Türkei: Deutsche-Welle-Korrespondent festgenommen

"Irreführende Informationen":Deutsche-Welle-Korrespondent in der Türkei festgenommen

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Die Vorwürfe wiegen schwer: Verbreitung irreführender Informationen, Beleidigung des Präsidenten und der Türkei. Ein Deutsche-Welle-Korrespondent ist in Ankara festgenommen worden.

Der Name "Deutsche Welle" steht an einer Glasscheibe.

Deutsche-Welle-Intendantin Barbara Massing nennt die Vorwürfe gegen den Korrespondenten Alican Uludag "haltlos".

Quelle: dpa

Ein seit mehreren Jahren für die Deutsche Welle (DW) in der Türkei tätiger Korrespondent ist in Ankara festgenommen worden. Alican Uludag sei vor den Augen seiner Familie von etwa 30 Polizisten abgeführt worden, teilte der deutsche Auslandssender am Abend mit.

Er wurde in den Hauptsitz der höchsten Polizeibehörde Istanbuls gebracht, wo der Investigativjournalist heute dem Haftrichter vorgeführt werden soll. DW-Intendantin Barbara Massing forderte seine umgehende Freilassung.

"Beleidigung des Präsidenten und der türkischen Nation"

Vorgeworfen werden ihm laut DW "Verbreitung irreführender Informationen an die Öffentlichkeit", "Beleidigung des Präsidenten" sowie "Beleidigung der türkischen Nation, des Staates und der Institutionen". Die Vorwürfe bestätigten auch türkische Medien und beriefen sich dabei auf die Istanbuler Generalstaatsanwaltschaft.

TOPSHOT - A supporter holds a flag of Istanbul's detained Mayor Ekrem Imamoglu and the First President of the Republic of Turkey Mustafa Kemal Ataturk as they listen to the leader of Turkey's main opposition Republican People's Party (CHP) Ozgur Ozel (not pictured) during a rally protesting the 100th day of the detention of Istanbul's Mayor, in Sarachane Square, Istanbul on July 1, 2025. (Photo by Yasin AKGUL / AFP)

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Die DW erklärte, Uludags Wohnung sei durchsucht und IT-Geräte mitgenommen worden. Die Vorwürfe beziehen sich demnach auf einen etwa eineinhalb Jahre alten Post auf der Plattform X. Darin habe Uludag Maßnahmen der Regierung kritisiert, die mögliche Terroristen des Islamischen Staates freigelassen habe. Der Regierung habe er Korruption vorgeworfen.

Als langjähriger Gerichtsreporter berichtet Uludag laut DW über Menschenrechtsverletzungen, Korruptionsfälle und Prozesse.

Deutsche Welle: Vorwürfe gegen Uludaq "haltlos"

DW-Intendantin Barbara Massing bezeichnete die Vorwürfe gegen Uludag als haltlos. Er sei sehr gut vernetzt und habe Zugang zu wichtigen Quellen. Damit könne er der Regierung - aus deren Sicht - gefährlich werden.

Dass ein Journalist wie ein Schwerverbrecher von 30 Polizisten abgeführt und direkt nach Istanbul gebracht wird, dient der gezielten Einschüchterung.

DW-Intendantin Barbara Massing

Der Vorfall zeige, "wie massiv die Regierung Pressefreiheit unterdrückt".

Im Jahr 2021 war Uludag in Deutschland mit dem Raif-Badawi-Preis für mutigen Journalismus ausgezeichnet worden. Mit der Auszeichnung werde die Arbeit des Justizkorrespondenten in einer Zeit gewürdigt, in der unabhängiger Journalismus in der Türkei stark unter Druck stehe, teilte die Friedrich-Naumann-Stiftung damals mit. Uludag deckte den Angaben zufolge mit seinen Artikeln Korruption in Regierungskreisen auf und recherchiert zur Arbeit von Strafverfolgungs- und Sicherheitsdiensten.

Auch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer fordert die sofortige Freilassung des Journalisten. "Ich fordere die türkische Regierung auf, dafür zu sorgen, dass Alican Uludag sofort aus der Haft zu entlassen wird", sagte Weimer (parteilos) und betonte:

Journalistische Arbeit ist keine Straftat.

Wolfram Weimer, Kulturstaatsminister

Viele Journalisten in der Türkei in Haft

Unzählige Journalisten sitzen laut Deutschem Journalisten-Verband (DJV) in der Türkei in Haft. Die Türkei belegt in der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen Platz 159 von 180 Staaten. Ein Großteil der Medien in der Türkei steht unter direkter oder indirekter Kontrolle der Regierung.

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Erst vor knapp einem Monat war ein DW-Korrespondent im Niger festgenommen worden. Auch in diesem Fall stehe die DW in engem Austausch mit seinen Angehörigen sowie Anwälten vor Ort, teilte der Sender mit.

Die Deutsche Welle ist eine bundesunmittelbare Anstalt des öffentlichen Rechts mit Sitz in Bonn und Berlin. Ihr Auftrag ist es, ein realistisches Bild Deutschlands zu vermitteln, den internationalen Dialog zu fördern und demokratische Werte zu stärken. Das Programm richtet sich an ein weltweites Publikum in mehr als 30 Sprachen.

Quelle: dpa
Über dieses Thema berichtete ZDFheute Xpress am 20.02.2026 ab 07:30 Uhr.

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