Ist versuchte Walrettung Tierquälerei?:Expertin: "Einzige Lösung: Dieses Tier mechanisch töten"
Eine Tiermedizinerin und Walexpertin warnt: Der Rettungsversuch werde dem gestrandeten Wal nichts bringen - außer viel Leid. Sie plädiert für eine vermeintlich brutale Lösung.
Hoffnung für den in der Ostsee gestrandeten Buckelwal? Eine private Initiative will das Tier bergen. Verfolgen Sie den Rettungsversuch hier im Livestream.
16.04.2026ZDFheute: Frau Doktor Dörnath, wie beurteilen Sie das inzwischen gestartete Vorhaben, den Wal hochzuheben und mit einem Ponton in die Nordsee zu transportieren?
Kerstin Alexandra Dörnath: In meinen Augen ist das Vorhaben, diesen Buckelwal hochzuheben und in die Nordsee zu verbringen, ein ganz deutlicher Verstoß gegen unser Tierschutzgesetz. Paragraph 1 unseres Gesetzes sagt nämlich, dass wir das Leben und das Wohlbefinden der Tiere als Mitgeschöpfe schützen müssen und niemand einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen darf.
Hier liegt kein vernünftiger Grund vor, bei diesem Wal handelt es sich nämlich um ein Tier, das sterbend ist, hier ist keine Heilung oder Besserung des Gesundheitszustandes zu erwarten. Hierbei, beim Sterben müssen wir ihn unterstützen.
Jetzt lässt der zuständige Minister eine Laien-Truppe ohne tierärztliche oder meeresbiologische Expertise an den sterbenden Wal.
Tiermedizinerin Kerstin Alexandra Dörnath
Auch sie wollen für das Tier natürlich nur das Beste. Doch niemand, den der Minister bisher in sein Boot genommen hat, hat sich getraut, laut auszusprechen, dass dieser Wal eine Erlösung benötigt.
Für den bei Wismar gestrandeten Buckelwal will man einen neuen Rettungsversuch unternehmen. Fachleute raten davon ab, weil das Vorhaben für den Wal noch mehr Stress und Leid bedeuten würde.
16.04.2026 | 1:13 minZDFheute: Der Wal ist ja bereits mehrfach gestrandet. Was sagt das über den Zustand des Tieres aus?
Dörnath: Wale stranden aus verschiedenen Gründen: Wir haben Geisternetze in den Ozeanen, wir haben Plastikmüll in den Ozeanen. Laut Tierärzten, die vor Ort waren, soll ein Netz aus dem Maul gehangen haben, welches sie gekürzt haben. Niemand weiß, ob dieses Netz tief in den Magen-Darm-Trakt hineinreicht, ob hier nicht schon weitere lebensbedrohliche Schäden vorliegen, ob eventuell Strangulationen aufgrund dieses Fremdkörpers vorliegen, ob wir gegebenenfalls tatsächlich auch einen Darmverschluss, einen Magenverschluss aufgrund dieses menschengemachten Fremdkörpers haben.
...ist Fachtierärztin für Wild- und Zootiere. 1999 erwarb sie ihren Master in Wild Animal Health (Wildtiergesundheit) in London. Sie verfügt über internationale Erfahrungen in der Zoo- und Wildtiermedizin sowie im Artenschutz. So hat Dörnath in wissenschaftlichen Freilandprojekten zu Ohrenrobben auf Galapagos, zu Walen in den Hebriden oder dem Swift-Fuchs in Kanada mitgewirkt.
Dörnath arbeitete als Tierärztin in vier großen Zoos und einen Delphinarium. Gegenwärtig ist sie Ansprechpartnerin für Behörden zu Fragen des Tier- und Artenschutzes. Als Einzelsachverständige wurde sie 2024 zur Novellierung des Tierschutzgesetzes im Deutschen Bundestag gehört. Sie betreibt in Bremen eine Praxis für Wildtiere und Exoten.
ZDFheute: Was ist denn aus Sicht des Tierschutzes die beste Lösung für dieses Tier?
Dörnath: Dieser Buckelwal wiegt etwa so viel wie drei Asiatische Elefanten. Da ist das Problem, dass wenn das Tier über Tage gestrandet ist, eine enorme Masse auf die inneren Organe drückt und auf seine Muskulatur drückt. In der Medizin sprechen wir dann von einer Myopathie.
