Experte über Lula-Wahlsieg gegen Bolsonaro:"Es ist möglich, eine radikale Rechte zu besiegen"
Lula da Silva gewinnt die Stichwahl gegen Flávio Bolsonaro und stoppt den Vormarsch der Rechten in Lateinamerika. Der Verlierer spricht von Betrug - was das für das Land bedeutet.
Lula da Silva gewinnt die Präsidentschaftswahl in Brasilien. Sein unterlegener Herausforderer Flávio Bolsonaro will das Ergebnis nicht anerkennen und die Wahl annullieren lassen.
26.10.2026 | 2:16 minGegen 20:30 Uhr flossen auf der Praça São Salvador in Rio de Janeiro die ersten Freudentränen: Anhänger des amtierenden Präsidenten Lula da Silva feierten dort seinen Sieg in der Stichwahl. Nach der Niederlage im ersten Wahlgang hatte kaum noch jemand damit gerechnet - doch Lula überholte den favorisierten Bolsonaro und gewann mit über vier Millionen Stimmen Vorsprung.
Im südlich gelegenen Barra da Tijuca, einer Bolsonaro-Hochburg, wurde die Wahlparty dagegen abgesagt. Weil das Oberste Wahlgericht kurzfristig einige Wahllokale wegen Nahverkehrsproblemen und Unwettern zwei Stunden länger geöffnet hatte, sprechen viele Bolsonaro-Anhänger von Wahlbetrug. Auch Flávio Bolsonaro verweigerte vor der Presse die Anerkennung des Ergebnisses.
Der Politikwissenschaftler Paulo Velasco beobachtet die brasilianische Politik seit Jahren. Im Gespräch mit ZDFheute erklärt er, dass Flávio Bolsonaros Weigerung, das Ergebnis anzuerkennen, die politische Stabilität gefährde.
Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva hat sich bei der Stichwahl in Brasilien gegen seinen Herausforderer Flávio Bolsonaro durchgesetzt. „Es war ein sehr knappes Rennen“, so Timm Kröger.
26.10.2026 | 3:10 minZDFheute: Flávio Bolsonaro galt nach der ersten gewonnenen Wahlrunde als Favorit im Rennen um die Präsidentschaft. Wie hat es Lula da Silva geschafft, das Ergebnis noch zu drehen?
Paulo Velasco: Entscheidend war vor allem der Strategiewechsel zwischen dem ersten und zweiten Wahlgang. Lula setzte deutlich stärker auf soziale Medien und versuchte gezielt, Menschen zu mobilisieren, die im ersten Wahlgang nicht gewählt hatten. Und unabhängig von der geänderten Strategie: Lula hat vor dem ersten Wahlgang praktisch keinen Wahlkampf gemacht. Ich glaube, er ging von einem komfortableren, leichteren Sieg aus. Als er im ersten Wahlgang verlor, war er dann wieder ein Stück weit der Lula, den wir aus anderen Wahlen kennen: aktiver und präsenter.
... ist Politikwissenschaftler und Professor für Internationale Politik an der Staatlichen Universität Rio de Janeiro (UERJ). Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der politischen Entwicklung Brasiliens und der Rolle des Landes in Lateinamerika. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen brasilianische Außenpolitik, lateinamerikanische Politik und regionale Integration.
Quelle: ZDF
ZDFheute: Flávio Bolsonaro hat nach seiner Niederlage das Wahlergebnis nicht anerkannt, warum tut er das?
Velasco: Das überrascht mich nicht. In gewisser Weise setzt er damit eine Familientradition fort, sein Vater hatte vor vier Jahren das Wahlergebnis ebenfalls nicht anerkannt. Weltweit erleben wir seit einigen Jahren, dass Wahlergebnisse zunehmend infrage gestellt werden.
Das ist problematisch, weil dadurch das Vertrauen in demokratische Institutionen beschädigt wird.
Paulo Velasco, Politikwissenschaftler
Für Brasilien bedeutet das zunächst Unsicherheit in den Tagen nach der Wahl.
Brasiliens Präsident Lula beantragt kurz vor der Stichwahl den Ausschluss von Herausforderer Bolsonaro. Der Vorwurf: Wahlbeeinflussung durch Meta. ZDFheute live erklärt, was dahintersteckt.
22.10.2026 | 27:59 minZDFheute: Bolsonaro hat angekündigt, einen Antrag auf Annullierung der Wahl zu stellen. Könnte das Erfolg haben?
Die Chancen dafür sind aus meiner Sicht praktisch gleich null.
Paulo Velasco, Politikwissenschaftler
Die Wahlbehörden haben sehr schnell klargestellt, dass die Durchführung der Wahl rechtmäßig war und die aufgetretenen Probleme keinen Einfluss auf die Gültigkeit des Ergebnisses hatten. Politisch wird die Opposition das Thema vielleicht weiter nutzen, juristisch sehe ich dafür jedoch keine belastbare Grundlage.
ZDFheute: Donald Trump hat sich bisher auch nicht zum Wahlergebnis geäußert. Welche Bedeutung hat das?
Das ist kein gutes Signal. Damit haben auch die Vereinigten Staaten in gewisser Weise Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Wahl in Brasilien gesät.
Paulo Velasco, Politikwissenschaftler
Trump hatte nach den Wahlen in Chile, Peru und Kolumbien auf einen weiteren Sieg der radikalen Rechten in Lateinamerika gesetzt. Lulas Sieg ist für Trump geopolitisch schlecht. Aber er muss begreifen, dass die Stabilität der Hemisphäre von Rechtssicherheit abhängt. Und es ergibt keinen Sinn, dass die USA die Anerkennung lange hinauszögern, denn das verlängert nur die Unsicherheit. Das ist auch für sie selbst schlecht.
Am 4. Oktober wählt Brasilien einen neuen Präsidenten. Der linke Amtsinhaber Lula da Silva tritt gegen den rechten Senator Flávio Bolsonaro, Sohn von Ex-Präsident Jair Bolsonaro, an.
30.09.2026 | 6:14 minZDFheute: Welche Bedeutung hat der Sieg Lulas für Lateinamerika?
Velasco: Ich glaube, Lateinamerika braucht diesen wichtigen Gegenpol. Ein Lateinamerika, das den USA sehr unterwürfig gegenübersteht, ist schlecht für die Region, denn man kehrt so in eine Zeit zurück, in der die USA tatsächlich eine hegemoniale Kontrolle über ganz Lateinamerika beanspruchten.
Die Wahl zeigt außerdem, dass es möglich ist, eine radikalere Rechte zu besiegen.
Paulo Velasco, Politikwissenschaftler
Brasilien sendet damit eine wichtige Botschaft, nicht nur an Lateinamerika, sondern an die ganze Welt.
Das Interview führte Eva Riedmann aus dem ZDF-Studio Rio de Janeiro.
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