Gisèle Pelicot über Frauenrechte: "Wir dürfen nicht lockerlassen"

Interview

Memoiren nach Vergewaltigungsprozess:Gisèle Pelicot: "Diese Geschichte gehört nicht mir allein"

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Gisèle Pelicot erzählt im ZDF von den Verbrechen ihres Ex-Mannes, dem Prozess gegen ihre Vergewaltiger und wie sie Betroffenen Mut machen will, nicht nur in Frankreich.

Gisèle Pelicot mit leichtem Lächeln

Gisèle Pelicot ist eine der bekanntesten Stimmen im Kampf gegen sexualisierte Gewalt. Im Interview mit dem ZDF spricht sie über das Gerichtsverfahren vor Veröffentlichung ihrer Memoiren.

15.02.2026 | 6:44 min

Gisèle Pelicot empfängt uns in einem Pariser Altbau. Ein enger Flur mit Bücherregalen, ein Büro mit hohen Fenstern. Sie nimmt sich Zeit. Wählt ihre Worte mit Bedacht. Viele Interviews hat sie noch nicht gegeben, abgesehen von den Statements im Presse-Pulk 2024 beim Prozess in Avignon. Bewahrt hat sie sich die zurückhaltende Art, doch auch eindringliche Entschlossenheit:

Ich wollte zeigen, dass ein Opfer seine Würde und Haltung bewahren kann. Und dass nicht ich innerlich zerbrechen würde, sondern sie.

Gisèle Pelicot

Die Scham solle die Seite wechseln, diese Forderung wurde zum Leitsatz ihrer Geschichte. Darüber hat sie nun ein Buch geschrieben.

Gisele Pelicot sitzt mit rosafarbenem Oberteil im Gerichtssaal.

Jahrelang wurde Gisèle Pelicot von ihrem Ehemann und dutzenden anderen Männern sexuell missbraucht. Ein Jahr nach dem Prozess trauen sich in Frankreich mehr Frauen, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

17.12.2025 | 6:26 min

ZDFheute: Am 2. November 2020 wurde Gisèle Pelicot ins Kommissariat von Carpentras in Südfrankreich bestellt. Madame Pelicot, wie erinnern Sie diesen Moment?

Gisèle Pelicot: Man zeigte mir ein Foto, dann ein weiteres. Ich habe mich nicht erkannt. Ich wusste nicht, wer diese Frau sein sollte. Eine Frau, die wie eine Stoffpuppe da lag. So sehr verkleidet. Das war nicht ich. Ich trage einen Pyjama, wenn ich schlafe. Beim dritten Foto sagte Kommissar Perret: Aber doch, Madame Pelicot, das sind Sie. Und es ist Ihr Schlafzimmer.

Gisèle Pelicot steht einer Interviewerin im Gespräch gegenüber

Das ZDF hat Gisèle Pelicot für ein Interview in Paris getroffen. Dabei gibt sie Einblicke in die Verbrechen ihres Ex-Mannes und wie sie den Prozess erlebt hat.

Quelle: ZDF

In dem Moment löste sich mein Gehirn auf. Das war einfach nicht vorstellbar. Der Mann, mit dem ich 50 Jahre meines Lebens verbracht habe. Wie konnte er mir so etwas antun?

Jahrelang wurde Gisèle Pelicot von ihrem damaligen Ehemann mit starken Medikamenten betäubt und vergewaltigt, zuhause, im Urlaub, im Auto. Und er hat sie von fremden Männern vergewaltigen lassen. Die Taten wurden gefilmt. Erst als das Haus der Pelicots wegen einer anderen Straftat des Ex-Manns durchsucht wurde, kam alles ans Licht.


ZDFheute: Die Taktung der Vergewaltigungen wurde immer enger, er hat Ihr Leben aufs Spiel gesetzt. Sie beschreiben, dass Sie Aussetzer hatten, desorientiert waren. Wieso war es kaum möglich, diese Zeichen einzuordnen?

Pelicot: Es gab schon Warnsignale, aber sie haben mich nicht wirklich alarmiert. Ich war bei Neurologen. Der erste hat einen leichten Schlaganfall diagnostiziert. Der zweite hat mir so kleine "Zauberpillen" gegeben und gesagt: "Sie sind einfach sehr ängstlich." Und der dritte meinte, ich hätte alle Vorboten von Alzheimer. Niemand hat etwas bemerkt. Man muss dazu sagen: Zu all diesen Arztterminen hat Monsieur Pelicot mich begleitet.

Aus einer kleinen Glasamppulle fließt klare Flüssigkeit in ein mit Eiswürfeln und klarer Flüssigkeit gefülltes Glas. Auf der rechten Seite dieser Montage tanzen Frauen, am oberen Bildrand ist eine überdimensionierte Disko-Kugel abgebildet.