Dieser Wal wird sterben und so etwas passiert täglich sehr oft in den Ozeanen, in der Anonymität.
Tiermedizinerin Kerstin Alexandra Dörnath
Hier sehen wir es. Und da das Ganze menschengemacht ist, sind wir ethisch und moralisch in der Pflicht, diesem Wal die beste Lösung zuzugedenken, nämlich ihn tierschutzkonform zu töten, zu erlösen.
Eine Initiative privater Geldgeber will den Buckelwal vor der Insel Poel retten. Bei ZDFheute live erklärt ein Umweltsoziologe, warum das Schicksal des Wals so viele bewegt.
16.04.2026 | 11:42 minZDFheute: Wie würde denn eine solche Tötung aussehen?
Dörnath: Hier gibt es nur die einzige Lösung, dieses Tier mechanisch zu töten. Das Erlösen, die Euthanasie, ist technisch und ethisch eine der größten Herausforderungen in der Tiermedizin.
Wenn herkömmliche Methoden, wie zum Beispiel mittels hochdosierter Injektionsnarkotika, aufgrund der Größe des Tieres oder der Umweltbedingungen nicht praktikabel sind, dann wird in der Tat manchmal auf gezielte Sprengungen zurückgegriffen.
Tiermedizinerin Kerstin Alexandra Dörnath
Da muss man sich nicht vorstellen, dass der Wal in die Luft fliegt, sondern das zentrale Nervensystem, in dem Fall primär das Gehirn, wird Druckwellen ausgesetzt. Das Tier ist umgehend bewusstlos und stirbt, wenn man das richtig macht.
Dr. med. vet. Kerstin Alexandra Dörnath bei der Fütterung eines geretteten Grauwals im US-Themenpark SeaWorld San Diego.
Quelle: Thomas ReidasonDas darf man rechtlich als Tierarzt nicht. Man muss mit sogenannten Sprengstoffberechtigten zusammenarbeiten. Denn in Deutschland unterliegt der Umgang mit solchen Stoffen strengsten Auflagen des Sprengstoffgesetzes. Um eine sofortige Bewusstlosigkeit und dann den Tod herbeizuführen, damit es in dieser Situation schmerzfrei, angstfrei und wirklich bewusstlos ist, muss ein Sprengstoff mit einer ganz hohen Detonationsgeschwindigkeit genutzt werden, um die ausreichende Stoßwelle zu erzeugen. Und da nimmt man Pentrit. Das ist auch der Standard leider in der grauenhaften Walfischerei.
Eine private Initiative bereitet die Bergung des Wals vor. Der Transport soll mit einer Plane und Pontons erfolgen, berichtet ZDF-Reporterin Anne Stadtfeld.
16.04.2026 | 13:13 minZDFheute: Die Menschen reagieren mit unglaublicher Empathie auf diese Strandung, wie sehen Sie das mit dem Mitgefühl?
Dörnath: Es sind majestätische Erscheinungen, solche Wale, und ich als Tierarzt bin froh und dankbar, wenn Menschen Empathie gegenüber unseren Mitgeschöpfen zeigen. Das ist grundsätzlich richtig und wichtig. Wir müssen aber wissen, wann wird eine Hilfe zu einem Verstoß gegen unser Tierschutzgesetz? Wann wird eine Hilfe zur Qual für ein Tier? Und dafür gibt es Experten.
Heutzutage hat leider jeder eine Meinung zu Tierschutz. Auch das ist legitim. Aber in der Praxis ist Tierschutz keine Meinung. Tierschutz ist eine Wissenschaft. Und wenn sich naiv vorgestellt wird, dass alles gut ist, wenn man diesen zum Sterben sich dort hingelegten Wal einfach wieder in die so genannte Freiheit zurückschiebt, dann liegt man falsch.
Wir haben hier vor Augen keine Disney-Produktion mit einem Happy End.
Tiermedizinerin Kerstin Alexandra Dörnath
Das Interview führte Katharina Weisgerber, Redakteurin im ZDF-Landesstudio Bremen.
Der gestrandete Wal bewegt Menschen bundesweit. Trotz Sperrzone demonstrieren Hunderte für seine Rettung, doch Experten sehen keine Chance. Online eskalieren Emotionen, Fake-Infos und Drohungen.
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