächlich Ihre größte Hoffnung, eines schönen Tages in die Türkei zurückzukehren? Und wann könnte das Ihrer Meinung nach geschehen?

Dündar: Meine größte Hoffnung ist es, in eine demokratische Türkei zurückzukehren, in eine freie Türkei.

Es ist für mich momentan unmöglich, in die Türkei zurückzukehren.

Can Dündar

Aber ich hoffe, dass ich in eine demokratische Türkei zurückkehren und zu ihrem Übergang zur vollständigen Demokratie beitragen kann. Ansonsten scheint es mir wirklich unmöglich, in ein Land unter Erdogans Herrschaft zurückzukehren.

Das Interview mit Can Dündar hat ZDF-Reporter Jörg Brase am 01.07.26 in Berlin geführt.

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Über dieses Thema berichtete das ZDF-Mittagsmagazin am 15.07.2026 um 12:00 Uhr.

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