Schweden exportiert Häftlinge: Estland will Gefängnisse vermieten

Schweden exportiert Häftlinge:Estland will seine Gefängnisse vermieten

von Natalie Steger

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Estland hat ein kurioses Problem: Die Zahl der Insassen sinkt stetig. In Schweden wiederum sind die Haftanstalten überfüllt. Hunderte Straftäter sollen nach Estland - gegen Geld.

gitterfenster in gefaengnis

In Estland sinkt die Zahl der Gefangenen stetig. Doch Gebäude und Personal kosten. Nun sollen die Zellen an schwedische Insassen vermietet werden, denn in Schweden sind die Gefängnisse überfüllt.

22.04.2026 | 2:17 min

Seit in Schweden die Polizei verschärft gegen Bandenkriminalität vorgeht, platzen die Gefängnisse aus allen Nähten. Ein Abkommen mit Estland, dem beide Parlamente noch zustimmen müssen, sieht vor, bis zu 600 Straftäter im estnischen Tartu im Südosten des Landes unterzubringen. Für jeden Platz soll Estland pro Monat 8.500 Euro bekommen.

"Die estnische Regierung muss immer noch die Miete für das Gefängnis zahlen", sagt Tiina Unuks vom Justiz- und Digitalministerium.

Jetzt, wo wir ein Abkommen mit Schweden haben, muss der estnische Steuerzahler hier nicht mehr für die Infrastruktur zahlen. Es hilft uns, das Gefängnis in Tartu zu behalten.

Tiina Unuks, Justiz- und Digitalministerium

Weniger Kriminalität - leerer Gefängnistrakt

Tatsächlich ist es im Gefängnis überraschend still. Etwa 300 Häftlinge sind auf dem Areal untergebracht, das für 933 Männer ausgelegt ist. Nur wenige sind zu sehen, beim Sport, in Werkstätten, im Garten.

Merle Ulst ist die Gefängnisdirektorin. Sie zeigt einen leerstehenden Komplex, in dem die 600 schwedischen Häftlinge untergebracht werden können.

Als wir dieses Gebäude geschlossen haben, wurden einige der Insassen in andere Gefängnisse verlegt, weil auch dort Platz frei ist.

Merle Ulst, Gefängnisdirektorin Tartu

In den 90ern, nach der politischen Wende in Estland, kämpfte man noch mit höherer Korruption und Kriminalität, dann sank die Zahl der Insassen. Aktuell sind es in dem 1,3 Millionen Einwohner Land nur rund 1.600.

Polizei in Schweden

Banden rekrutieren Jugendliche für Morde oder Gewalttaten, weil sie nicht strafmündig sind. Deshalb senkt Schwedens Regierung das Strafmündigkeitsalter von 15 auf 13 Jahre.

06.10.2025 | 1:49 min

"Nach der Wiedererlangung der Freiheit und der Demokratisierung Anfang der 90er gab es ein sehr restriktives Strafsystem", so Juraprofessorin Paloma Kroot Tupay von der Universität Tartu. Man habe das Strafsystem reformiert und wie in anderen europäischen Ländern nicht Strafe als Ziel gesehen, sondern die Wiedereingliederung in die Gesellschaft.

Und dann ist Estland tatsächlich sozial und wirtschaftlich glücklicherweise erfolgreich gewesen in den letzten 30 Jahren, was zu einer sehr geringen Kriminalitätsrate geführt hat.

Prof. Paloma Kroot Tupay, Universität Tartu

Bedenken: "Rechtliche Probleme"

Nun also sollen Zellen an Schweden vermietet werden. Das Sicherheitspersonal frischt bereits sein Englisch auf. Der Teufel aber steckt im Detail. Denn die Straftäter seien nach schwedischem Recht verurteilt, aber dann dem estnischen Strafvollzugsrecht unterstellt, so Prof. Paloma Kroot Tupay.

Ein praktisches Beispiel: Für die estnischen Insassen gilt komplettes Rauch- und Nikotinverbot. In Schweden nicht. Die Staatsrechtlerin befürchtet eine Klagewelle in Estland.

Es kann ganz reale rechtliche Probleme geben. Wenn der schwedische Gefangene sagt: Ich habe hier aber weniger Rechte, als ich nach schwedischem Recht haben würde und sich dann an das Gericht wendet und sagt: Ich fühle mich hier ungleich behandelt, ich möchte das nicht.

Prof. Paloma Kroot Tupay, Universität Tartu

Künftige Insassen: Schwerverbrecher

Kommen sollen Männer, die etwa für Mord, Sexual- oder Wirtschaftsverbrechen verurteilt wurden. Weggesperrt am Rande von Tartu, der wichtigsten Wissenschafts- und Studentenstadt Estlands. Rechtspopulisten mahnen, die Stadt Tartu beruhigt die Einwohner.

Es kommen männliche Häftlinge mit langen Haftstrafen, die nicht hier entlassen werden, sondern vor Ablauf der Strafe nach Schweden gehen werden.

Martin Bek, stellv. Bürgermeister Tartu

Eine Prostituierte sitzt bei roter Beleuchtung auf einem Bett in einem Studio, aufgenommen am 06.11.2022

1998 hat Schweden den Kauf von Sex unter Strafe gestellt, um Prostituierte zu schützen. Die Bilanz zwiespältig: der Sexkauf verlagerte sich ins Anonyme, die Gefahr für Frauen damit gestiegen.

26.01.2026 | 1:54 min

Gefängnis erhalten für den Ernstfall

Im Gefängnis sieht Leiterin Merle Ulst das Mietmodell als machbare Herausforderung und dringend notwendig. Nicht nur wegen der Kosten, sondern auch, um das Gefängnis für potenzielle Notfälle funktionsfähig zu halten. Estlands Lage ist strategisch sensibel mit einer 300 Kilometer langen Grenze zu Russland.

In einer militärischen Krise kann es Situationen geben, in denen Menschen festgehalten werden müssen.

Merle Ulst, Direktorin Gefängnis Tartu

Wenn das estnische Parlament den Weg für das Abkommen mit Schweden freimacht, könnte es ab Juli losgehen - für die schwedischen Verbrecher hinter estnischen Gardinen.

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300 km Grenze teilen Estland und Russland. Eine Straße über den Saatse Stiefel wurde gesperrt, als russische Soldaten auftauchten.
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Über dieses Thema berichtete die Sendung heute in europa am 22.4.2026 ab 16:00 Uhr.

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