Waffenruhe-Gespräche in Abu Dhabi:Experte zu Ukraine: Frieden durch "großen Deal" ist Illusion
Trotz der Gespräche in Abu Dhabi erwartet Experte Lange kein Ende des Ukraine-Krieges mit einem "großen Deal". Diplomatie sei für Putin ein Deckmantel für gnadenlose Zerstörung.
Da Russland schon länger erfolglos versuche, mehrere Orte einzunehmen, sei die Ukraine nicht zu Zugeständnissen gezwungen, sagt Militärexperte Lange. Für Putin spiele das aber keine Rolle.
05.02.2026 | 20:58 minDie Gespräche zwischen der Ukraine, Russland und den USA in Abu Dhabi sind beendet. Über mögliche Fortschritte in den Verhandlungen zwischen Kiew und Moskau wurde bis auf einen vereinbarten Gefangenenaustausch kaum etwas bekannt.
Was zum Verhandlungsdurchbruch fehlt und wie die derzeitige Situation an der ukrainischen Front ist, beantwortet Militärexperte Nico Lange bei ZDFheute live.
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Das sagt Militärexperte Nico Lange im Gespräch mit ZDFheute live…
… über die Ukraine-Verhandlungen in Abu Dhabi
"Im Idealfall sehen wir gerade den Beginn eines längeren Prozesses", erklärt Lange auf die Frage, an welchem Punkt sich die Verhandlungen gerade auf dem Weg in Richtung eines möglichen Friedens befinden. Dies sei nach einem "bisher so langen Krieg eine realistische Betrachtungsweise". Man habe "leider zu viel die Betrachtungsweise" von US-Präsident Donald Trump übernommen, dass mit "einmal Reden" und einem "großen Deal" alles gelöst wäre.
Wir müssen aus dieser Illusion raus, dass wir bei jedem Treffen denken: 'Da kommt jetzt der große Durchbruch, da kommt jetzt der Friedensvertrag, gleich ist alles vorbei'.
Nico Lange, Militärexperte
Aus Sicht von Lange ist dies eine "Showdown-Logik", die Trump "uns allen, glaube ich, mitgebracht hat" und die "viel zu viel" übernommen werde. Bei den Gesprächen in Abu Dhabi ist dem Experten zufolge "auffällig", dass sowohl auf der ukrainischen als auch auf der russischen Seite "Militärs und Vertreter des jeweiligen Militärgeheimdienstes das Wort führen". Das unterscheide die Gespräche von vorherigen Verhandlungen, etwa in Istanbul. "Es ist weniger Getöse, weniger Show".
Es seien vielmehr "pragmatische, praktische Gespräche", in denen über "komplizierte Detailfragen" gesprochen werde, etwa, wie ein Waffenstillstand überwacht werden könne, ordnet Lange die Gespräche in Abu Dhabi ein. Dies löse jedoch nicht die "offenen politischen Fragen". Das könne man von den Gesprächen nicht erwarten, so der Experte.
Die USA seien bemüht, sowohl die Ukraine als auch Russland am Verhandlungstisch zu halten, so ZDF-Korrespondent Coerper.
05.02.2026 | 5:01 min… darüber, welche Mittel die USA und Europa haben, um den Druck auf Russland zu erhöhen
Laut Lange gibt es bei Trump "immer noch die Intuition (...), eher die Ukraine unter Druck zu setzen", was die Sache "so schwierig" mache. Dahingehend kritisiert der Militärexperte eine "Schieflage" in der Wahrnehmung, in der "alle Welt sich damit beschäftigt, was die Ukraine denn jetzt alles zugestehen muss und machen muss, damit es Frieden gibt". "Ehrlicherweise ist bei uns in der Wahrnehmung diese Schieflage leider auch drin", sagt Lange.
