Giftigste Stadt der Welt:Sambia: Leben im Schatten des Bleis
von Verena Garrett, Kabwe
Bleistaub aus einer stillgelegten Mine in Kabwe in Sambia vergiftet viele Kinder. Und noch immer wird dort geschürft. Doch für die Folgen will niemand die Verantwortung übernehmen.
Die Umweltbelastung durch Bleistaub in Sambia ist hoch. Eine Mine in Kabwa ist stillgelegt, doch der illegale Abbau geht weiter - mit gesundheitlichen Folgen für die Arbeiter.
Quelle: ZDFKushe Nagogo hat einen guten Tag. Sie spielt mit ihren Freunden. Doch solche Tage sind selten. Oft fehlt ihr die Kraft - zu müde für die Schule, zu schwach zum Spielen.
"Uns fiel auf, dass sie in der Schule nicht mitkam", sagt ihre Mutter Ferina Nkomanga. "Wir dachten zuerst, es liegt an der großen Klasse. Aber ihre Leistungen wurden einfach nicht besser."
Die Ursache: Kushe ist bleivergiftet. Ein Arzt diagnostizierte zudem Blutarmut. Eigentlich müsste sie täglich Medikamente nehmen - doch die sind oft nicht verfügbar.
In der Stadt Kabwe sind die Folgen des Blei-Bergbaus auch 30 Jahre später noch spürbar. Der Boden in der Umgebung wurde damals mit einer hohen Bleikonzentration verseucht - bis heute leiden viele der Menschen an Bleivergiftungen.
09.04.2026 | 4:34 minStadt mit extremer Gift-Belastung
Kabwe, eine Stadt im Zentrum Sambias, rund 200.000 Einwohnern. Sie gilt als eine der am stärksten verschmutzten Städte der Welt. Der Grund: eine Bleimine, die bis 1994 betrieben wurde. Zurück blieb giftiger Staub, der bis heute Böden, Häuser und Straßen kontaminiert.
Nach Angaben der Vereinten Nationen haben rund 95 Prozent der Kinder in Kabwe erhöhte Bleiwerte im Blut - die höchsten weltweit. "Ihre Wohnhäuser, Schulen und Spielplätze sind belastet", sagt Mwelma Lungo von der NGO Environment Africa.
Eine Behandlung kann nicht langfristig wirken, wenn die Umgebung vergiftet bleibt.
Mwelma Lungo, Environment Africa
Blei besonders gefährlich für Kinder
Blei ist ein starkes Nervengift, besonders gefährlich für Kinder. Sie nehmen es leicht auf - beim Spielen im Staub oder über ungewaschene Hände.
In Deutschland sind Bleirohre für den Wassertransport endgültig verboten. Hausbesitzer müssen sie nun ersetzen. Was bedeutet das für sie und wie gesundheitsgefährlich ist Blei wirklich?
13.01.2026 | 3:52 minAuch Rachel Katakuya kennt die Folgen. Ihr Sohn hatte Gedächtnisprobleme, oft Bauchschmerzen. Ein Test brachte Gewissheit: fast 23 Mikrogramm Blei pro Deziliter Blut. Schon Werte über fünf Mikrogramm gelten laut Weltgesundheitsorganisation als gefährlich. Die Schäden am Gehirn sind oft irreversibel.
Blei ist ein Schwermetall, das unter anderem in Batterien verwendet wird und als starkes Nervengift gilt. In den Körper gelangt es vor allem über belasteten Staub, Erde, Wasser oder Nahrung. Besonders gefährdet sind Kinder. Bereits Werte von über fünf Mikrogramm pro Deziliter Blut gelten laut Weltgesundheitsorganisation als gesundheitsschädlich. Es schädigt das Nervensystem, Gehirn, Nieren und die Blutbildung. Typische Symptome sind Bauchschmerzen, Anämie und neurologische Ausfälle. (Quelle: ZDF)
Klage gegen Bergbaukonzern
2020 wurde eine Sammelklage gegen den Bergbaukonzern Anglo American eingereicht - im Namen von 140.000 Frauen und Kindern. Gefordert werden Entschädigungen und die Sanierung der Region. Das Unternehmen weist die Verantwortung zurück und betont, nie Betreiber der Mine gewesen zu sein.
"Wir haben volles Verständnis für die Bevölkerung Kabwes, die Umweltverschmutzung, unter der die Stadt leidet. […] Anglo American beabsichtigt jedoch, sich weiterhin zu verteidigen. Wir sind nicht der Ansicht, dass wir für die aktuelle Situation verantwortlich sind", heißt es auf der Webseite des Unternehmens.
Die Ewigkeitschemikalien PFAS belasten das Trinkwasser, weshalb der BUND Leitungs- und Mineralwasser testet. Schätzungsweise sind neun von zehn Proben mit den Schadstoffen belastet.
13.02.2026 | 1:42 minAuch ehemalige Minenarbeiter leiden bis heute unter den Folgen. Moses Kapenda arbeitete mehr als 20 Jahre in der Mine. Dass das Blei krank macht, ist in Kabwe lange bekannt. Schon früh gab es Warnungen - in den 1960er Jahren stellte eine Untersuchung der kolonialen Behörden fest, dass es in der Mine ein hohes Risiko für Bleivergiftungen gab. Doch gehandelt wurde kaum. "Viele Kollegen hatten schon damals Beschwerden", sagt Moses Kapenda. "Ich habe permanent Rückenschmerzen. Das Blei greift auch die Knochen an."
Mangel an Alternativen
Offiziell ist die Mine stillgelegt, doch bis heute wird hier geschürft. Illegal und ohne Schutz. Männer graben nach Resten von Blei und Zink, weil sie kaum Alternativen zum Geldverdienen sehen.
Die Metalle verkaufen sie - meist an chinesische Händler. Für wenige Euro am Tag nehmen sie die Gesundheitsrisiken in Kauf.
Ich habe Angst, aber so ist es halt. Ich weiß, dass hier alles vergiftet ist, aber das ist das einzige, was ich kenne.
Shadrigh Matabishi, illegaler Minenarbeiter
Mehr als drei Jahrzehnte nach Schließung der Mine ist das Gift noch überall: im Staub, im Wasser, im Boden. Die Behörden versuchen gegenzusteuern, aber es reicht nicht, sagt der Stadtrat Kabwes Chipande Davis: "Sie haben Asphaltierungsarbeiten durchgeführt und Pflastersteine bereitgestellt. Aber das reicht nicht, denn unsere Straßen sind nach wie vor unbefestigt. Und die Kinder spielen immer noch dort."
Afrikanische Länder sind besonders von humanitären Krisen betroffen. Mit dem Welternährungstag möchte die UN auf die 673 Millionen unterernährten Menschen aufmerksam machen.
16.10.2025 | 1:46 minKushe und ihre Mutter leben in Chowa, einem Armenviertel der Stadt. Dort wohnten früher viele Bergbauarbeiter. Hier sind die Straßen nicht asphaltiert, auch Kushe spielt weiterhin im Staub. An guten Tagen. Das unsichtbare Gift bleibt - in ihrem Körper und in der Stadt.
Verena Garrett ist Korrespondentin im ZDF-Studio Johannesburg
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