Pauschalsteuer belastet Selbstständige:Griechenlands Wochenmärkte in der Steuerfalle
von Valerie Braig
Auf dem Wochenmarkt im Athener Stadtteil Ano Patissia wird nicht nur um Preise gefeilscht, sondern auch über Steuern gesprochen. Viele Händler blicken mit Sorge in die Zukunft.
Zwischen Oliven und Orangen kämpfen Händler auf Athens Wochenmärkten nicht nur um Kunden, sondern ums Überleben - die neue Pauschalsteuer trifft Selbstständige mit schwankenden Einnahmen hart.
Quelle: AFPZwischen Fischständen und Gemüsekisten verhandeln viele griechische Marktverkäufer längst nicht mehr nur über den Tagesumsatz.
Grund für die Unsicherheit ist die vor zwei Jahren von der griechischen Regierung eingeführte Pauschalbesteuerung. Sie basiert auf einem "angenommenen Mindesteinkommen": Selbstständige werden besteuert, als hätten sie ein festgelegtes Jahreseinkommen - unabhängig davon, was sie tatsächlich erwirtschaften. Die Regierung begründet das Modell mit dem Kampf gegen Steuerhinterziehung.
Unternehmen in Griechenland sollen pauschal besteuert werden. Bemessen etwa nach Kriterien wie Berufserfahrung, aber nicht nach dem tatsächlichen Einkommen. Das treibt Unternehmer in den Streik.
15.01.2026 | 2:08 minÜber 400 Millionen Euro mehr für den griechischen Staat
Laut Finanzministerium habe die Maßnahme zusätzliche Einnahmen von 400 bis 450 Millionen Euro gebracht und für mehr Steuergerechtigkeit im Land gesorgt. Sprecher Omiros Tsapalos betont, viele Selbstständige hätten zuvor Einkommen unterhalb des Mindestlohns angegeben. Vor allem in Berufen wie dem Handwerk, bei Anwälten oder Ärzten in Privatpraxen würden Leistungen häufig nicht korrekt abgerechnet.
Gleichzeitig signalisiert das Ministerium Gesprächsbereitschaft. Für Berufsgruppen mit wenigen Arbeitstagen im Jahr - etwa Betreiber von Kantinen oder Wochenmärkten - seien Anpassungen denkbar. Am Grundprinzip der Pauschalbesteuerung wolle man jedoch festhalten, zumindest solange das Steuersystem noch nicht vollständig digitalisiert sei.
Hohe Abgaben trotz schwankender Einnahmen
Auf den Märkten selbst stößt das auf wenig Verständnis. Nikos Sotiriou, Vorsitzender des Verbands der Wochenmarktverkäufer von Attika, kritisiert, die Pauschalbesteuerung orientiere sich nicht an den realen Arbeitsbedingungen. Wochenmarktverkäufer arbeiteten im Schnitt nur 150 bis 180 Tage im Jahr, würden aber so besteuert, als hätten sie ganzjährig stabile Einnahmen. "Wir werden auf nicht existierende Einkünfte besteuert", sagt Sotiriou.
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11.11.2025 | 2:18 minZusätzlich steige die Steuerlast für jeden Angestellten pauschal um zehn Prozent - unabhängig vom tatsächlichen Umsatz. Problematisch sei auch, dass völlig unterschiedliche Tätigkeiten wie Fisch-, Gemüse- oder Weinhandel über Durchschnittswerte zusammengefasst würden, obwohl Margen und Risiken stark variierten.
Immer mehr Händler geben auf
Die Folgen seien bereits spürbar. Hunderte, vielleicht tausende Händler hätten in den vergangenen zwei bis drei Jahren aufgegeben, sagt Sotiriou. Viele arbeiteten laut Sotiriou nun als Fahrer oder Angestellte für 800 bis 1.000 Euro im Monat.
Für ihn steht mehr auf dem Spiel als einzelne Existenzen. Die Wochenmärkte seien ein sozialpolitisches Instrument: Sie hielten Preise niedrig, begrenzten die Marktmacht großer Handelsketten und sorgten für eine flächendeckende Versorgung. "Ein staatlicher Bauernmarkt", nennt er sie.
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Auch Steuerberater Eleftherios Tsamoutalos sieht die Pauschalbesteuerung kritisch. In den ersten beiden Jahren seien Betriebe mit realen Jahresumsätzen von wenigen tausend Euro auf pauschal berechnete Gewinne von 12.000 bis 16.000 Euro besteuert worden.
Viele hätten aus Angst vor Prüfungen nicht einmal versucht, das angenommene Einkommen anzufechten. Gleichzeitig stamme der Großteil der Steuereinnahmen weiterhin aus indirekten Steuern sowie von Arbeitnehmern und Rentnern, während große und multinationale Konzerne nur einen geringen Anteil trügen.
Auf dem Markt von Ano Patissia teilen auch die Kunden die Sorge. Viele kommen seit Jahren, manche seit Jahrzehnten. Sie schätzen die Frische, die Nähe und vor allem die niedrigeren Preise im Vergleich zum Supermarkt. Gerade für Menschen mit kleinen Renten ist der Wochenmarkt unverzichtbar. Ein Wegfall, darin sind sich viele einig, wäre ein spürbarer Verlust - nicht nur für die Händler, sondern für den Alltag vieler Griechen.
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