Karneval in Rio de Janeiro:Lula-Samba spaltet Brasilien
von Hendrik Heiermann, Rio de Janeiro
Karneval und Politik sind in Brasilien untrennbar. Im Wahljahr huldigt eine Sambaschule dem amtierenden Präsidenten Lula und sorgt damit für eine politische Debatte.
Der Karneval in Rio de Janeiro hat ein politisches Nachspiel: Einer Samba-Gruppe wird vorgeworfen, unerlaubt Wahlwerbung für Präsident Lula gemacht zu haben, was bei politischen Gegnern auf Kritik stößt.
17.02.2026 | 1:37 minLula hebt die rechte Faust, den Blick fest nach vorn gerichtet. Meterhoch ragt seine Figur über das Sambodrom, thront auf dem Wagen der ersten Sambaschule beim Karneval in Rio de Janeiro. Aus den Lautsprechern erklingt ein Lied, das seine Lebensgeschichte erzählt, vom Arbeiter zum Präsidenten. Einige Meter weiter läuft eine Figur, die Brasiliens Ex-Präsident Jair Bolsonaro darstellt, in Sträflingskleidung. In der Menge formen Tänzer mit den Fingern ein "L" - wie "Lula".
Der brasilianische Karneval ist traditionell auch ein Ort politischer Anspielungen, meist kritisch, selten wohlwollend. Dass aber eine Sambaschule gleich ihren gesamten Auftritt einem amtierenden Präsidenten widmet, der sich noch dazu im Herbst zur Wiederwahl stellen will, entfacht eine landesweite Debatte. Ist das Kulturfreiheit oder illegaler Wahlkampf? Könnte Lula da Silva dafür gar vom Wahlgericht von der erneuten Kandidatur ausgeschlossen werden?
In Rio de Janeiro wird der Karneval auf den Straßen gefeiert – Hunderttausende sind bunt gekleidet unterwegs. Höhepunkt ist der Durchzug der Sambaschulen durch das Sambodrom.
15.02.2026 | 0:20 minBolsonaro in Sträflingskleidung
Flávio Bolsonaro, Sohn des Ex-Präsidenten und wahrscheinlich Präsidentschaftskandidat bei den Wahlen im Oktober, bezeichnet den Umzug auf der Plattform X als "Verbrechen" und "moralische Verkommenheit". Er beschuldigt Präsident Lula, im Sambodrom mit Steuergeldern illegalen Wahlkampf zu betreiben.
Der weltberühmte Karneval in Brasiliens Millionenmetropole Rio de Janeiro wurde eröffnet - mit der Schlüsselübergabe von Bürgermeister Eduardo Paes an "König Momo", der Symbolfigur des Karnevals.
13.02.2026 | 0:28 minTatsächlich haben alle Sambaschulen Gelder aus dem brasilianischen Bundeshaushalt bekommen, als direkten Zuschuss von insgesamt zwölf Millionen Reais (rund 2,1 Millionen Euro). Der Bundesrechnungshof forderte vor dem Umzug Erklärungen von den Organisatoren des Lula-Sambas, dem Kulturministerium und der Tourismusagentur Embratur. Die Prüfer empfahlen sogar, die Bundesmittel für die Sambaschule wegen des Lula-Sambas sofort auszusetzen.
Embratur wies die Vorwürfe zurück: Man unterstütze den Karneval finanziell, "greife aber nicht in die Auswahl der Samba-Themen ein".
Lula an der Planung beteiligt
Die Sambaschulen sind frei in der Auswahl ihrer Themen - Präsident Lula hat die Hommage also nicht in Auftrag gegeben. Er war aber über die Pläne informiert.
Im vergangenen Jahr empfing er Vertreter der Sambaschule im Präsidentenpalast. Er hörte den Samba sogar persönlich an. Am Umzug am Sonntag nahm er zwar nicht teil, schaute aber von der Tribüne aus zu und begrüßte die Fahnenträger der Sambaschulen persönlich.
Auch so kann Karneval aussehen: Seit 1986 gibt es in Paraty im Bundesstaat Rio de Janeiro den Schlammkarneval. Inzwischen ist das Fest weit über Brasilien hinaus bekannt.
15.02.2026 | 1:09 minWahlen im Oktober werfen Schatten voraus
Der Karneval findet in einem entscheidenden politischen Jahr statt. Im Oktober wählen die Brasilianer einen neuen Präsidenten. Lula tritt für eine weitere Amtszeit an. Sein potenzieller Herausforderer ist Flávio Bolsonaro, Sohn des inhaftierten Ex-Präsidenten.
Jair Bolsonaro sitzt seit Ende November wegen eines Putschversuchs in Haft, seine politische Bewegung ist aber weiter stark. Umfragen sehen Lula und Bolsonaro Junior derzeit dicht beieinander.
Im vergangenen September wurde Ex-Präsident Bolsonaro zu über 27 Jahren Haft wegen eines Putschversuchs gegen seinen Nachfolger Lula verurteilt.
12.09.2025 | 1:53 minOrganisatoren warnten vor Wahlwerbung
Historiker Felipe Brito Vieira warnt im ZDF-Interview, auch wenn die Hommage juristisch zulässig sei, könne die spätere Nutzung der Bilder im Wahlkampf "noch Probleme bereiten".
Es könnte sein, dass es zu einer Verurteilung wegen vorgezogener Wahlwerbung kommt. Im schlimmsten Fall könnte das zu einem Ausschluss von der Wahl führen.
Felipe Brito Vieira, Historiker, Universidade Estadual do Rio de Janeiro
Um das zu vermeiden, hatten die Organisatoren vor dem Auftritt noch einmal eindringlich gewarnt: keine Gesten, keine Zeichen, die als Wahlwerbung verstanden werden könnten. Minister der Regierung durften nicht am Umzug teilnehmen, auch die First Lady Janja Silva sagte ihre Teilnahme sicherheitshalber ab. Trotzdem kündigten Oppositionsvertreter nach dem Umzug Klagen vor dem Wahlgericht an.
Historiker Felipe Brito Vieira spricht von einer noch nie dagewesenen Situation. Der Fall zeige, wie schmal der Grat im Karneval ist: zwischen kultureller Erzählung und politischem Signal.
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