Video zeigt seltene öffentliche Kritik:Hier wütet ein Kriegsveteran gegen Russlands Bürokraten
von Nils Metzger
Eklat bei Bürgertermin in Russland: Ein Veteran des Ukraine-Kriegs geht lautstark Beamte wegen Misswirtschaft an. Der Mann ist kein Unbekannter. Was zu dem Video bekannt ist.
Der russische Kriegsveteran Wladimir Kitajew legt sich bei einer Bürgersprechstunde mit lokalen Beamten an.
Quelle: Telegram / @dshrg2Ein Video aus dem fernen Osten Russlands geht viral: Die Hafenstadt Nachodka liegt 6.500 Kilometer von Moskau entfernt am Japanischen Meer, doch die Aufnahmen dürften auch der Führung in der Hauptstadt unangenehm sein.
Was ist im Video zu sehen?
Bei einer lokalen Bürgersprechstunde Anfang Juni meldete sich der russische Kriegsveteran Wladimir Kitajew zu Wort und kritisierte lokale Beamte wütend für Misswirtschaft und Inkompetenz. Dabei ging es unter anderem um fehlende Leistungen für andere Veteranen. Zugesagte staatliche Hilfen etwa bei der Renovierung von Wohnungen oder kostenlose Arztbesuche würden Veteranen nicht erreichen, kritisierte er.
Das Video mit der Konfrontation
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"Ich habe Sie letztes Jahr zehnmal angerufen, worauf Sie jeweils antworteten: 'Ich bin im Urlaub.' Doch als ich (…) persönlich vorbeikam, tauchten Sie sofort auf", ruft Kitajew den Mitgliedern der Stadtverwaltung zu.
Sie waren zwei Monate im Urlaub, jeden zweiten Tag haben Sie Urlaub, Urlaub, Urlaub.
Wladimir Kitajew, russischer Veteran
In viele Sätze schiebt er Flüche ein, die Stadtvertreter schauen betreten auf ihre Handys, aus dem Rest des Publikums kommt teils Gelächter. Kitajew wirft den Beamten vor, mit ihnen befreundete Bürger bevorzugt zu behandeln.
Ein Mitarbeiter der Stadt baut sich daraufhin vor Kitajew auf und fordert ihn auf, mit ihm "vor die Tür zu gehen". Aus wenigen Zentimetern Entfernung reden sie wütend aufeinander ein, fast kommt es zu Handgreiflichkeiten. "Hören Sie auf, unhöflich zu sein, Held Russlands", sagt ein Mitarbeiter zu Kitajew.
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07.06.2026 | 23:06 minWas ist zu dem Veteranen Wladimir Kitajew bekannt?
Kitajew ist kein Unbekannter - und schon seit Jahren Gegenstand internationaler Medienberichte und Ziel von Ermittlungen. Er war Mitglied der aufgelösten Söldnertruppe Wagner und für sie in mehreren Ländern im Kriegseinsatz.
Einer russischen Datenbank für besondere Leistungen von Soldaten zufolge wurde Kitajew 2023 von Präsident Wladimir Putin mit dem höchsten Orden des Landes ("Held der russischen Föderation") ausgezeichnet. Verschiedene Fotos lokaler Medien aus Nachodka zeigen Kitajew mit diesem und weiteren Orden und bei der Bürgerversammlung sprachen ihn Anwesende als "Helden" an.
Er soll etwa an den schweren Kämpfen um die ukrainische Stadt Bachmut beteiligt gewesen sein. Ukrainische Behörden ermitteln gegen ihn wegen der mutmaßlichen Tötung von Kriegsgefangenen.
Auch in einem berüchtigten Wagner-Video aus dem Jahr 2017, das die Folter und Ermordung eines Syrers im dortigen Bürgerkrieg zeigt, soll Kitajew laut der russischen Menschenrechtsorganisation Gulagu und dem unabhängigen Medium "The Insider" vermummt zu sehen sein. Viele internationale Medien hatten über das grausige Video berichtet.
