Repressionen und Hinrichtungswelle:Iran: Prominente Regimekritiker "lässt man dahinsiechen"
von Lisa Jandi und Kamran Safiarian
Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi liegt auf der Intensivstation. Freunde und Familie bangen um ihr Leben. Zugleich vollstreckt das Regime eine Hinrichtungswelle.
Im März erlitt die in Iran inhaftierte Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi einen Herzinfarkt. (Archivbild)
Quelle: imago imagesIhr letzter öffentlicher Auftritt war auf einer Trauerfeier für einen getöteten Anwaltskollegen im Dezember 2025. Dort wurde Narges Mohammadi festgenommen. Wieder.
Die Friedensnobelpreisträgerin zahlt einen hohen Preis für ihren Kampf für Freiheitsrechte und gegen die Todesstrafe. Mohammadi saß in den vergangenen 25 Jahren immer wieder in Haft. Ihre Kinder, die im Exil leben, hat sie seit mehr als zehn Jahren nicht gesehen.
Nach Angaben ihrer Unterstützer befindet sich Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi in einem kritischen Gesundheitszustand. Im Februar wurde sie zu weiteren sechs Jahren Haft verurteilt.
16.04.2026 | 0:32 minNach einem Herzinfarkt im März soll die 54-Jährige jetzt im Krankenhaus in Zandschan liegen und in einem kritischen Zustand sein. Mohammadis Bruder bangt um ihr Leben: "Sie befindet sich auf der Intensivstation, nachdem sie ohnmächtig geworden war."
Sie hat vorher einen Herzinfarkt erlitten, der lange nicht behandelt wurde. Ihr behandelnder Arzt sagt, ihr Blutdruck sei so hoch, dass nicht nur ein weiterer Herzinfarkt, sondern auch ein Hirnschlag droht.
Bruder von Narges Mohammadi
Iran: Fast tägliche Hinrichtungen von Regime-Gegnern
Narges Mohammadi ist die prominenteste Stimme, die das Regime in Teheran zum Schweigen bringen will. Und das seit Jahren. Wie Mohammadi sitzen laut Menschenrechtsorganisationen mehr als 50.000 politische Häftlinge in den Gefängnissen der Islamischen Republik. Und fast täglich werden Menschen hingerichtet. Öffentlich oder hinter Gefängnismauern, am Galgen.
"Der Anruf kommt aus dem Urmia-Gefängnis, der Anrufer ist ein Häftling" - so unterbricht die blecherne Automatenstimme die Nachricht von Naser Bekrzadeh, die letzte Woche trotz der anhaltenden Internetblockade an die Öffentlichkeit drang. Der 26-jährige Kurde wurde nach drei Jahren Haft zum Tode verurteilt. Am Telefon fleht er um Hilfe:
Das Hören eines Todesurteils ist für die meisten Menschen kaum vorstellbar. Aber dieses Urteil ist so, dass niemand und nichts es ertragen kann. Ich sehe jeden Augenblick meinen eigenen Tod vor meinen Augen.
Naser Bekrzadeh
Er weint. "Heute bin ich dran, morgen ein anderer." Naser Bekrzadeh wurde erhängt. Der Vorwurf: Spionage.
Zur Verfolgung seiner Bürger bedient sich Irans Regierung leistungsfähiger Software zur Gesichtserkennung aus Russland – das offenbart ein Datenleak.
18.03.2026 | 10:56 minRegime tötet, "ohne mit der Wimper zu zucken"
"Dieses Regime tötet gerade, ohne mit der Wimper zu zucken", sagt die Menschenrechtsaktivistin Mariam Claren. Sie ist die Tochter von Nahid Taghavi, die fünf Jahre im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran saß - 2025 kam sie frei. Es sei ein bewährtes Muster der Islamischen Republik, bei außenpolitischem Druck die Repression nach innen zu erhöhen.
