Junge Gläubige diskutieren über den Tod:"Weil Leben wertvoll ist, ist auch das Ende wertvoll"
von Lena Baumann
Ist der Tod das Ende - oder nur ein neuer Anfang? Und wer darf darüber entscheiden, wann und wie wir sterben? Sechs Menschen mit unterschiedlichem Glauben diskutieren über den Tod.
Die Teilnehmenden der Glaubens-WG sprechen über Sterben, Suizid, Schwangerschaftsabbruch - und kommen an persönliche Grenzen.
01.11.2026 | 27:10 minHanna hat ihre Großeltern Erika und Winfried geliebt. Sie vermisst sie. Die beiden hatten sich gemeinsam für einen assistierten Suizid entschieden. "Wir wollen gemeinsam sterben" hätten ihre Großeltern gesagt, erzählt Hanna.
Und das wollten sie so sehr, dass sie dafür in einen rechtlichen Graubereich gegangen sind und einen gemeinsam assistierten Suizid gemacht haben.
Hanna
In Würde und gemeinsam sterben sei der Wunsch von Hannas Großeltern gewesen. Dieses Versprechen hätten sich die beiden bereits in den 1980er-Jahren gegeben.
Hanna erzählt den Mitgliedern der Glaubens-WG von ihren Großeltern und wie ihr Sterben sie beschäftigt.
Quelle: ZDFHannas Großmutter war schwer krank, sie hatte vier Jahre Krebs, ihr Ende war absehbar. Ihr Großvater hätte wahrscheinlich noch leben können - aber er sagte, er gehe mit. Hanna hadert mit der Entscheidung ihrer Großeltern. Über den Bewältigungsprozess hat sie ein Buch geschrieben.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamts beendeten 2025 rund 11.000 Menschen in Deutschland ihr Leben durch Suizid. Fachleute des Nationalen Suizidpräventionsprogramms gehen davon aus, dass mittlerweile jeder zehnte Suizid mit Assistenz erfolgt. 2020 hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass Menschen das Recht haben, über ihr Sterben zu entscheiden. Dafür dürfen sie freiwillige Hilfe in Anspruch nehmen. Voraussetzung ist, dass die Entscheidung "freiverantwortlich" getroffen wird.
Tod: Emotionales Thema bei Gläubigen
Hanna erzählt ihre Geschichte sechs Menschen, die ihr zuvor noch fremd waren. Sechs Menschen mit jeweils verschiedenen Weltanschauungen und Glaubenswelten. Sie ist als Journalistin und Autorin zu Gast bei der Glaubens-WG: einem Experiment, bei dem ein Atheist und fünf Gläubige aus jeweils einer Weltreligion eine Woche zusammenleben.
Sechs Fremde, sechs Glaubenswelten, eine WG mitten in Sachsen. Schnell zeigt sich: Wer über Religion spricht, landet schnell bei den ganz großen Themen - und Konflikten.
25.10.2026 | 27:07 minNachdem Hanna ihre Geschichte erzählt hat, fließen ein paar Tränen. Das Thema Tod ist für die ganze Gruppe emotional. Sie alle wünschen sich selbst im hohen Alter, in Frieden und Würde zu gehen.
Thema Sterben spaltet
Doch über das Thema assistierter Suizid herrscht Uneinigkeit. Doha ist Muslimin. Sie bezieht klar Stellung: "Es ist verboten im Islam. Es wäre ein Suizid und es ist haram. (...) Aber es wäre eine Sünde zwischen deinen Großeltern und Gott. Auf jeden Fall ist es ausgeschlossen."
Auch für Buddhist Titou ist es kein Ausweg, das Leben zu beenden. Es gehe darum, dass man als Menschen leide - und wie man das überkomme. Dass mit dem Tod alles vorbei sei "ist nur eine Hypothese".
Titou (28) hat eine spirituelle Reise hinter sich: atheistisch aufgewachsen, befasste er sich mit der hinduistischen Lehre und entschied sich schließlich für den Buddhismus.
Quelle: ZDFAus einer theoretischen Diskussion über Sterbehilfe und assistierten Suizid wird durch Hannas persönliche Geschichte ein tieferes Gespräch. Die orthodoxe Jüdin Lien erzählt vom Verlust ihrer Mutter und dass ihr Vater - im Gegensatz zu Hannas Großvater - weiterleben wollte.
