Religion in Singapur: Wie ein Stadtstaat religiöse Vielfalt lebt

In Vielfalt leben:Wie Singapur religiösen Konflikten trotzt

von Lea Scholz, Singapur

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In keinem Land der Welt gibt es mehr religiöse Vielfalt als in Singapur. Doch hier sind der Religionsfreiheit klare Grenzen gesetzt. Wie dadurch friedliches Zusammenleben gelingt.

Vertreter der Interreligiösen Organisation Singapurs (IRO) beten bei einer Gedenkfeier in Singapur.

Der Stadtstaat Singapur ist von einer bemerkenswerten religiösen Vielfalt geprägt. Die große gesellschaftliche Toleranz wird dabei durch politische Maßnahmen aktiv gesteuert.

25.03.2026 | 7:16 min

"Wir spüren keinen Unterschied zwischen uns - ob Hindu, Christ oder Buddhist", sagt Salamat Beevi, die zur prunkvollen Sultan-Moschee gekommen ist, um das islamische Fastenbrechen zu feiern. Doch an der Seite der indischen Muslima sind nicht nur Gleichgesinnte:

Jedes Fest feiern wir zusammen - das ist es, was Singapur so einzigartig macht.

Salamat Beevi

Hier leben alle ihren Glauben an die großen wie kleinen Religionen ganz offen und für jeden sichtbar aus. Moscheen reihen sich an hinduistische Tempel, Synagogen und Kirchen. Muezzinrufe verhallen in Kirchenläuten, Räucherstäbchen ehren hinduistische Götter. Und das alles offenbar in großer Harmonie, von Spannungen scheint keine Spur - doch wie ist das möglich in einer Welt voller religiöser Konflikte?

SINGAPORE-LIFESTYLE

Der Stadtstaat Singapur feiert 60 Jahre Unabhängigkeit - und präsentiert sich als moderne Megacity mit spektakulärer Architektur. Doch abseits der Hochhäuser lebt auch Singapurs Tradition weiter. Mima-Reporter Thomas Gill nimmt uns mit in die verborgene Seite der Metropole.

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Essen bis Wohnen - religiöse Vielfalt im Alltag

"Wir versuchen, andere Religionen zu verstehen. Die Kulturen vermischen sich nicht nur bei der Religion, auch etwa beim Essen", sagt der Hindu Satish Waren. So tummeln sich in den zahlreichen Essenshallen - den sogenannten "Hawker Centern"- Chinesen, Inder, Malayen, Europäer und Araber, um die kulinarische Vielfalt ihrer unterschiedlichen Kulturen auszukosten.

Doch das friedliche Zusammenleben überlässt der Staat nicht einzig den Bürgern - und schon gar nicht dem Zufall. Aktiv greift er ein, um das Verständnis füreinander zu fördern und Abgrenzung zu verhindern. Zentraler Baustein sind dabei die Wohnblock-Siedlungen aus staatlich geförderten Hochhäusern. Rund 80 Prozent der Einwohner leben in den über eine Million Wohnungen.

Den günstigen Wohnraum gibt es nur für Staatsbürger und Personen mit dauerhaftem Aufenthaltstitel - und: Der Staat bestimmt, wer ihn bewohnen darf.

Keine einzelne ethnische Gruppe kann einen bestimmten Bezirk eines Wohnviertels dominieren.

Mathew Mathews, Universität Singapur

"Stattdessen gibt es festgelegte Anteile, die dem allgemeinen Bevölkerungsverhältnis Singapurs entsprechen", erklärt Mathew Mathews von der Universität Singapur. Eine mögliche Ghettobildung wird so bereits im Keim erstickt.

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Laut einer Befragung werden rund neun Millionen Menschen im Alltag, im Job oder bei Behörden benachteiligt. Musliminnen mit Kopftuch sind besonders betroffen. Stefan Schlösser mit den Details.

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Wo die Grenzen der Religionsfreiheit verlaufen

Für Juden sei Singapur wahrscheinlich der sicherste Ort der Welt, sagt Rabbi Mordechai Abergel: "Wir brauchen keine Soldaten, die an den Toren unserer Synagogen oder vor unserer Schule stehen. Das ist die Art von System, in dem sich ein Jude nicht sorgen muss, dass er in ein bestimmtes Viertel geht und jemand ihn verbal beschimpft oder angreift." Der Grund: Wer in Singapur das friedliche Zusammenleben angreift oder die religiöse Harmonie stört, wird bestraft - unverzüglich und mit voller Härte. Ganz gleich, ob hochrangiger Religionsvertreter oder Bürger im Internet: Die Regierung greift durch.

So wurde einem indonesischen Priester die Einreise verweigert, weil er in einer Predigt Selbstmordattentate im Kontext des Israel-Palästina-Konflikts legitim nannte. Einem christlichen Prediger wurde die Arbeitsgenehmigung entzogen, nachdem er Allah als "falschen Gott" diffamiert hatte. Und ein Imam des Landes verwiesen, weil er in einem Freitagsgebet um göttliche Hilfe gegen Christen und Juden bat.

Ein Fall, den die Behörden gleich nutzten, um auch Rabbi Abergel und einem christlichen Kollegen deutlich zu machen: "Auch in eurer Bibel gibt es Verse, die im Kontext gepredigt werden müssen. Wenn ihr das nicht macht, werden wir euch genauso verfolgen, wie den Imam", erzählt er.

Eine Gruppe Jugendlicher zeigt mit dem Zeigefinger auf der Straße in die Kamera.

Die Initiative "YouthBridge" aus München bringt Jugendliche verschiedener Religionen und Herkunft zusammen, um Verständnis und Toleranz zu fördern.

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Religiöse Harmonie durch strikte Regeln gewährleistet

"Wir können hier nicht alles sagen und tun", sagt Pastorin Martina Klein der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in Singapur. Wo in anderen Ländern die Grenzen zwischen Hate Speech und Meinungsfreiheit verschwimmen, sind die Spielregeln in Singapur sehr klar. Wer etwa einen diskriminierenden Kommentar im Internet absetzt, dem droht eine mehrwöchige Haftstrafe.

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Auch dadurch sei in Singapur mit all den Religionen das möglich, wovon alle schwärmen: ein Zusammenleben in Respekt und Harmonie. "Das ist wie im Chor", sagt Klein: "Jede Stimme hat ihren Platz und wir singen gemeinsam als Religionen."

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Der asiatische Stadtstaat Singapur gilt als grüne Metropole, beispielhaft in nachhaltiger Stadtentwicklung - mit offenen Grünflachen, begrünten Hausfassaden und Dachgärten.
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Über dieses Thema berichtete das auslandsjournal am 25.03.2026 um 22:15 Uhr.

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