Zudem ist er der Auffassung, "dass die USA Putin nicht unter Druck setzen wollen - zumindest nicht weiter als sie das bisher tun". Damit stellt sich für ihn die Frage danach, was die Europäer tun. Diese seien dem Militärexperten zufolge der "Schieflage ausgeliefert", dass Trump "immer den Eindruck" erwecke, "in Kürze gebe es Frieden". Ein "gehöriger Teil dieser Verhandlungen" sei auch, "dass keiner sich zum Gegner von Trump machen will" - seien es Russland, die Ukraine oder die Europäer, so Lange.
Eine Sache dürfe aber nicht vergessen werden: "Während dieser sogenannten diplomatischen Bemühungen des gesamten Jahres 2025 und auch jetzt, sind die russischen Angriffe nicht weniger geworden, sondern viel mehr geworden".
Im Schatten dieser angeblichen diplomatischen Bemühungen intensiviert Putin den Krieg.
Nico Lange, Militärexperte
Die große Mehrheit der Ukrainer habe nach wie vor die Erwartung an Präsident Selenskyj, keine Zugeständnisse an Russland zu machen, berichtet ZDF-Reporter Henner Hebestreit.
05.02.2026 | 6:39 min… über die Situation in der Ukraine an der Front
Die Situation an der ukrainischen Front ist aus Sicht von Lange "schon länger, wenn man etwas weiter rauszoomt, fast unverändert." Russland versuche "mindestens seit Mai 2025" an mehreren Frontabschnitten, Orte einzunehmen, schaffe das aber nicht. Lange nennt Orte wie Mirnograd, Pokrowsk oder Kupjansk. An all diesen Orten habe Russland zwar "viel angegriffen", sei aber an den "ukrainischen Drohnen und an der ukrainischen Gegenwehr gescheitert".
In Bezug auf die Gesamtlage erklärt Lange:
Wenn man das insgesamt anguckt, kann man daraus in keiner Weise ableiten, dass Russland unaufhaltsam auf dem Vormarsch wäre.
Nico Lange, Militärexperte
So sei die militärische Situation nicht so, "dass die Ukraine jetzt zu Zugeständnissen gezwungen wäre". "Die schwierigere Situation im Vergleich zu dem, was an der Front und einzelnen Frontabschnitten passiert", beobachtet Militärexperte Lange in ukrainischen Städten. "In diesem Winter ist das erste Mal gelungen, Heizkraftwerke zu zerstören". Und wenn die so massiv zerstört werden, gebe es "sofort Hundertausende, manchmal Millionen von Menschen ohne Heizung und Strom, häufig auch ohne Wasser".
Stellen Sie sich das mal vor: Das ist eine humanitäre Notlage. Das ist ein Urbizid - die Zerstörung von Lebensgrundlagen in Städten.
Nico Lange, Militärexperte
Russland betreibe dies auch weiter. "Es ist ein bisschen jetzt nach dem Motto, 'was ich nicht haben kann, das mache ich kaputt'", sagt der Militärexperte zu Russlands Vorgehen. Lange sieht darin auch ein "Versagen der Europäer, der Partner der Ukraine, die das zulassen" und dies "nicht mal groß zum Thema machen".
Russland und die Ukraine haben bei den Gesprächen in Abu Dhabi 314 Gefangene getauscht. ZDF-Korrespondent Armin Coerper berichtet aus Abu Dhabi über den Stand der Verhandlungen.
05.02.2026 | 1:10 minDer Militärexperte sagt weiter:
Putin ist entschlossen, diesen Krieg fortzuführen, weil er glaubt, dass er politisch mit Hilfe der USA jetzt Dinge erreichen könnte, die er militärisch nicht geschafft hat.
Nico Lange, Militärexperte
Zudem wisse Wladimir Putin, dass "seine Brutalität uns Angst macht". Darin sieht Lange einen "Teil der psychologischen Kriegsführung Putins", die nicht nur westliche Gesellschaften, sondern auch Politiker erschrecke, und was sie dann aber auch zurückhalte, "sich stärker hinzustellen und Putin stärker Einhalt zu gebieten".
Das Interview führte ZDFheute live-Moderatorin Sara Bildau. Zusammengefasst hat es Julian Degler.
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