Tabletten-Missbrauch bei Jugendlichen:Benzos, Tilidin, Oxys: Der Tod kommt aus dem Netz
von Susanne Amann und Sanja Hardinghaus
Immer mehr Jugendliche entfliehen ihrem Alltag mithilfe von Tabletten. Die Pillen lassen sich problemlos im Netz ordern - dabei kann Tablettensucht schnell tödlich enden.
Immer mehr Jugendliche entfliehen ihrem Alltag mit Hilfe von Tabletten, die betäuben und vergessen lassen. Viele unterschätzen dabei die Gefahr - manche zahlen mit ihrem Leben.
04.03.2026 | 28:55 minAls die 17-jährige Stina sich das letzte Mal bei ihrer Mutter meldet, geht es ihr gut: "Ich habe eine Unterkunft, ich habe Essen, ich habe Geld - mir geht's wunderbar. Brauchst Dir keine Sorgen machen." Die junge Frau klingt heiter, entspannt.
"Nach der Nachricht habe ich mir wirklich keinen Kopf gemacht", sagt Stinas Mutter heute. Sie ahnte damals nicht, dass sie die Stimme ihrer Tochter nie wieder hören würde. Denn kurze Zeit später war Stina tot. Gestorben an einem Mix aus Schmerz- und Beruhigungsmitteln, die in der Kombination wahrscheinlich zum Atemstillstand geführt haben.
Drogenberatungen schlagen Alarm
Stina ist kein Einzelfall. Die Zahl der Abhängigen von Medikamenten wie Benzos, Tilidin oder Oxycodon steigt in Deutschland deutlich an. Obwohl die Tabletten eigentlich unter das Betäubungsmittelgesetz fallen und verschreibungspflichtig sind. Drogenberatungen schlagen Alarm, im öffentlichen Raum sind der Konsum und die Folgen immer häufiger sichtbar.
Es sind vor allem Jugendliche und junge Erwachsene, für die diese Form der Drogen leicht zugänglich und sehr günstig ist, die Tabletten gelten als Partydrogen oder Entspannungshilfen. Florian Kregel kennt das Problem, er ist Jugend- und Drogenberater in Braunschweig: "Besorgniserregend sind für uns vor allem diese Anstiege", sagt er.
Vor allem bei den Opiaten, wo sich die Zahl der Ratsuchenden vom vorletzten Jahr zum letzten Jahr mehr als verdoppelt hat. Und bei den Benzos haben wir eben das gleiche Bild.
Florian Kregel, Jugend- und Drogenberater
Tramadol zählt zu den am häufigsten verschriebenen Opioid-Schmerzmitteln. Im Gegensatz zu Tilidin, Oxycodon oder Fentanyl fällt es jedoch nicht unter das Betäubungsmittelgesetz.
17.06.2025 | 8:57 minGroße Suchtgefahr
Der Konsum von Schmerz- und Betäubungsmitteln wie Oxycodon oder Alprazolam kann sehr schnell süchtig machen - vor allem junge Menschen: "Für Jugendliche und junge Erwachsene ist der Konsum dieser Medikamente sehr gefährlich", sagt Rainer Thomasius. Denn bei einer Überdosierung könne es zum Herz-Kreislauf-Stillstand, zum Atemversagen kommen, so der Mediziner, der fast 40 Jahre lang ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters an der Uniklinik Hamburg war.
Trotzdem sind die Pillen billig und problemlos im Netz zu kaufen und sie stehen für einen bestimmten Lebensstil: Auf Instagram, TikTok und Co. finden sich unzählige Videos, die den Konsum verherrlichen. "Gib mir Tilidin, ja, ich könnte was gebrauchen. Wodka-E, um die Sorgen zu ersaufen. Alles, was ich weiß: Liebe kann man sich nicht kaufen", singen etwa die Deutschrapper Capital Bra und Samra.
Wer genau sucht, findet aber auch Videos im Netz, die vor dem Konsum warnen - so wie etwa die einer jungen Frau, die sich ChemChem nennt: Die 18-Jährige kam im vergangenen Jahr nach einem Krampfanfall ins Krankenhaus, Auslöser war der Entzug von Benzodiazepinen.
88 Prozent der Apotheken in Großbritannien stellen einen Anstieg der Diebstähle fest, berichtet die National Pharmacy Association. Die "Kunden" werden zudem immer ausfallender und handgreiflich.
27.08.2025 | 2:03 minSie erzählt, das sei der Wendepunkt gewesen, seither sei sie clean. Um andere Jugendliche vor dem Konsum zu warnen, teilt sie ihre Erfahrungen inzwischen auf Social Media. "Ich habe Alprazolam ganz viel zu mir genommen", erzählt sie ZDFheute. Sie habe die Stille in ihrem Kopf gesucht, ihr sei es dann besser gegangen: "alles toll, alles betäubt".
Nachschub übers Internet
40 bis 80 Pillen habe sie in der Woche konsumiert, Nachschub besorgte sie sich über das Internet. Dort und in Messenger-Diensten wie Telegram lassen sich die Tabletten problemlos bestellen - ohne dass nach dem Alter oder nach einem Rezept gefragt wird.
Die Strafverfolgungsbehörden sind bisher vergleichsweise machtlos: "Mein Eindruck ist, sie haben es auf dem Schirm, dass da etwas Neues entstanden ist, dass da ein Problem ist", sagt Daniel Brombacher. Er ist Experte für Organisierte Kriminalität in Europa und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem internationalen Drogenhandel.
Auf Kölns Partymeile trifft man immer mehr junge Menschen mit Kartuschen und gefüllten Luftballons. Lachgaskonsum ist ein Trend, der sich durch die sozialen Medien verbreitet hat.
27.10.2024 | 30:06 minAber keiner der kriminellen Akteure, die dort aktiv sind, habe ein besonders hohes Risikobewusstsein.
Daran kann man sehr, sehr gut ablesen, dass unsere Behörden - das gilt nicht nur für Deutschland, das gilt auch für andere europäische Länder - noch kein Rezept dagegen gefunden haben.
Daniel Brombacher, Experte für Organisierte Kriminalität
Mehr zum Thema Sucht und Rauschmittel
Sechs Drogentote pro Tag:Streeck: "Drogensituation ist uns in Deutschland entglitten"
von Susana Santinamit Video2:47Legale Opioide zum Vapen?:Wie Onlineshops die Drogengesetze umgehen
von Max Hübner und Julian Schmidt-Farrentmit Video17:20Droge auf dem Vormarsch:Wie Hannover das Fentanyl-Problem lösen will
von Malin IhlauPotenziell tödlich:Paracetamol-Challenge: Warnung vor TikTok-Trend