Niederschwellige Hilfsangebote:Mentale Gesundheit: Was Tschechien anders macht
von Renée Severin
Um Menschen mit psychischen Erkrankungen zu helfen, geht Tschechien neue Wege. Allerdings hinkt das Land seinen eigenen Zielen hinterher.
Um Betroffenen von psychischen Krankheiten zu helfen, baut Tschechien die psychiatrische Versorgung um. So gibt es jetzt Zentren für psychische Gesundheit, etwa in Ostrava.
25.07.2026 | 1:43 minWenn Miša ins Einkaufszentrum muss, geht das Herzklopfen los - Panik. Die 27-jährige Tschechin hat eine Soziale Phobie, eine Angststörung. Alltägliche Situationen werden so zu einer riesigen Herausforderung:
Ich analysiere ständig, ob mich jemand bewertet.
Miša, leidet unter einer Angststörung
Es ist die Angst vor sozialen Situationen, wie etwa beim Einkaufen an der Kasse. Doch Miša stellt sich diesen Situationen regelmäßig.
Hilfe bekommt sie dabei von Dominika Heřmanová. Die psychiatrische Krankenpflegerin begleitet Miša, hilft ihr durch die Angst. "Wir haben Ohrstöpsel, Kopfhörer und Brillen benutzt", erinnert sie sich an die ersten gemeinsamen Besuche. Um die Eindrücke zu minimieren, die Mišas Angst triggern.
Um Betroffene langfristig zu entlasten, müssen auch politische Lösungen her. Wie blickt die EU auf mentale Gesundheit, und was steckt hinter dem Systemwandel in Tschechien?
25.07.2026 | 25:10 minSeit fast einem Jahr arbeiten die beiden gemeinsam daran, Mišas Angst therapeutisch zu bewältigen. Zusammengefunden haben sie im Zentrum für psychische Gesundheit in Ostrava, im Osten Tschechiens. Bis 2030 sind 100 solcher Zentren im ganzen Land geplant. Sie sollen Betroffenen psychischer Krankheiten schnell und umfassend Hilfe bieten.
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25.07.2026 | 17:54 minZentrum für psychische Gesundheit als Anlaufstelle
Dahinter steckt ein sogenannter Community-Ansatz, also nah am Wohnort, sozial und meist ambulant. In Ostrava liegt das Zentrum neben einem Krankenhaus. Es ist eine Anlaufstelle für Betroffene und ihre Angehörigen. Wer sich hier mit einem Problem meldet, bekommt innerhalb von 48 Stunden ein Erstgespräch. Gracián Svačina leitet das Zentrum.
Früher waren Patienten gezwungen, einen Spezialisten nach dem anderen abzuklappern.
Gracián Svačina, Leiter des Zentrums für psychische Gesundheit in Ostrava
Menschen mit schweren, psychischen Erkrankungen, wie etwa einer Sozialen Phobie oder Depressionen, werden zur Betreuung aufgenommen. Einige Zentren spezialisieren sich auf bestimmte Gruppen, zum Beispiel Kinder oder Suchtkranke.
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14.06.2026 | 27:11 minZentrum verbindet Psyche und Soziales
Betreut werden die Menschen, die in das Zentrum in Ostrava kommen, von einem Team aus Psychiatern, Psychologen und Sozialarbeitern sowie psychiatrischen Pflegekräften. So wollen sie sich hier ein ganzheitliches Bild von den Betroffenen machen. "Wir befassen uns nicht nur mit der psychischen Gesundheit an sich", erklärt Zentrumsleiter Svačina, "sondern auch mit sozialen Angelegenheiten: Familie, Wohnen, Finanzen, alles zusammen."
Insgesamt betreuen sie hier etwa 160 Menschen, immer auf begrenzte Zeit, bis sie stabiler sind. Ein Großteil der Betreuung findet außerhalb statt, etwa bei den Betroffenen zu Hause oder wie bei Miša im Einkaufszentrum, bei gemeinsamen Übungen.
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28.04.2026 | 2:37 minTschechien will Zahl der Klinikeinweisungen senken
Tschechien will so die Zahl derjenigen reduzieren, die mit psychischen Erkrankungen ins Krankenhaus müssen. Dafür arbeitet das Zentrum für psychische Gesundheit auch mit einem psychiatrischen Krankenhaus in der Nähe zusammen, übernimmt teilweise die Betreuung einiger Patienten.
Der Community-Ansatz findet im wirklichen Leben der Menschen statt, wir holen sie nicht aus ihrem Umfeld.
Gracián Svačina, Leiter des Zentrums für psychische Gesundheit in Ostrava
Um die Zentren im ganzen Land zu etablieren, kommen auch EU-Gelder zum Einsatz. Die Inspiration für das neue System kommt aus anderen europäischen Ländern, etwa aus Italien und Großbritannien.
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06.10.2025 | 28:43 minFinanzierungslücken und Fachkräftemangel bremsen
Bisher hinkt Tschechien seinen eigenen Zielen aber hinterher. Seit 2018 haben 52 Zentren eröffnet, also nur rund die Hälfte der geplanten Zentren.
Als Gründe nennt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) etwa Lücken in der Finanzierung und den anhaltenden Fachkräftemangel. Sie hat den Ansatz in einem Bericht analysiert. Die tschechische Regierung hält aber an den Plänen fest, erklärt Ivana Svobodová vom Gesundheitsministerium in Prag.
Die Tschechische Republik überarbeitet den nationalen Aktionsplan, aber das Ziel von 100 Zentren bleibt bestehen.
Ivana Svobodová, Gesundheitsministerium Tschechische Republik
Die Zahl derjenigen, die die Zentren nutzen, ist seit 2018 konstant gestiegen. Die WHO berichtet von mehr als 6.000 Klienten im Jahr 2022, während kurzfristige Klinikaufenthalte gesunken sind.
Das Zentrum für psychische Gesundheit in Ostrava zieht demnächst um, in ein moderneres, saniertes Gebäude. Auch das ist von der EU teilfinanziert.
Miša hat Soziale Phobie besser im Griff
Miša kann immer besser mit ihrer Sozialen Phobie umgehen. "Wir haben große Fortschritte gemacht", bestätigt Dominika Heřmanová, die sie als psychiatrische Krankenpflegerin begleitet. Zwar lösen der Gang ins Einkaufszentrum in Miša immer noch Stress und Ängste aus. Aber sie schafft es hindurch und ist stolz: "Es hat mir geholfen, wieder etwas Selbstvertrauen in mich zu gewinnen."
In ganz Europa kämpfen Menschen mit ihrer mentalen Gesundheit. Hilfe? Für Betroffene nicht immer ohne Weiteres greifbar. Doch es gibt Ansätze, die ihnen helfen sollen - im Kleinen wie im Großen.
Mental am Limit - und jetzt? Europas Wege aus der Krise ist eine Mini-Serie über Menschen und Projekte, die Betroffenen helfen wollen: Über alltägliche Ideen, um den Kopf frei zu bekommen, Anlaufstellen, die unkomplizierte Gesprächsangebote anbieten, und alternative Therapie-Ideen: Fünf Länder, fünf Ideen.
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