Mit Fake-Jobs geködert:Ukraine-Krieg: Wie Russland Afrikaner an die Front lockt
von Viktoria Silz, Nairobi
Mit lukrativen Jobversprechen werden Afrikaner nach Russland gelockt - und landen als Söldner an der Front. Zurück bleiben Familien zwischen Trauer und Ungewissheit.
Junge Männer aus Kenia werden mit Job-Versprechen nach Russland gelockt - angeblich als Fahrer mit gutem Verdienst. In Wirklichkeit landen sie an der ukrainischen Front.
09.02.2026 | 3:28 minDie Stimmung bei den Kindern von Grace Muthoni ist ausgelassen. Wer Moses und Favour auf dem Hof spielen sieht, spürt keine Trauer über den Verlust ihres Vaters, und das hat einen Grund: Die beiden jüngsten Kinder von Muthoni wissen noch nicht, dass ihr Vater Macharia Mburu im Krieg gegen die Ukraine gefallen ist.
Agenten locken Kenianer mit falschen Jobangeboten
In ihrer Welt arbeitet er noch immer in dem Job, für den er nach Russland gereist ist: als Fahrer für das Militär. Der Kenianer, der gerade seinen Job als Busfahrer verloren hatte, wurde von einem Agenten angeworben. Für ihren Mann, so sagt Grace Muthoni, sei das "ein Geschenk Gottes" gewesen.
Doch nach der Ankunft in Russland entpuppte sich das Versprechen schnell als Täuschung. Von einer Anstellung als Fahrer war keine Rede mehr. Nach einem kurzen Training wurde Mburu an die Front geschickt.
Mitte November sprach Muthoni das letzte Mal mit ihrem Mann. "Er sagte, bete für mich und grüße die Kinder," erzählt die 39-jährige. Seitdem hat sie nie wieder etwas von ihm gehört.
Im Rahmen der Resettlement-Programme hatte sich Deutschland verpflichtet, unter anderem rund 190 Personen aus Kenia aufzunehmen. Nach Deutschland dürfen sie trotzdem nicht kommen.
22.07.2025 | 1:41 minMenschenrechtsorganisation richtet Appell an Regierung
Was Muthonis Familie erlebt hat, ist kein Einzelfall. Vieles deutet auf ein systematisches Vorgehen hin. Auf einer Pressekonferenz Ende Januar berichtete die Menschenrechtsorganisation Vocal Africa von Hunderten ähnlicher Fälle.
Ihr Sprecher Frederic Ojiro forderte ein Eingreifen der kenianischen Regierung: "Die Regierung muss klar Stellung beziehen und zeigen, dass sie wirklich eine Regierung ist."
Kenias Außenminister Musalia Mudavadi bestätigte, dass die Regierung zahlreiche Hilferufe erreicht haben. "Bislang haben wir rund 27 Kenianern die Rückkehr in ihre Heimat ermöglicht", sagte Mudavadi im Interview mit dem ZDF. Zudem plane er einen Besuch in Moskau, "um deutlich zu machen, dass dieses Vorgehen gestoppt werden muss". Ein konkretes Datum für den Besuch gibt es bislang nicht.
In Kenia sind bei Protesten gegen die Regierung mindestens 10 Menschen getötet worden. Die Polizei setzte Munition ein, um die Protestierenden aus dem Zentrum Nairobis fernzuhalten.
08.07.2025 | 0:20 minDurch Drohnenangriff: Flucht aus Russland
Von der Front zu entkommen, scheint unmöglich, doch "Dennis" hat es geschafft: Er ist aus Russland geflohen. Seinen echten Namen möchte er nicht nennen, er habe jegliches Vertrauen verloren. Auch er wurde für einen gut bezahlten Job angeworben.
Während in Kenia noch Freundlichkeit herrschte, endete die Scharade in Russland abrupt. Pass, Visum und Rückflugticket wurden ihm abgenommen. "Ihr seid jetzt Soldaten", hieß es - Fragen waren nicht mehr erlaubt.
Dennis hatte zuvor nie eine Waffe in der Hand. Er hatte Angst, auf Menschen zu schießen, und musste es dennoch tun - in einem fremden Krieg. An der Front fühlte er sich ausgeliefert. "Hunderte Menschen lagen tot auf dem Boden", berichtet er dem ZDF.
Nach einem Drohnenangriff der Ukrainer kam Dennis schließlich mit einer schweren Handverletzung ins Militärkrankenhaus. Von hier aus gelang es ihm, die kenianische Botschaft zu kontaktieren. Er konnte fliehen.
Beerdigungen in Charkiw, täglicher Beschuss im Donbas. Soldaten, Zivilisten und Präsident Selenskyj lehnen einen Gebietsverzicht ab – zu groß ist das Misstrauen gegen Russland.
05.02.2026 | 2:24 minGefallen in einem Krieg fern der Heimat
Das Glück, das Dennis hatte, hatten Andere nicht. Der Sohn von Bibiana Wangari, Charles Waithaka Wangari, war im Oktober nach Russland aufgebrochen. Sie hatte ihn zum Flughafen begleitet und traf dort auf die Frau, die ihren Sohn als angeblichen Betriebsmechaniker rekrutiert hatte. Mehr als 1.000 Euro Kommission hatte sie dafür von dem zweifachen Familienvater kassiert.
Bis heute macht Bibiana Wangari diese Begegnung wütend: "Diese Frau hat zugesehen, wie eine Mutter ihr Kind ins Schlachthaus führt", sagt sie.
In Russland ereilt Charles dasselbe Schicksal wie seinen Landsmännern. Er muss an die Front. "Er hat geweint," erinnert sich seine Mutter, "Mutter, vergib mir, aber die Dinge hier haben sich geändert." Wenige Tage später erfährt sie von einem Kameraden, dass ihr Sohn auf eine Landmine getreten sei. Charles Waithaka Wangari wurde 31 Jahre alt. Er starb in einem Krieg, in den er nie ziehen wollte - fast 8.000 Kilometer entfernt von seiner Heimat Kenia.
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