Das findet sie auch richtig: "Ich würde jeden versuchen, zu überzeugen, am Leben zu bleiben. Auch wenn man jemanden total vermisst und man denkt, dass es nicht mehr geht. Es geht immer."
Laura (35) ist Christin, Geografin und politisch engagiert. Mit ihrer Haltung, dass "Jesus links ist", sorgt sie in der Glaubens-WG immer wieder für spannende Diskussionen.
Quelle: ZDFSchnell Hilfe bei Suizidgedanken finden
Es gibt Hilfe, auch in scheinbar ausweglosen Situationen. "Ich weiß nicht mehr weiter", "Ich kann nicht mehr": Wenn Ihre Gedanken darum kreisen, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie unbedingt, mit jemandem darüber zu sprechen - egal, ob Familie, Freunde oder Menschen, die sich auf diese Themen spezialisiert haben.
Schnelle Hilfe: Telefonseelsorge (0800 111 0 111), Nummer gegen Kummer (116 111), im Notfall Polizei (110) oder Rettungsdienst (112) anrufen!
Die Gesellschaft für Suizidprävention führt eine Übersicht der Angebote auf ihrer Webseite www.suizidprophylaxe.de.
Lass Dir helfen - Freunde fürs Leben ist ein Verein, der Jugendliche und junge Erwachsene über die Themen Suizid und seelische Gesundheit aufklärt.
Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe (0800 33 44 533) - im Netz unter: www.deutsche-depressionshilfe.de
Leben als wertvoll ansehen
Laura ist gläubige Christin. Sie sieht die Sache anders. Für sie persönlich ist klar, dass ein selbstbestimmtes Lebensende keine Sünde ist. Auch wenn das einige Christen so sehen.
Weil Leben wertvoll ist, ist auch das Ende wertvoll. Und ich entscheide mich jeden Tag - oder hab jeden Tag Entscheidungen. Und warum sollte mir die letzte Entscheidung genommen werden?
Laura
Auch bei Denis stößt die Kritik an assistiertem Suizid auf Widerstand. Er befürwortet die Möglichkeit: "Nur weil wir das jetzt so sagen, heißt es nicht, dass es keinen Suizid gibt." Wenn er es nicht mehr schaffe, sei seine Option aber nicht: 'Ich spring von einem Haus oder vor einen Zug'.
Sondern er würde dann eine legale offizielle Methode wählen, bei der man auch durch eine psychotherapeutische Behandlung geführt werde. Wenn das Ergebnis davon sei, dass man trotzdem bei seiner Entscheidung bleiben wolle, "dann hätte man vielleicht auch eine rechtliche Grundlage dafür".
Erst Freibad, dann Hölle: Ein gruseliger Dachboden zwingt die WG, sich den dunkelsten Seiten des Menschseins zu stellen.
15.11.2026 | 27:10 minWiedergeburt durch gute Taten
Versöhnliche Worte findet Saran: "Bei uns im Hinduismus ist es so, dass wenn jemand entscheidet, sein Leben zu nehmen, der Gott den Menschen an sich in seiner Vergangenheit beurteilt. Wie er als Mensch gewesen ist: Hat er gute Taten vollbracht? Hat er gesündigt?" Bei einem positiven Urteil, so glaubt Saran, würde man wiedergeboren.
Der Opa hat sehr viel Liebe zu der Oma gehabt. Und die Liebe allein reicht schon, dass man als guter Mensch betitelt wird.
Saran
Hanna ist dankbar über die unterschiedlichen Perspektiven zu ihrer Geschichte: "Ich war ganz froh, mal mit Menschen zu sprechen, die einer Religion angehören." Das Gespräch habe ihr beim Prozess geholfen, ihren Großeltern zu verzeihen. Die Begegnung mit Hanna hinterlässt Spuren bei den Mitgliedern der Glaubens-WG. Dürfen wir Gott spielen? Das ist nur eine von vielen Fragen, die Gläubige und Nicht-Gläubige einen, aber auch entzweien kann.
Tod und Trauer, und sich richtig lebendig fühlen: Die Glaubens-WG besteigt einen Reisebus, um sich wenig später auf 4000 Metern Höhe wiederzufinden. Wer traut sich, zu springen?
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