Sie sind farblos, schmecken nach nichts und sind hochgefährlich. Sogenannte K.-o.-Tropfen kursieren seit Jahrzehnten und werden missbraucht, um Frauen und Männer willenlos zu machen.

05.11.2025 | 43:15 min

ZDFheute: Sie haben ihm vertraut und er hat Sie missbraucht.

Pelicot: Er war extrem geschickt. Er hat nichts dem Zufall überlassen und alles bis ins Kleinste vorausgeplant.

TOPSHOT-FRANCE-JUSTICE-TRIAL-PROTEST-INVESTIGATION-ASSAULT-WOMEN

Innerhalb weniger Wochen nach Prozeßbeginn ist das Vergewaltigungsopfer Gisèle Pélicot zur Ikone geworden. Eine Künstlerin gestaltet in der Stadt Lille öffentliche Wände mit ihrem Konterfei.

10.12.2024 | 1:51 min

ZDFheute: Die Videos liefern die Belege für die Taten. So konnten alle 51 Angeklagten verurteilt werden. Haben Sie sich die Videos angesehen?

Pelicot: Vier Jahre lang konnte ich sie nicht ansehen, das war für mich unmöglich. Aber dann habe ich beschlossen, das Gerichtsverfahren öffentlich zu führen. Ab da veränderte sich alles. Man muss sich klarmachen: ein einziges Opfer gegenüber so vielen Angeklagten. Wenn man darauf nicht vorbereitet ist, geht man direkt in eine Löwengrube.

ZDFheute: Im Gerichtssaal mussten Sie sich dann Ausreden anhören. Ich erinnere mich, wie Sie wütend von der Feigheit der Angeklagten sprachen. Wie kam es dazu?

Pelicot: Sie haben sich geweigert, das Wort Vergewaltigung auszusprechen, sondern einfach nur von "Sexszenen" geredet. Für mich war das unerträglich, weil es ganz klar Vergewaltigungen waren. Sie verabredeten sich per Chat. Jeder wusste, warum er zu Monsieur Pelicot kam. Keiner, wirklich keiner von ihnen hat kehrtgemacht. Keiner hat Anzeige erstattet.

Für mich ist das Entscheidende, dass sie alle schuldig gesprochen wurden. Das war für mich ein echter Erfolg.

Gisèle Pelicot

Vor über einem Jahr zog Gisèle Pelicot gegen ihren damaligen Ehemann und viele weitere Männer vor Gericht. Sie öffnete eine neue Perspektive auf Missbrauch: Täter müssen sich schämen, nicht Betroffene.

16.12.2025 | 2:19 min

ZDFheute: Wie haben Sie die Unterstützung, den Applaus und all die Briefe empfunden?

Pelicot: Das hat mir geholfen, Kraft zu finden. Ursprünglich wollte ich nur für einen Tag ans Gericht kommen. Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass meine Worte so weit gehört werden, sogar über Frankreichs Grenzen hinaus. Da habe ich gespürt, dass ich eine Verantwortung trage.

ZDFheute: Wie blicken Sie heute darauf?

Pelicot: Ich glaube, dass dieser Prozess das Bewusstsein in der Gesellschaft geschärft hat. Wie Männer mit Frauen umgehen. Er hat vieles aufgedeckt. Die Denkweisen müssen sich verändern. Das geht nur über Bildung. Über Respekt und Empathie füreinander. Wir dürfen nicht lockerlassen.

Gisèle Pelicot blickt auf ihr Buch. "Eine Hymne an das Leben" steht auf dem Cover. Dazu ein Foto von ihr.

Gisèle Pelicot blickt lächelnd auf ihr eigenes Buch in ihren Händen

Mit ihrem Buch möchte Gisèle Pelicot anderen Betroffenen Mut machen, über ihre Erfahrungen zu sprechen.


Pelicot: Es ist, als ob mich meine imaginäre Zwillingsschwester anschaut und mir sagen will: "Schau, was du alles geschafft hast."

Meine Geschichte gehört allen Opfern. Ich möchte ihnen damit sagen, dass sie nicht allein sind.

Das Interview führte Anne Arend, Korrespondentin im ZDF-Studio Paris.

Frau des Jahres 2025
:US-Magazin "Time" ehrt Gisèle Pelicot

Gisèle Pelicot ist vom US-Magazin "Time" zur Frau des Jahres gekürt worden. Wegen ihres Mutes, öffentlich gegen ihre Vergewaltiger vorzugehen, sei sie eine Ikone für Frauenrechte.
mit Video6:25
Gisele Pelicot
Über dieses Thema berichtete das auslandsjournal im Beitrag "Interview mit Gisèle Pelicot" am 15.02.2026 um 10 Uhr.

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