Phoebe Gaa zur Lage im Iran:"Menschen trauen sich kaum auf die Straße"
ZDF-Korrespondentin Phoebe Gaa ist wohl die einzige westliche Journalistin, die aktuell aus Iran berichtet. Wie erlebt sie die Proteste im Land?
"Es ist wahnsinnig gefährlich, auf die Straße zu gehen und sich regierungskritisch zu zeigen", beschreibt ZDF-Reporterin Gaa als einzige westliche Journalistin in Iran die Lage vor Ort.
13.01.2026 | 4:55 minZDF-Korrespondentin Phoebe Gaa ist wohl die einzige westliche Journalistin, die aktuell in Iran vor Ort ist. Nach mehreren Tagen der Internetblockade kann sie im Gespräch mit heute-journal-Moderator Christian Sievers nun telefonisch erstmals wieder aktuelle Eindrücke schildern.
Christian Sievers: Phoebe, wie würdest Du denn die Lage in Teheran im Moment beschreiben? Wirkt die Stadt jetzt fast schon wieder wie immer oder spürt man den Aufruhr?
Phoebe Gaa: Also, ich würde sagen: Die Stadt wirkt nicht wie immer. Insofern, als dass die Stimmung hier sehr gedämpft ist. Alles läuft sehr viel langsamer als sonst. Das hat natürlich mit der Internetblockade zu tun, die vieles aufhält, aber auch tatsächlich mit der Stimmung unter den Menschen. Viele sind sehr sorgenvoll und ängstlich. Sie machen sich große Sorgen, wie es weitergeht.
Bundeskanzler Merz erwartet, dass die iranische Führung in Kürze zusammenbricht. "Wenn sich ein Regime nur noch mit Gewalt an der Macht halten kann, dann ist es faktisch am Ende."
13.01.2026 | 0:58 minSievers: Bekommen denn die Leute überhaupt wirklich mit, was in ihrem Land passiert? Wie kommuniziert man denn, wenn das Telefon gestört ist und das Netz gesperrt?
Gaa: In den letzten Tagen konnte man zumindest innerhalb des Landes telefonieren. So haben sich dann viele Nachrichten verbreitet, aber man muss sagen, auch viele Gerüchte. Die Gerüchte werden dann von Person zu Person weitergegeben und sind nicht überprüfbar. Es gibt ein, zwei Exil-Sender, die aus dem Ausland auf Farsi senden und die über Satellit zu empfangen sind. Auch darüber haben sich die Menschen informiert. Ansonsten gibt es noch die Staatsmedien, die aber natürlich die Haltung des Regimes eins zu eins wiedergeben.
Die autoritäre Staatsmacht in Teheran reagiert mit aller Härte. Zugleich mehren sich Hinweise auf diplomatische Initiativen. "Der Iran will verhandeln", sagte US-Präsident Trump.
12.01.2026 | 2:42 minSievers: Jetzt sagt der US-Präsident: Protestiert weiter, macht weiter mit den Protesten. "Hilfe ist unterwegs", sagt Donald Trump. Wie kommt das an in Iran?
Gaa: Also tatsächlich höre ich das jetzt auch zum ersten Mal. Ich bin mir sicher, dass das hier schon angekommen ist, diese Nachricht von Donald Trump. Der Aufruf, weiter zu protestieren, ist schwierig, weil es im Moment einfach wahnsinnig gefährlich ist, auf die Straße zu gehen und sich regierungskritisch zu zeigen. Hier sind sehr viele Sicherheitskräfte in der Stadt. Wir hören von Verhaftungen. Ich habe auch selbst mindestens eine gesehen.
An den Abenden, an denen protestiert wurde, wurde auch sehr viel geschossen, viel Tränengas. Ich habe mit Leuten gesprochen, die mir erzählt haben, dass sie von Schrotkugeln getroffen wurden.
Dass die Leute dann sogar Hilfe bei Tierärzten gesucht haben, weil sie Angst hatten, ins Krankenhaus zu gehen und dort dann direkt verhaftet zu werden.
Phoebe Gaa
"Es ist extrem schwierig für die Menschen, sich zu versammeln, um gegen das Regime zu protestieren", sagt Phoebe Gaa. Das Regime unternehme einiges, um die Proteste zu beenden.
13.01.2026 | 1:54 minAlso dieser Aufruf, weiter zu protestieren, ist tatsächlich sehr schwierig zu sehen. Ich will aber noch sagen: Tatsächlich gibt es hier einige, die jetzt in dieser Situation auf Hilfe von außen hoffen. Das ist anders als bei anderen Protesten. Es gibt durchaus vereinzelt Leute, die Plakate in die Luft halten, auf denen dann "Trump help" draufsteht.
Aber es gibt auch eine ganz große Fraktion, mit der ich gesprochen habe, die eher Sorge vor einer Eskalation hat. Wie das Regime dann erst reagiert, wenn sozusagen auch wirklich nochmal ausländische Kräfte hier eingreifen.
Die Lage in Iran gleicht laut ZDF-Reporter Kamran Safiarian einem beispiellosen Krieg. Dennoch seien die Menschen im Willen vereint, das Regime zu stürzen.
12.01.2026 | 10:50 minSievers: Jetzt kommt eine Frage, die, kann ich mir vorstellen, sehr schwierig zu beantworten ist. Aber ich muss sie natürlich trotzdem stellen: Die Frage danach, wie es jetzt weitergeht. Könnte es sein, dass das der vierte Aufstand innerhalb von acht Jahren wird, der am Ende keinen Erfolg hat und wieder blutig niedergeschlagen wird?
Gaa: Also diese Wahrscheinlichkeit besteht ganz sicher. Wie gesagt: Im Moment ist es so, dass kaum noch was von den Protesten zu sehen ist. Die Menschen trauen sich im Moment kaum auf die Straße. Auch Rufe aus den Fenstern, wie wir sie an den ersten Abenden gehört haben, sind verstummt. Die Sorge hier im Land unter den Leuten ist wahnsinnig groß, dass das Regime eben wieder anfängt, auch zum Beispiel Verhaftete hinzurichten - so wie das bei früheren Protestwellen passiert ist.
Insofern kann das sein, dass sich die Protestbewegung schon dem Ende zuneigt. Es kann aber auch sein, dass der Protest zum Beispiel am iranischen Wochenende, also Donnerstag, Freitag, nochmal aufflammt. Ich bin auch gespannt, was passiert, wenn das Internet irgendwann wieder freigeschaltet wird und all diese Protestvideos, die die Menschen vielleicht noch auf den Handys haben, dann auch hier im Land zirkulieren.
Phoebe Gaa ist Leiterin des ZDF-Studios Istanbul, zu dessen Berichtsgebiet Iran zählt.
Mehr zu den Protesten in Iran
Reza Pahlavi ruft zum Umsturz auf:Iran-Proteste: Welche Rolle der Sohn des Schahs spielt
mit Video23:50- Faktencheck
Iran-Aufnahmen in Sozialen Medien:Online trotz Zensur: Sind diese Protestvideos echt?
von Jan Schneider, Kevin Schubertmit Video1:42 - Interview
Anhaltende Proteste in Iran:Experte: Regime in Teheran "steht mit dem Rücken zur Wand"
mit Video23:50 - Interview
Reaktion auf Iran-Proteste:Nouripour: "Das Tun ist relevant und nicht die Parolen"
mit Video7:36