Memorial: Gericht stuft NGO als extremistisch ein

Urteil gegen Menschenrechtsorganisation:Russland: Warum Memorial als extremistisch eingestuft wird

von Sebastian Ehm

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Putin will all jene Stimmen zum Verstummen bringen, die sich gegen seinen Angriffskrieg stellen. Zudem hat der Kreml mehrere Journalisten festgenommen.

Eingang zum Büro der Menschenrechtsgruppe Memorial

Russlands Oberstes Gericht hat die Menschenrechtsorganisation Memorial für extremistisch erklärt. Die Bewegung war 2022 mit dem Friedensnobelpreis geehrt worden.

09.04.2026 | 2:17 min

Das oberste Gericht in Moskau tagt zunächst hinter verschlossenen Türen. Drinnen sind nur einige Diplomaten, unter anderem aus Deutschland, die der Verhandlung beiwohnen dürfen. Presse ist nicht erlaubt. Nach zweieinhalb Stunden lässt der Vorsitzende Richter Wjatscheslaw Kirillow die Presse in den Saal, um der Welt das Urteil zu präsentieren: Die Bürgerrechtsorganisation Memorial sei als extremistisch einzustufen.

"Politischer Druck auf die russische Zivilgesellschaft"

"Ihre Tätigkeit auf dem Gebiet der Russischen Föderation wird verboten", erklärte der Richter. Ein Urteil, das zu erwarten war. Die Reaktion von Memorial folgt postwendend.

Diese unrechtmäßige Entscheidung markiert eine neue Etappe des politischen Drucks auf die russische Zivilgesellschaft. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Repressionsapparat des Putin-Regimes Unterstützer und Teilnehmer der verschiedenen Organisationen von Memorial verfolgen wird.

Statement von Memorial

Das betrifft vor allem die, die noch in Russland sind. So wie Jan Ratschinski. Der 67-Jährige ist im Vorstand von Memorial. Er lebt eigentlich noch in Moskau, ist aber Anfang der Woche in Vilnius, kurz vor seiner Abreise in die russische Hauptstadt. In einem Interview mit ZDFheute sagt er, dass er Angst vor einer Verhaftung habe, obwohl er sich nichts habe zu Schulden kommen lassen. Trotzdem wolle er zurückkehren.

Dort sind die Gräber meiner Eltern, die ganze Familiengeschichte.

Jan Ratschinski, Bürgerrechtler bei Memorial

eine Reihe Demonstranten halten ein Plakat mit Sprüchen gegen den Krieg in die Luft

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Sicherheitsbehörden gehen gegen Memorial-Mitglieder vor

Trotzdem kann es mit dem Urteil vom Donnerstag passieren, dass die Sicherheitsbehörden gegen ihn vorgehen. Sie haben es durch das Extremismus-Urteil leichter, Menschen anzuklagen, die im Verdacht stehen, Memorial als Organisation zu unterstützen. Als jemand, der jahrelang das Gesicht von Memorial war und auch den Friedensnobelpreis entgegengenommen hat, könnte Ratschinski bereits in Gefahr schweben.

Memorial war eine der wichtigsten Menschenrechtsorganisationen Russlands und kümmerte sich seit 1989 um die Aufarbeitung politischer Gewalt, vor allem in der Sowjetunion. 2021 wurde sie in Russland bereits verboten und bekam 2022 für ihre Arbeit und ihren Einsatz für Bürgerrechte den Friedensnobelpreis.

In Russland lebt es sich derzeit unangenehm, weil sich die Situation seit den Zeiten der Perestroika stark verändert hat. Uns schien, dass sich alles in Richtung Freiheit bewegen würde: Freiheit der Meinungen, Freiheit der Organisationen.

Jan Ratschinski, Bürgerrechtler bei Memorial

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Mehrere Festnahmen von Journalisten

Doch davon ist Russland im Moment weit entfernt. Fast zeitgleich mit dem Urteil untersuchten Sicherheitskräfte in Moskau die Redaktion der ehemals regierungskritischen Zeitung Nowaja Gazeta. Der Vorwurf unter anderem: In der Redaktion seien Daten russischer Bürger unerlaubterweise gespeichert worden.

Oleg Roldugin, ein renommierter investigativer Journalist, wurde kurzzeitig festgenommen. Roldugin ist Mitbegründer der Zeitung "Sobesednik". Er recherchierte über Korruption in der Präsidialverwaltung und über das Eigentum des ehemaligen Ministerpräsidenten Dmitri Medwedew, schreibt die "Nowaja Gazeta Europa".

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Eine der letzten Untersuchungen des Journalisten galt einem luxuriösen Penthouse im Zentrum Moskaus, das mit einer Person aus dem Umfeld des Neffen von Ramsan Kadyrow in Verbindung steht. Roldugin verließ im Dezember 2024 seinen Posten als Chefredakteur der "Sobesednik". Im September desselben Jahres stellte das Medium die Veröffentlichung von Artikeln ein, und im November wurde seine Website lizenziert. Zuletzt arbeitete er eng mit der Nowaja Gaseta zusammen.

Rundumschlag des Kreml

Am Morgen meldete der Chef des Moskauer Reuters-Büros, dass außerdem ein ehemaliger Mitarbeiter von Radio Free Europe festgenommen worden sei. Es ist vermutlich kein Zufall, dass die russischen Sicherheitsbehörden gerade am Tag des Urteils zu einem Rundumschlag gegen verbliebene russische Stimmen ausgeholt haben.

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Das Urteil am Donnerstag gegen Memorial war der letzte große Schlag, den Putin gegen die renommierte Organisation durchführen konnte. Aus Sicht der russischen Rechtsprechung kann es kein härteres Urteil geben. Es ist jetzt illegal, sich überhaupt mit Memorial abzugeben. Garnieren ließ der Kreml das mit Festnahmen von Journalisten.

Es scheint, als wollte man allen nochmal einmal sagen: Freie Meinungsäußerung gibt es nicht mehr. Die Perestroika ist passé.

Sebastian Ehm berichtet als Korrespondent über Russland, den Kaukasus und Zentralasien.

Über dieses Thema berichtete heute in Europa am 09.04 um 16:00 Uhr.

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