Schlafqualität leidet:Was bei späten WM-Anstoßzeiten im Körper passiert
von Michael Kniess
Die WM wird zur Nachtschicht: Wie die Anstoßzeiten unsere innere Uhr durcheinanderbringen, die Nachtruhe rauben und die Schlafqualität beeinflussen.
Fußball bis tief in die Nacht schauen und trotzdem fit bleiben – für einige eine echte Herausforderung. Wie kommt man mit den späten Anstoßzeiten bei der Fußball-WM am besten zurecht?
18.06.2026 | 1:37 minWenn bei der Fußball-WM Millionen Fans spätabends oder mitten in der Nacht hellwach vor den Bildschirmen sitzen, kommt der Körper aus dem Takt. Der Grund dafür ist tief verankert im biologischen Betriebssystem.
"Unser Körper ist schlicht und einfach darauf getrimmt, am Tag aktiv zu sein und nachts zur Ruhe zu kommen", sagt der Neurowissenschaftler und Schlafforscher Christian Benedict von der Universität Uppsala. Dabei geht es nicht nur um die reine Schlafdauer.
Emotionen machen wach
Entscheidend ist auch, wie gut der Körper überhaupt in den Schlaf findet. Genau das wird bei der WM zum Problem. Verlängerung, Elfmeterschießen, Last-Minute-Tore: All das aktiviert das sogenannte Arousal-System, das körpereigene Stress- und Erregungssystem. "Emotionen überschreiben Schlafdruck", betont Maximilian Bailer, Leiter der psychiatrischen Schlafambulanz des Uniklinikums Erlangen. Selbst wer eigentlich müde sei, könne nach einem aufregenden Spiel noch lange wachliegen, weil mit dem Abpfiff die Systeme nicht automatisch wieder herunterfahren.
Spiele bis nach Mitternacht bringen viele Fans um den Schlaf und stellen den Rhythmus auf den Kopf. Dr. Martin Schlott, Arzt und Schlafcoach, gibt Tipps, was bei Schlafmangel helfen kann.
18.06.2026 | 6:27 minDer Körper schüttet Stresshormone und Dopamin aus - ein Cocktail, der wirkt. Kneginja Richter, Schlafmedizinerin und Chefärztin der auf Psychosomatik und Schlafmedizin spezialisierten CuraMed Tagesklinik Nürnberg, sagt:
Wir schlafen schlechter ein, weil Emotionen wach machen. Egal ob positive nach einem Sieg oder negative nach einer Niederlage.
Kneginja Richter, Chefärztin der CuraMed Tagesklinik Nürnberg
Dass sich Menschen nach einer kurzen Nacht oft "wie gerädert" fühlen, obwohl sie nur ein oder zwei Stunden weniger geschlafen haben, hat ebenfalls mit dieser Übererregung zu tun.
Fehlender Schlaf mit schleichenden Folgen
Denn entscheidend für guten Schlaf ist, ob der Körper in die nötigen Tiefschlaf- und Erholungsphasen gelangt. Wer aufgekratzt einschläft oder nachts immer wieder aufwacht, fühlt sich am nächsten Morgen entsprechend erschöpft.
Über ein Drittel der Fünft- bis Zehntklässler hat laut einer Studie Schlafprobleme. Ursächlich seien neben digitalen Medien auch Stress, Zukunftsängste und Leistungsdruck.
20.07.2025 | 1:29 minProblematisch kann es werden, wenn mehrere Nachtspiele hintereinander geschaut werden. "Licht und unsere Gewohnheiten sind wichtige Zeitgeber", so Bailer.
Wer sich daran gewöhnt, nachts aktiv zu sein, bringt seinen Schlafrhythmus nachhaltig durcheinander.
Maximilian Bailer, Leiter der psychiatrischen Schlafambulanz des Uniklinikums Erlangen
Die Folgen zeigen sich oft nicht sofort, sondern schleichend: Konzentration und Leistungsfähigkeit sinken, Menschen reagieren impulsiver und ungeduldiger. Nach mehreren Nächten mit zu wenig Schlaf tritt zudem ein Gewöhnungseffekt ein. Man bekommt gar nicht mehr mit, dass man weniger leistungsfähig ist. Beispielsweise im Straßenverkehr oder im Beruf kann das gefährlich werden.
Hörbücher statt Bier zum Runterkommen
Die gute Nachricht: Die WM mit verkürzten Nächten richtet bei gesunden Menschen nicht sofort langfristige Schäden an. Schwierig wird es erst, wenn der Schlafmangel über längere Zeit Dauerzustand ist. Koffein als Wachmacher und Bier zum Anstoßen auf den Sieg sind mit Blick auf den Schlaf dennoch keine gute Idee. "Koffein bleibt ziemlich lange im Körper", sagt Bailer. Alkohol wiederum helfe zwar kurzfristig beim Einschlafen, verschlechtere aber die zweite Nachthälfte deutlich. Besser geeignet sind entspannende Rituale.
"Bibi Blocksberg statt Nagelsmann", lautet Benedicts Empfehlung mit Verweis auf ein aktuelles Forschungsprojekt. Statt nach Abpfiff noch dem Interview mit dem Bundestrainer zu lauschen, sollte man besser auf altbekannte Hörbücher setzen. Solch monotone Reize würden wissenschaftlich belegt helfen, besser in den Schlaf zu kommen. Alternativ: ein nächtlicher Spaziergang.
Bei diesem Wettbewerb gewinnt, wer am tiefsten entspannt: 170 Menschen haben beim "Power Nap Contest" in Südkorea um die Wette geschlafen. Entscheidend ist die Herzfrequenz.
03.05.2026 | 1:01 minWM kann gesundheitsfördernd sein
Professorin Richter rät zudem, Emotionen nicht zu unterdrücken: "Egal ob schreien, singen, tanzen: Emotionen müssen aus dem Körper raus." Wer mehrere Nachtspiele plant, könne außerdem versuchen vorzuschlafen oder den Schlafrhythmus leicht nach vorne zu verschieben. Christian Benedict empfiehlt, früher ins Bett zu gehen und nachts für das Spiel aufzustehen.
Selbst wenn um ein Uhr Anpfiff ist, bleiben einige Stunden Schlaf.
Christian Benedict, Neurowissenschaftler an der Universität Uppsala
Überhaupt darf man laut schlafforschender Expertise gelassen bleiben. "Wenn bei einem Sieg das Glückshormon Dopamin ausgeschüttet wird, ist die WM sogar gesundheitsfördernd", so Richter.
Für Benedict steht zudem fest: "Es gibt einfach Phasen im Leben, in denen es sich lohnen kann, den Schlaf auch mal hintenanzustellen." Vielleicht denkt man in zehn Jahren nicht an die entgangene Nachtruhe zurück. Sondern an dieses eine entscheidende Elfmeterschießen. Wer will da schon sagen müssen, man habe es verschlafen?
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