Gerrymandering: Vor den Midterms gibt es Streit um Wahlkreise

Kampf um US-Wahlbezirke:Das Schachspiel um die Midterms hat längst begonnen

von Julian Schmidt-Farrent, Washington, D.C.

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Demokraten und Republikaner überbieten sich in einem Wettstreit um zugeschnittene Wahlbezirke. Werden hier Abstimmungen verzerrt - oder ist das ausgleichende Gerechtigkeit?

Eine Person gibt im Fairfax Government Center in Fairfax, ihre Stimme beim Referendum zur Neugliederung der Wahlbezirke in Virginia ab.

Die Bürger im US-Bundesstaat Virginia haben für einen Neuzuschnitt der Wahlkreise gestimmt. Die Chance auf eine demokratische Mehrheit im Repräsentantenhaus bei den Zwischenwahlen steigen damit.

22.04.2026 | 0:28 min

"Ich fülle meine Bong mit den Tränen von Republikanern", postete Louise Lucas am Tag vor ihrem Sieg. Die 82-jährige Senatorin aus Virginia hat neun Ur-Enkelkinder, eine Vorliebe für Memes - und versetzte den Republikanern eine empfindliche Niederlage.

Lucas warb in ihrem Bundesstaat für eine umstrittene Strategie: Die Demokraten sollten die Wahlkreise in Virginia so zuschneiden, dass sie bei den Midterms in diesem Herbst mehr Sitze im US-Repräsentantenhaus gewinnen. Statt bisher sechs könnten künftig zehn von Virginias elf Mandaten an die Demokraten gehen. Und die Republikaner? Die müssten sich mit nur einem einzigen Sitz begnügen.

Im April stimmten die Bürger in Virginia über die Pläne ab. Rund 51 Prozent waren dafür, knapp 48 Prozent dagegen: Louise Lucas und ihre Demokraten siegten. Doch der Streit um Virginias Wahlkreise ist mehr als ein lokaler Machtkampf - es geht um die künftige Mehrheit im US-Repräsentantenhaus.

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10.04.2026 | 0:49 min

Gerrymandering: Die Kunst der Wahlverzerrung

Demokraten und Republikaner werfen sich Monate vor den Midterms gegenseitig das sogenannte "Gerrymandering" vor, die bewusste Verschiebung von Wahlkreisgrenzen zu politischen Zwecken. Und Virginia sollte nicht der letzte Bundesstaat sein, in dem die Linien neu gezogen werden.

Die Technik des "Gerrymanderings" existiert bereits seit dem 19. Jahrhundert. Die Parteien versuchen, durch das gezielte Verändern der Wahlbezirke möglichst viele Abstimmungen zu gewinnen. Algorithmen prognostizieren dabei, wie bestimmte Wählerkonstellationen abstimmen könnten.

So beeinflussen Wahlkreis-Zuschnitte Wahlergebnisse

So beeinflussen Wahlkreis-Zuschnitte Wahlergebnisse


  1. Packing: Bei dieser Form des Gerrymanderings "packt" man so viele Wähler der gegnerischen Partei in einen Wahlkreis wie nur möglich.  Das führt dazu, dass die Partei dort zwar mit großem Vorsprung gewinnt - aber ihre Stimmen in benachbarten Wahlkreisen fehlen. Man spricht deshalb von "verschwendeten Stimmen".
  2. Cracking: Man kann die Wählerschaft der gegnerischen Partei aber auch in mehrere Wahlbezirke aufbrechen, also „cracken“, sodass sie nirgendwo eine deutliche Mehrheit erreichen.


Experte: Demokraten waren einst die "bad guys"

In den 1970er- und 1980er-Jahren seien die Demokraten die Gewinner des Gerrymanderings gewesen, erklärt Nicholas Stephanopoulos von der Harvard Law School im Gespräch mit ZDFheute. Regelmäßig habe sich der republikanische Präsident Ronald Reagan über die Praktik beschwert.

Es gab also eine Ära, da waren die Demokraten die ‚bad guys‘.

