Den Haag: Jugoslawien-Tribunal-Archiv vor ungewisser Zukunft

Archiv in Den Haag:Was wird aus dem Erbe des Jugoslawien-Tribunals?

Ein Schaltgespräch mit ZDF-Korrespondent Andreas Stamm.

von Andreas Stamm

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Was wird aus dem Archiv des Jugoslawien-Tribunals in Den Haag? Diese Fragen stellen sich Zeitzeugen und Experten. Denn ein Umzug oder Verkauf des Gebäudes stehen im Raum.

UN-Tribunal zum früheren Jugoslawien beendet seine Arbeit.

Die Zukunft des Archivs in Den Haag zu den ersten Kriegen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg ist unklar.

27.04.2026 | 2:21 min

Das Archiv des ehemaligen Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien bewahrt die Geschichte eines der blutigsten Konflikte Europas seit dem Zweiten Weltkrieg. Es ist ein Ort der Erinnerung - und der Mahnung. Wo einst Richter, Anwälte und Angeklagte über die schwersten Verbrechen des Jugoslawienkriegs verhandelten, lagern in Den Haag heute Millionen Dokumente: Fotos, Videos, Beweisstücke.

Bis zum weitgehenden Ende der Prozesse im Jahr 2017 verhandelte das Tribunal Verbrechen wie Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Insgesamt wurden 163 Personen angeklagt, 83 verurteilt - darunter politische und militärische Führungsfiguren. Besonders prägend: die juristische Aufarbeitung des Massakers von Srebrenica, das international als Völkermord anerkannt wurde.

Archiv: Duško Tadić wird in den Gerichtssaal geführt (1995).

Duško Tadić 1995 vorm Jugolslawien-Tribunal in Den Haag: Tadić wurde zwei Jahre später wegen Kriegsverbrechen während des Bosnienkriegs verurteilt.

Quelle: dpa

Ein Archiv für Wahrheit - und persönliche Schicksale

Heute hat sich die Aufgabe gewandelt. Wo früher Urteile gesprochen wurden, steht nun die Bewahrung der Vergangenheit im Mittelpunkt. Das Archiv dient nicht nur der Forschung, sondern auch Angehörigen von Opfern.

"Da war zum Beispiel jemand, der die Aufnahmen des Vaters sehen wollte, die tatsächlich im Gerichtssaal gezeigt wurden", berichtet Archivleiterin Angeline Takawira.

Sie konnte sich all die Jahre nicht mit diesen Aufnahmen auseinandersetzen, weil sie zeigen, wie ihr Vater getötet wurde.

Angeline Takawira, Archivleiterin

Das Archiv wird damit zu einem Ort der individuellen Aufarbeitung - oft Jahrzehnte nach den Verbrechen.

Richter des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag.

Der internationale Strafgerichtshof wacht über die Einhaltung der Menschenrechte und ahndet deren Bruch. Das Video erklärt, wer dem gericht angehört und wie es genau arbeitet

28.11.2018 | 1:32 min

Lehren für die Zukunft

Auch aus Sicht der Vereinten Nationen ist die Sammlung von zentraler Bedeutung. Abubacarr Tambadou, Verwaltungschef der UN-Gerichtshöfe, betont die Rolle des Archivs für die historische Wahrheit: "Es ist wichtig, dass die Welt aus den Ereignissen im ehemaligen Jugoslawien Lehren zieht, damit wir hoffentlich eine Wiederholung verhindern können."

Der beste Weg, um die Wahrheit über die damaligen Ereignisse zu erfahren, liege in diesem Archiv, so Tambadou. Das Tribunal gilt trotz Kritik als Meilenstein der internationalen Strafjustiz und als wichtiger Vorläufer des Internationalen Strafgerichtshofs.

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Unsichere Zukunft eines einzigartigen Archivs

Doch genau dieses Archiv steht vor einer ungewissen Zukunft. Ein möglicher Verkauf des Gebäudes oder ein Umzug sorgen für Besorgnis. Tambadou zieht dabei einen historischen Vergleich mit den Nazi-Prozessen nach dem Zweiten Weltkrieg:

"Die Tatsache, dass das Nürnberger Gericht geschlossen und aufgelöst wurde, nur um später wieder aufgebaut zu werden, ist eine Lehre für uns", sagt er.

Wir sollten alles daransetzen, eine ähnliche Situation zu vermeiden.

Abubacarr Tambadou, Verwaltungschef UN-Gerichtshöfe

Experten warnen: Ein Verlust oder eine Zersplitterung des Archivs würden die Aufarbeitung erschweren - und die Erinnerung schwächen.

Der Internationale Gerichtshof (IGH) während einer Anhörung im Rahmen des Antrags Südafrikas auf einen Waffenstillstand im Gazastreifen am 24. Mai 2024 in Den Haag, inmitten des anhaltenden Konflikts zwischen Israel und der Hamas-Bewegung.

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"Das Schlimmste sollte noch kommen"

Für Überlebende eines Genozids wie Alma Mustafić ist die Debatte um die Zukunft des Archivs zutiefst persönlich. Sie überlebte als 14-Jährige den Völkermord von Srebrenica, bei dem mehr als 8.000 muslimische Männer und Jungen ermordet wurden - ihr Vater war unter den Opfern.

"Es wurde ein Völkermord unter den Augen der internationalen Gemeinschaft begangen", sagt sie. "Wir dachten damals, als die UN-Truppen kamen, wir wären gerettet - aber das Schlimmste sollte noch kommen." Heute engagiert sie sich in der Bildungsarbeit und sieht das Archiv als unverzichtbar für kommende Generationen. Entsprechend kritisch blickt sie auf die aktuelle Entwicklung:

"Wenn wir nicht einmal versuchen, das zu sichern und für zukünftige Generationen zugänglich zu machen, beschäftigen wir uns überhaupt nicht mehr damit", warnt Mustafić.

Und gleichzeitig sehen wir, wie überall auf der Welt Völkermörder und Autokraten wie Pilze aus dem Boden schießen.

Alma Mustafić, Überlebende von Srebrenica

Trauernde auf dem Friedhof von Srebrenica am 30. Jahrestag des Genozids an der bosnischen Bevölkerung

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Erinnerung als Voraussetzung für Frieden

Das Motto des Tribunals lautete: "Ohne Gerechtigkeit kein Frieden". Doch mit dem Ende der Prozesse rückt eine weitere Erkenntnis in den Fokus: Frieden braucht Erinnerung.

Das Archiv in Den Haag ist mehr als eine Sammlung von Akten. Es ist ein Ort, der zeigt, dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit Konsequenzen haben können - und müssen. Seine Zukunft entscheidet damit auch mit darüber, wie die Welt künftig mit ihrer Vergangenheit umgeht.

Über dieses Thema berichtete heute in Europa am 02.04.2026 ab 16 Uhr.

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