Beim Wirtschaftsforum sind auch AfD-Politiker vor Ort. "Diese Selbstdarstellung bei einem Kriegsverbrecher wie Putin schadet den deutschen Interessen", so Politologe Nico Lange.
05.06.2026 | 3:34 minWarum die Wutrede keine Kritik am Ukraine-Krieg ist
Die lautstarke Konfrontation lokaler Beamter ist ungewöhnlich, aber weder ein Beleg für eine Kritik am Ukraine-Krieg noch am System Putins insgesamt. Auch Putin selbst hatte sich in der Vergangenheit bei öffentlichen Terminen immer wieder als Kämpfer gegen Korruption und Misswirtschaft auf lokaler Ebene inszeniert.
Tatsächlich ist Kitajew auch seit Längerem in die Propaganda-Bemühungen des russischen Staates eingebunden. Etwa trat er in seiner Heimatregion wiederholt in Schulen oder paramilitärischen Bildungseinrichtungen auf, um für das Militär und "patriotische Werte" zu werben.
Laut einer Meldung vom April 2025 soll ein lokaler Unternehmer in der Stadt sogar ein Plakat aufgehängt haben, das die Kriegsleistungen von Kitajew feiert. Ein Regimekritiker ist Kitajew darum gar nicht.
Die ukrainische Drohnentaktik sei erfolgreich, berichtet ZDF-Reporter Dara Hassanzadeh aus Odessa. Die Angriffe träfen russische Soldaten, Kommandoposten und Nachschubwege.
10.06.2026 | 8:29 minIst das Video echt und woher kommt es?
Wer das Video aufgenommen hat, ist nicht klar. Erstmals veröffentlicht wurde es am 7. Juni auf einem Telegram-Kanal der Wagner-nahen, rechtsextremen russischen Militärorganisation Russitsch. Der Autor des Posts schreibt dort, dass er unter Kitajew in der Zentralafrikanischen Republik im Einsatz war.
Das ist ein Musterbeispiel, wie sich ein Held Russlands als Staatsbürger einbringt.
Telegram-Post von Russitsch
Kitajew würde dort "ehrliche Unzufriedenheit mit realen Problemen" äußern. Der Post hat bislang über 10.000 zustimmende Nutzerreaktionen gesammelt.
ZDFheute konnte anhand im Netz verfügbarer Bilder nachvollziehen, dass der Raum, in dem das Video aufgenommen wurde, tatsächlich zur öffentlichen Verwaltung von Kitajews Heimatort Nachodka gehört. Die Namensschilder von Anwesenden passen zu Namen, die man auch auf Seiten der Stadtverwaltung findet.
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10.06.2026 | 30:39 minZustimmung in den sozialen Medien in Russland
Auch größere russische Medien griffen das Video inzwischen auf, darunter die Webseite "Lenta.ru". Meist wird es dort als Ereignis von lokaler Bedeutung beschrieben und auf Kitajews militärischen Hintergrund verwiesen. In einen größeren Kontext von Korruption und Misswirtschaft in Russland insgesamt stellen die Artikel den Vorfall nicht. Die Nutzerkommentare unter den Artikeln ziehen diese Verbindung jedoch durchaus.
"Unsere Beamten müssen arbeiten und ihr Gehalt verdienen. Die Soldaten bei der Spezialoperation verdienen ihres. (...). Aber die Beamten sitzen fest im Amt und riskieren nicht ihr Leben", schreibt ein Nutzer auf der russischen Plattform Zen. "Der Held sprach die Wahrheit, aber den Funktionären gefällt das nicht. Sie fürchten sich, ihre Posten zu verlieren", schreibt ein anderer Nutzer.
Und ein Dritter schreibt: "Wenn sie sich jetzt schon nicht um die Helden scheren, was wird dann erst passieren, wenn diese ganze Operation vorbei ist? Wird es sein wie nach Afghanistan, als man sie einfach in die Hölle geschickt hat?"
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