Nicholas Stephanopoulos, Harvard Law School

Doch es habe eine Regel gegolten: Nur alle zehn Jahre sollten Wahlbezirke neu geordnet werden - und zwar immer dann, wenn zu Beginn eines Jahrzehnts der Bevölkerungszensus veröffentlicht wurde. So sollten die Bundesstaaten auf Veränderungen in der lokalen Bevölkerungsstruktur reagieren. "Das war eine der wenigen Normen, die in der US-Politik Bestand hatte", so Harvard-Jurist Nicholas Stephanopoulos. Das sollte sich ändern.

Demokraten und Republikaner im Überbietungswettbewerb

Seit dem vergangenen Jahr schnitten Republikaner und Demokraten in mehreren Bundesstaaten ihre Wahlkreise neu - und das mitten im Jahrzehnt. "Das ist absolut ungewöhnlich", so Stephanopoulos. Die Initialzündung? Eine Entscheidung in Texas.

Die texanischen demokratischen Abgeordneten Nicole Collier, Senfronia Thompson und Diego Bernal sprechen während einer Sitzung des Repräsentantenhauses.

US-Präsident Trump will die Wahlkreise in Texas neu ordnen, sodass es mehr Sitze für die Republikaner gibt. Grund sind die Zwischenwahlen im nächsten Jahr.

20.08.2025 | 1:37 min

Auf Trumps Wunsch zogen die Republikaner in ihrem Stammland die Wahlbezirke neu, um mehr Mandate gewinnen zu können. Die Demokraten reagierten empört - und kopierten den Schritt im liberalen Kalifornien.

Ähnliche Entscheidungen zugunsten der Republikaner in North Carolina, Ohio und Missouri folgten. Der Sieg von Louise Lucas und ihrer Partei in Virginia markierte den letzten Fall, den die Demokraten für sich beanspruchen konnten.

Ihr habt damit angefangen und wir bringen es verdammt nochmal zu Ende.

Louise Lucas, Demokratische Senatorin in Virginia auf X

Republikaner werfen Demokraten Machtmissbrauch vor

Sollte ihre Strategie hier aufgehen, verbliebe Virginias Republikanern nur ein einziger Sitz im Repräsentantenhaus. Und all das in einem Bundesstaat, in dem Donald Trump noch bei den Präsidentschaftswahlen rund 46 Prozent der Stimmen gewonnen hatte.

Der Republikaner Ted Cruz kritisierte auf X die Entscheidung in Virginia schon Wochen vor dem Referendum als "schamlosen Machtmissbrauch". Nun muss Virginias oberstes Gericht entscheiden, ob die neuen Wahlbezirke in ihrer Form zulässig sind.

Trump wirbt für mehr Gerrymandering

Die Verlierer bei alledem? Die Wähler, meinen Kritiker. Die Abstimmung in Virginia sei Teil einer "Todesspirale des Gerrymanderings", urteilte das liberale Brennan Center for Justice in einem Blogeintrag. "In Amerika sollen die Wähler ihre Vertreter wählen, nicht umgekehrt."

31.03.2026, USA, Washington: US-Präsident Donald Trump spricht im Oval Office des Weißen Hauses, bevor er in Washington eine Durchführungsverordnung unterzeichnet.

US-Präsident Trump will die Regeln für die Briefwahl verschärfen. Dabei wiederholte er die Vorwürfe, die Briefwahl sei für Betrug verantwortlich – Beweise gibt es dafür nicht.

01.04.2026 | 0:23 min

Derweil ist der nationale Kampf um das Gerrymandering in seine nächste Runde getreten: Inzwischen hat auch der republikanische Bundesstaat Florida entschieden, die Wahlbezirke neu zu sortieren.

Und Donald Trump kündigte in einem Online-Post auf seiner Plattform Truth Social an, dass das republikanische Tennessee ebenso über neue Wahlkreise nachdenke. Trumps Kommentar? "Das sollte uns einen extra Sitz verschaffen und uns von den radikalen linken Demokraten retten."

Julian Schmidt-Farrent ist Reporter im ZDF-Studio Washington, D.C.

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Über dieses Thema berichtete die ZDFheuteXpress in dem Beitrag "Virginia: Bürger stimmen für Wahlkreisreform" am 22.4.2026 um 11:20 Uhr.

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