Migrationspolitik in Spanien: Papiere statt Abschiebung

Spaniens Regierung setzt auf Migration:Irregulär eingereiste Migranten können Status legalisieren

von Brigitte Müller, Madrid

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Migranten können einen Antrag auf Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung stellen. Sie sollen den Mangel an Arbeitskräften im Land mildern und zu Spaniens Wirtschaftswachstum beitragen

Spain Migrations Amnesty

Spanien hat die Regularisierung von Migranten ohne Aufenthaltsgenehmigung beschlossen.Rund 500 Tausend Menschen können so ihren Status legalisieren - gegen den Trend der Abschottung in Europa.

24.04.2026 | 2:08 min

Ministerpräsident Pedro Sánchez kommt gleich zur Sache: "Die Legalisierung bedeutet, die Realität von fast einer halben Millionen Menschen anzuerkennen, die bereits Teil unseres Alltags sind." In seinem Brief an die Bürger vom 14. April 2026 spricht er von der alternden Bevölkerung, von Arbeitskräftemangel und von Zahlungen in die Rentenkasse.

Es ist auch der Dynamik der Migranten zu verdanken, dass die spanische Wirtschaft heute die am schnellsten wachsende in Europa ist und die meisten Arbeitsplätze schafft.

Pedro Sánchez, Regierungspräsident Spanien

Einer von vier Faktoren muss erfüllt werden

Die Hürden für diese außerordentliche Legalisierung sollen bewusst niedrig gehalten werden. Fünf Monate Aufenthalt und ein polizeiliches Führungszeugnis müssen alle nachweisen, zudem eine von verschiedenen Variablen: Asylantrag, Jobangebot, Familienverband oder eine Situation der Vulnerabilität, also Verletzlichkeit. Mitte April ging es los, noch herrscht ein bisschen Verwirrung.

eugh luxemburg

Immer wieder weigern EU-Staaten sich, Überstellungen von Asylsuchenden nach dem Dublin-Verfahren anzunehmen. Das ist rechtswidrig - wird in der Praxis aber wohl erst einmal weitergehen.

05.03.2026 | 0:51 min

Hoffnung auf ein besseres Leben

"Ich glaube, dass alle die Anforderungen von Vulnerabilität erfüllen, weil sie keinen Anspruch auf eine Aufenthaltserlaubnis haben, die ihnen die Tür öffnet und Zugang zu den Grundrechten gewährt", sagt Marta Sánchez, Anwältin der Nicht-Regierungs-Organisation (NGO) Pueblos Unidos - Entreculturas. Eine genaue Definition für Vulnerabilität habe die Regierung noch nicht festgelegt.

Sánchez hilft Migranten bei den Online-Anträgen und auf sie setzt Pamela Quispe ihre ganze Hoffnung. Sie kam vor einem Jahr nach Madrid, ließ ihren 11-jährigen Sohn in Peru zurück. Im vergangenen Jahr hat sie immer mal wieder als Haushaltshilfe gearbeitet, ihr fehlt noch das Zertifikat für Vulnerabilität, dann hat sie alle Dokumente beisammen. Die Anwältin kann die Unterlagen anschließend online einreichen.

Für mich bedeutet die Legalisierung Zugang zu Bildung, Gesundheitssystem und zu besseren Jobs.

Pamela Quispe, Migrantin

Kritik von der Opposition

Die katholische Kirche und Arbeitgeberverbände unterstützen die Maßnahme und stellen sich damit gegen die konservativen Parteien. Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo von der Volkspartei PP kritisiert vor allem die mangelnde Kontrolle bei der groß angelegten Vergabe von Dokumenten.

Spanien kann nicht das Land werden, in dem es rentabler ist, gegen die Regeln zu verstoßen, als sie einzuhalten.

Alberto Núñez Feijóo, Volkspartei PP

Mit dem Gesetz würden jene belohnt, die irregulär nach Spanien einreisen und lange genug dort ausharren. Zudem verstoße es gegen den europäischen Migrationspakt, der auf Ausreise statt Legalisierung setze.

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

80 Prozent der syrischen Flüchtlinge sollen innerhalb der nächsten drei Jahre Deutschland verlassen - so äußerte sich Merz Anfang April. Wie hat er das gemeint? Wie kommt diese Aussage an?

31.03.2026 | 2:39 min

Legalisierung schon früher möglich

Seit Jahren gibt es für Migranten die Möglichkeit, eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis zu bekommen, wenn sie nachweisen können, seit zwei Jahren im Land zu sein und zudem ein Arbeitsangebot vorlegen können. Zwischen 2009 und 2025 nutzten 1,4 Millionen Einwanderer diese Verfahren.

Nun sollen auch die, die kürzer in Spanien sind oder noch keinen Vertrag in Aussicht haben, eine Chance bekommen. Es sind vor allem Lateinamerikaner, die diese Chance nutzen wollen. Gemeinsame Sprache und Kultur erleichtern die Integration in die Gesellschaft.

Drei Männer in Werkstatt

Bei einem Projekt der Handwerkskammer nehmen arbeitssuchende Geflüchtete an einem Integrationskurs teil. Dort lernen sie gleichzeitig Deutsch und wichtige Berufs-Qualifikationen, was ihre Arbeitschancen erhöht.

07.04.2026 | 1:51 min

Migranten bringen Wirtschaftswachstum

Die meisten Spanier sehen die Zuwanderung gelassen, sagt die Soziologin Claudia Finotelli von der Universität Complutense in Madrid. Die spanische Bevölkerung sei sich bewusst, dass Einwanderung für die Aufrechterhaltung des Wohlfahrtsstaates von entscheidender Bedeutung ist.

In den vergangenen 20 Jahren sei die aktive Bevölkerung in Spanien um mehr als fünf Millionen Menschen gewachsen, 75 Prozent von ihnen seien Ausländer oder Migranten mit doppelter Staatsbürgerschaft, die zum Wirtschaftswachstum beitragen.

Derzeit ist knapp die Hälfte der in Spanien gemeldeten Ausländer Menschen aus Lateinamerika, die meisten davon aus Kolumbien und Venezuela

Deshalb sind die Spanier derzeit toleranter gegenüber Migration als in anderen europäischen Ländern, wo Migranten eher als Personen angesehen werden, die den Wohlfahrtsstaat ausnutzen.

Claudia Finotelli, Universität Complutense Madrid

Eine Garantie, dass das so bleiben wird, gibt sie allerdings nicht. In dem Moment, in dem eine Krise zu hoher Arbeitslosigkeit führe, sei es nicht auszuschließen, dass sich die Wahrnehmung der gebürtigen Spanier gegenüber Ausländern ändere.

Ansturm auf Arbeitsgenehmigungen

Der Prozess der "außerordentlichen Legalisierung" hat gerade erst begonnen und die Verwaltung hofft, dem Ansturm standzuhalten. Die Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen gelten zunächst ein Jahr. Für die Verlängerung muss dann in den meisten Fällen ein Arbeitsvertrag vorliegen.

Ein Mann geht vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge vorbei.

Fast 60 Prozent der Iraner in Deutschland sind sozialversicherungspflichtig beschäftigt, rund 43 Prozent haben einen Hochschulabschluss. Sie sind gut in den Arbeitsmarkt integriert.

12.03.2026 | 0:19 min

Über dieses Thema berichtete die Sendung heute in europa am 24.4.26 ab 16:00 Uhr.

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