Sie müssen Schrecken verbreiten und zugleich ihrer Machtelite das Gefühl geben, sie hätten Mossad-Agenten erwischt. Viele werden hingerichtet wegen angeblicher Spionage für Israel.
Mariam Claren, Menschenrechtsaktivistin
Der Krieg zwischen den USA und Iran stärkt vor allem die iranischen Revolutionsgarden. Sie sind inzwischen die Herrscher im Land und schwören das Volk auf einen langen Kampf ein.
22.04.2026 | 6:06 minSchon 2025 wurden in Iran so viele Menschen hingerichtet wie seit 35 Jahren nicht mehr. Nach Berichten der Organisation Iran Human Rights 1.639. Die Situation in Iran sei extrem besorgniserregend, sagt Theresa Bergmann von Amnesty International: "Wir sehen, dass nach innen massiver denn je gegen die Menschen vorgegangen wird, mit wirklich unfassbar harter Repression."
Wir beobachten willkürliche Masseninhaftierungen, Erschießungen auf den Straßen, Hinrichtungen, Folter in Haft.
Theresa Bergmann, Amnesty International
Amnesty: Teheran veranstaltet "Scheinprozesse"
Im iranischen Staatsfernsehen werden die Gefangenen vorgeführt, um erzwungene Geständnisse abzulegen. "Das sind ganz klar Scheinprozesse. Die Menschen werden gefoltert, unter Druck gesetzt, um öffentlich diese Geständnisse abzulegen", sagt Bergmann.
Immer mehr Videos aus Iran dringen an die Öffentlichkeit, die die Brutalität der Sicherheitskräfte zeigen. Augenzeugen und Experten sprechen von Massakern an Protestierenden.
26.01.2026 | 3:06 minUnter denen, die in den letzten Tagen hingerichtet wurden, war der 27-jährige Mehrab Abdollazadeh. Er soll Barbier gewesen sein und saß seit den "Frau, Leben, Freiheit"-Protesten 2022 in Haft. Sasan Azadvar Jounqani wurde, wie Tausende andere, nach den Massenprotesten im Januar inhaftiert.
Auf den Bildern, die von ihm in den Sozialen Medien kursieren, erscheint er fast wie ein Kind in einem Karate-Anzug. Er war Athlet und wurde 21 Jahre alt. Hingerichtet wegen "Feindschaft gegen Gott". Er soll einen Stein auf ein Polizeiauto geworfen haben.
Aktivistin: Europa debattiert nur über Benzinpreise
Aktivistin Mariam Claren wacht jeden Morgen mit der Angst auf, dass wieder Menschen getötet wurden. Es passiert zumeist im Morgengrauen. Claren ist gegen Verhandlungen mit der Islamischen Republik, weil diese das Regime legitimieren würden, aber wenn, dann müssten Politiker Forderungen aufstellen.
"In Europa wird ausschließlich über die Benzinpreise und die Straße von Hormus gesprochen, niemand thematisiert, dass wir Tag 67 (Stand 05.05.2026, Anm. d. Red.) des Internetblackouts haben, eine Hinrichtungswelle und eine Friedensnobelpreisträgerin in Lebensgefahr."
Trotz der heftigen Angriffe und den Protesten der eigenen Bevölkerung gibt sich das iranische Regime unbeeindruckt. Wie geht die Bevölkerung mit der Lage um?
01.04.2026 | 1:43 min"Das Regime will seine Kritiker loswerden"
Die Mutter von Mariam Claren hat jahrelang Bett an Bett mit Narges Mohammadi im Frauentrakt des Evin-Gefängnisses gelebt. Sie hätten nun Todesangst um sie. Genau wie Narges Mohammadis Familie. Wäre Narges Mohammadi jetzt nicht im Gefängnis, sie wäre die lauteste Stimme gegen die Hinrichtungswelle, sagen sie.
"Das Regime will seine Kritiker loswerden", so Mohammadis Bruder. "Die, die weniger bekannt sind, richtet man hin. Die prominenten Gefangenen wie Narges lässt man dahinsiechen und sterben."
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