Sicherheit des russischen Präsidenten:Experte: "Die Paranoia ist vollkommen berechtigt bei Putin"
Putin fürchtet um sein Leben, schottet sich ab. Ein Blick hinter die Mauern des Kremls mit Bojan Pancevski vom "Wall Street Journal" - und bizarren Details aus Putins Alltag.
Das Gespräch mit Investigativ-Journalist Pancevski bei ZDFheute live.
06.05.2026 | 20:41 minZunehmende Isolation, drastisch erhöhte Sicherheitsmaßnahmen und die ständige Angst vor einem Attentat: Berichte über die wachsende Nervosität des russischen Präsidenten Wladimir Putin häufen sich. Er zeige sich seltener in der Öffentlichkeit und verbringe immer mehr Zeit in gesicherten Anlagen. Die Ukraine weiß den Kreml stark unter Druck zu setzen.
Über die Hintergründe dieser Entwicklung und die Rolle der ukrainischen Strategie hat ZDFheute live mit Bojan Pancevski, dem leitenden Europa-Politikkorrespondent des "Wall Street Journal", gesprochen.
Sehen Sie das Interview oben in voller Länge und lesen Sie es hier in Auszügen. Das sagt Bojan Pancevski zu ...
... Putins wachsender Isolation
Die Abschottung des russischen Präsidenten ist laut Pancevski kein neues Phänomen, habe sich aber massiv verschärft. Angefangen habe es mit der Pandemie 2020, da Putin eine "tierische Angst" gehabt habe, angesteckt zu werden. Mitarbeiter hätten sich damals für zwei Wochen in Quarantäne begeben müssen, bevor sie ihn treffen durften. Heute ist es Pancevski zufolge selbst für den russischen Außenminister schwierig, den Präsidenten zu treffen:
Es ist ein offenes Geheimnis, dass der Lawrow, der Außenminister, Putin kaum zu Gesicht bekommt.
Bojan Pancevski, "Wall Street Journal"
Bei einem nächtlichen Drohnenangriff der Ukraine wurde ein Hochhaus mit Luxuswohnungen im Westen Moskaus beschädigt. Nach Behördenangaben wurde niemand dabei verletzt.
04.05.2026 | 0:32 minPancevski berichtet zudem von bizarren Details aus Putins Alltag - er sei besessen davon, seine Gesundheit zu schützen. Putin habe in privaten Gesprächen erwähnt, dass er täglich Zeit in einer sogenannten "Cryo-Chamber" verbringe, einem eiskalten Raum, in dem minus 20 bis 30 Grad herrschen, um seine Zellen zu erneuern. Er wolle "offenbar ewig leben" und sei überzeugt, man könne heute über 120 Jahre alt werden. Diese mentale Entwicklung führe dazu, dass er sich von jeder potenziellen Gefahr abschotte.
... ist als Chefkorrespondent des "Wall Street Journal" Experte für den Ukraine-Krieg und russische Geheimdienstoperationen. Für seine tiefgehende Berichterstattung wurde er mehrfach ausgezeichnet und gehörte 2025 zum Team der Finalisten für den renommierten Pulitzer-Preis. Zuletzt veröffentlichte er investigative Recherchen in einem Buch über die Sprengung der Nord-Stream-Pipeline.
Quelle: "Wall Street Journal"
... möglichen Gefahren durch die ukrainische Drohnen-Strategie
Ein wesentlicher Grund für die reale Bedrohungslage sei die "ungeheure Innovationskraft" der Ukraine im Drohnenkrieg. Die Ukraine habe eine hoch entwickelte Industrie aufgebaut und produziere präzisere Geräte als Russland. Besonders gefährlich für Putin seien kleine, lokal gesteuerte Drohnen, gegen die man "quasi gar nichts mehr unternehmen kann". Diese könnten Ziele tief in Russland mit hoher Präzision treffen.
Trotz Repression und Propaganda gibt es in Russland Stimmen, die den Krieg gegen die Ukraine kritisieren. Öffentliche Kritik bleibt selten, nur vereinzelt wird der Unmut hörbar.
22.04.2026 | 1:35 minPancevski betont, dass diese Bedrohung den Kreml massiv unter Druck setze.
Die Paranoia ist vollkommen berechtigt bei Putin und seinen Sicherheitsleuten.
Bojan Pancevski, "Wall Street Journal"
Dieser "Psychoterror" zeige Wirkung: So sei die traditionelle Militärparade am 9. Mai stark limitiert worden, weil der Kreml fürchte, die Ukraine könnte das schwere Gerät direkt am Roten Platz mit Drohnen zerstören. "Die Idee dahinter ist, den Russen in Moskau und auch Sankt Petersburg beizubringen, was Krieg bedeutet", so der Experte.
Der junge Wladimir Putin wächst auf in den rauen Hinterhöfen Leningrads. Doch ihm gelingt der Sprung an die Universität und an die Kaderschmiede des KGB.
21.09.2025 | 43:49 minDazu komme, dass die Ukraine mit Spezialisten tief im Landesinneren von Russland erfolgreich Attentate verübe.
Da gibt es eine sehr klare Bedrohungslage für die Führungskräfte der russischen Armee und des russischen Sicherheitsapparates. Und die sind tatsächlich in Lebensgefahr.
Bojan Pancevski, "Wall Street Journal"
Vor wenigen Tagen wurde eine Ölraffinerie am Schwarzen Meer von einer ukrainischen Drohne getroffen. Der Angriff trifft Russland wirtschaftlich und psychologisch und hat zugleich erhebliche Umweltfolgen.
29.04.2026 | 1:41 min... Gefahren im eigenen Lager
Neben der äußeren Bedrohung fürchte ein Diktator wie Putin vor allem die Gefahr aus dem Inneren, insbesondere seit dem Aufstand der Wagner-Gruppe unter Jewgeni Prigoschin.
Ich glaube, die Paranoia ist viel tiefer geworden im russischen Staatsapparat.
Bojan Pancevski, "Wall Street Journal"
Putin traue seinem eigenen System nicht mehr und habe viele in der Armee und den Geheimdiensten entlassen.
Unabhängige Meinungsforscher gehen davon aus, dass viele Menschen in Russland an Putin glauben. Besonders groß war die Begeisterung bisher bei loyalen Bloggern. Doch nun scheint sie zu bröckeln.
22.04.2026 | 2:13 minDie Lage im Kreml werde laut Pancevski "immer paranoider", da der Krieg nicht nach Plan verlaufe. Der Experte erklärt, dass Putin den Krieg eigentlich bereits "tatsächlich verloren" habe, da sein oberstes Ziel - die Einnahme Kiews - gescheitert sei.
Da Russland kaum noch Territorium gewinne und die Wirtschaft unter dem Mangel an westlicher Technologie leide, steige der Druck massiv an. Die Ukrainer besäßen die sprachlichen und kulturellen Fähigkeiten, das russische System effektiv zu infiltrieren, weshalb "Putin sich zu Recht fürchtet".
Wichtiger Hinweis in eigener Sache
Wer bei Google etwas sucht, bekommt neben den Suchergebnissen auch eine Box mit Schlagzeilen angezeigt.
Mit ZDFheute als hinterlegter Quelle bekommen Sie unsere Inhalte häufiger in die Schlagzeilen-Box gespielt - geprüfte Inhalte, direkt in Ihrem Überblick.
→ Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen.