Anna Amalia Bibliothek Weimar:Wie Weimars Bücherretter verbrannte Werke wiederbeleben
von Daniela Sonntag
Nach dem Brand ihrer Bibliothek erfinden Weimars Restauratoren ganz neue Methoden bei der Bücherrettung. Wie sie es schaffen, verkohlte Überreste wieder zu Büchern zu machen.
Die Experten der Klassikstiftung Weimar sind weltweit als Kunstretter gefragt. Nach dem Brand der Anna Amalia Bibliothek haben sie ein Verfahren entwickelt, um Aschebücher wieder nutzbar zu machen.
30.03.2026 | 2:01 min"Avantgarde" nennt der Chef des Bundesarchives das, was die Weimarer Restauratoren nach dem Brand in der Anna Amalia Bibliothek entwickelt haben.
Das kann man sonst nirgendwo auf dem Markt abrufen.
Prof. Dr. Michael Hollmann, Präsident Bundesarchiv
Die Bibliothek versucht derzeit mit dem Bundesarchiv und vielen anderen Partnern ein Netzwerk zu bilden. Es geht darum, ihren Erfahrungsschatz zu sichern. Denn 2028 soll das Projekt Aschebücher eigentlich abgeschlossen sein und die Förderung läuft aus. Dann könnte die Werkstatt in Weimar Legefeld so nicht mehr weiterarbeiten. Dabei haben sie hier riesige Fortschritte bei der Bücherrettung gemacht.
Teil des Weltkulturerbes fällt Schwelbrand zum Opfer
2004 hatte ein Schwelbrand die Anna Amalia Bibliothek in Weimar entzündet, einen der schönsten klassischen Büchertempel in Deutschland, Teil des Weltkulturerbes klassisches Weimar. Nur Tage später hätte die Sanierung des Hauses beginnen sollen, doch stattdessen gingen Bücherschätze in Flammen auf.
Weimar sähe anders aus, wenn Johann Wolfgang von Goethe vor 250 Jahren nicht in die thüringische Kleinstadt gekommen wäre. An vielen Stellen zeigt sich sein Erbe noch heute.
07.11.2025 | 3:48 minEs blieben Tausende Aschebücher, außen verkohlt, innen noch lesbar. Exemplare wie Kopernikus' "Über die Umlaufbahnen der Himmelskörper" von 1543, die Erstausgabe eines Buches, das die Welt verändert hat. Insgesamt 1,5 Millionen historische Buch- und Notenblätter mit Brandschäden. Und die Frage: wie bearbeitet man solche Mengen?
Lehren aus dem Brand in Weimar
Die Weimarer Experten erfanden dafür Verfahren, die es zuvor nicht gegeben hatte. Sie entwickelten einen halbautomatischen Restaurierungsablauf. Die Seiten werden einzeln eingelegt, maschinell gewässert und vorbereitet und mit hauchdünnem Japanpapier verstärkt und getrocknet. Und am Ende wieder als Buch gebunden. In der Masse hatte es das nie zuvor gegeben.
Seit Jahren forschen sie außerdem gemeinsam mit der Uni für Bodenkultur in Wien an Nanocellulose: Papier zum Sprühen - und auch das mit einer Maschine.
Die ist relativ einzigartig, auch in dieser gesamten Forschungslandschaft für Nanocellulose.
Prof. Antje Potthass, Expertin für Holzchemie, Uni für Bodenkultur Wien
Fast unsichtbar können damit fragile Seiten wieder stabilisiert werden. Auseinanderfallende Papiere werden so wieder handhabbar. Und es ist weltweit eine der ersten praktischen Anwendungen von Nanocellulose.
Die Unesco hat Neuschwanstein, Herrenchiemsee und zwei weitere Schlösser von König Ludwig II. zum Welterbe erklärt. Damit gibt es in Deutschland 55 solcher Stätten.
12.07.2025 | 1:31 minInteresse aus der Ukraine und dem Ahrtal
Viele Archive und Forscher sind elektrisiert angesichts der Techniken, die in Weimar entwickelt wurden. Besonders auch da, wo Kriege und Krisen Kulturgüter bedrohen. So hätten sich Ukrainer die Werkstatt angesehen, sagt Bibliotheksdirektor Reinhard Laube.
Da sind Tränen geflossen, dass es nicht das letzte Wort ist, wenn kulturelle Überlieferung zerstört wird.
Reinhard Laube, Bibliotheksdirektor
Schon jetzt helfen die Weimarer auch bei der Erstversorgung von Kunstgütern mit einem Kulturrettungswagen. Das Ganze ist eine fahrende Kühlkammer mit Ausrüstung, die bei der Weimarer Feuerwehr stationiert ist und rund um die Uhr angefordert werden kann. So können zum Bespiel Bücher und Kunstgegenstände direkt vor Ort einpackt und gleich gekühlt werden, damit nichts schimmelt.
Larissa Piepo gehört zu den führenden Restauratorinnen Deutschlands. Im Berliner Pergamon-Museum lässt sie ein antikes Mosaik wieder erstrahlen.
23.09.2025 | 3:28 minDer Wagen war auch schon in der Ukraine und bei der Flut im Ahrtal im Einsatz. Wegen ihrer Erfahrungen werden sie jetzt oft bei Brandfällen angefragt, sagt Papierrestauratorin Laura Völkel, aber eben auch bei Hochwasser, weil sich ihre Methoden auch bei solchen Schäden anwenden lassen. Mittlerweile kooperieren die Weimarer auch mit dem Bundesarchiv und unterstützen dabei, jüdische Schriften zu sichern.
Noch 350.000 Buchseiten und Notenblätter
Doch auch in Weimar selbst warten noch 350.000 Buchseiten und Notenblätter auf Behandlung. Es sind besonders die harten Fälle mit schweren Schäden. 8,6 Millionen Euro sind bislang in die Restaurierung der Aschebücher geflossen. Geld, das sich auch in Erfahrung auszahlt. Die Bücherretter von Weimar hoffen, dass sie ihre Arbeit fortsetzen können.
In Taichung entsteht ein Ort voller Inspiration: Ein neues Museum vereint eine Million Bücher mit zeitgenössischer Kunst - ein Ort, an dem Architektur, Wissen und Kreativität verschmelzen.
13.01.2026 | 2:05 minDaniela Sonntag berichtet aus dem ZDF-Studio in Erfurt.
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