Sexkaufverbot nach "Nordischem Modell"?:Kontroverse über Prostitution: Darüber streitet Deutschland
von Julian Degler
Deutschland diskutiert erneut über Prostitution und darüber, wie Prostituierte besser geschützt werden können. Dazu gibt es gegensätzliche Positionen. Ein Einblick in die Debatte.
Laut Statistischem Bundesamt sind in Deutschland rund 32.300 Prostituierte gemeldet.(Symbolbild)
Quelle: imagoDeutschland sei der "Puff Europas" - mit dieser Aussage hat Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) viel Aufmerksamkeit erregt. Und damit erneut eine Debatte über Prostitution auf den Plan gerufen.
Fragen, Antworten und Positionen zu einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung, in der kontrovers über das Für und Wider diskutiert wird.
Am 25. November 2025 ist der internationale Orange Day - der Tag, der auf Gewalt an Frauen aufmerksam macht und ein Zeichen dagegensetzt. Das ZDF begleitet diesen Tag unter dem Slogan "Alle Augen auf! Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen" mit einem umfangreichen Programmangebot im November.
Warum gerade über Prostitution diskutiert wird?
Die Debatte über Prostitution ist nicht neu und kommt immer wieder auf. Zuletzt hatte Julia Klöckner eine Verschärfung der Regelungen gefordert, da die bisherigen Gesetze Prostituierte nicht ausreichend schützten.
Unterstützung hat sie von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) bekommen. Beide befürworten ein Sexkaufverbot nach dem "Nordischen Modell". Derweil hat auch Familienministerin Karin Prien (CDU) eine Prostituiertenschutz-Kommission ins Leben gerufen.
2002 wurde Sexarbeit in Deutschland durch das Prostitutionsgesetz legalisiert, wenn sie freiwillig und von Volljährigen ausgeübt wird. Prostitution gilt seitdem nicht mehr als "sittenwidrig". Zwangsprostitution und Menschenhandel sind strafbar. Mit dem Gesetz sollten die Arbeitsbedingungen von Prostituierten verbessert und deren (Arbeits-)Rechte gestärkt werden. Seitdem werden sie nicht mehr aus der Sozialversicherung ausgeschlossen und haben Arbeitsschutz.
Im Jahr 2017 wurde zusätzlich das Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) verabschiedet, das die rechtliche und soziale Situation von Sexarbeitenden in Deutschland verbessern sollte. Das Gesetz schreibt etwa vor, dass sich Prostituierte bei den Behörden anmelden müssen. Zudem braucht es eine Genehmigung für Prostitutionstätten wie Bordelle.
In Koblenz zeigt ein Polizeieinsatz, wie ausländische Frauen unter Kontrolle von Menschenhändlern arbeiten. Zwangsprostitution – ein unsichtbares Schicksal mit hoher Dunkelziffer.
24.11.2025 | 3:00 minWas ist das "Nordische Modell"?
Im "Nordischen Modell", das 1999 in Schweden eingeführt wurde, wird der Kauf und die Vermittlung sexueller Dienstleistungen bestraft (Sexkaufverbot). Die Freier und Betreiber von Prostitutionsstätten werden kriminalisiert, während die Prostituierten straffrei bleiben und durch flächendeckende Programme beim Ausstieg unterstützt werden sollen.
Damit soll die Nachfrage eingedämmt werden. Durch Aufklärungsarbeit soll zusätzlich gesellschaftliches Bewusstsein geschaffen werden. Das Modell findet auch in Ländern wie Norwegen, Island, Kanada und Frankreich Anwendung.
Dem Statistischen Bundesamt zufolge sind in Deutschland rund 32.300 Prostituierte angemeldet (Stand 2024). Fachleute gehen jedoch von einer hohen Dunkelziffer aus. Die Frauenhilfsorganisation SOLWODI schätzt die Zahl auf circa 250.000.
5.600 der registrierten Sexarbeitenden (17 Prozent) haben laut Statistischem Bundesamt die deutsche Staatsangehörigkeit. Gut ein Drittel aller gemeldeten Prostituierten sind rumänische Staatsangehörige (11.500). Zu den häufigsten ausländischen Staatsangehörigkeiten zählen ferner die bulgarische (11 Prozent) und spanische (8 Prozent). Über das Geschlecht der Menschen gibt die Statistik keine Informationen, da dieses bei der Anmeldung nicht erhoben wird.
Es gibt Schätzungen, die davon ausgehen, dass die überwiegende Mehrheit (um die 90 Prozent) der Menschen in der Prostitution in Deutschland weiblich ist.
Quelle: Statistisches Bundesamt
Braucht Deutschland ein Sexkaufverbot? Ja, sagt Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU). Nein, sagt Johanna Weber, Sexarbeiterin und politische Sprecherin des Berufsverbandes.
13.11.2025 | 12:17 minWas sagen Kritiker eines Sexkaufverbots?
Johanna Weber, politische Sprecherin vom "Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen" (BesD), der rund 1.000 Mitglieder zählt, ist der Ansicht, dass es mehr Sachlichkeit in der Debatte braucht. "Ich finde, es gibt überhaupt keine vernünftige gesellschaftliche Debatte über Sexarbeit oder Prostitution", sagt Weber, die selbst Sexarbeiterin ist und den BesD im Jahr 2013 mitgegründet hat.
Die Debatte werde ihrer Ansicht nach "unglaublich emotional geführt". "Emotionen sind schon mal überhaupt keine gute Grundlage für sinnvolle Gesetze." Ein Sexkaufverbot sieht ihr Verband kritisch.
Ich lehne das nordische Modell ab, weil es genau den Menschen schadet, denen eigentlich geholfen werden soll. Denn für genau diese Menschen gibt es keine Alternativen und die müssen in der Sexarbeit verbleiben unter extrem erschwerten Bedingungen.
Johanna Weber, politische Sprecherin BesD
Ein Sexkaufverbot trägt laut Weber dazu bei, dass es "keine sicheren Arbeitsmöglichkeiten" mehr gibt und Sexarbeit unsicherer werde, wenn Bordelle, Studios, und Prostitutionsstätten, also "unsere Arbeitsplätze", geschlossen würden.
Um die Menschen und vor allem Frauen in der Prostitution zu schützen, schlägt sie vor:
Es muss auf der einen Seite Projekte geben, sinnvolle, langfristig finanzierte Aus- oder Umstiegsprojekte für die Menschen in der Sexarbeit, die den Job nicht machen können oder nicht machen sollten. Und für die anderen braucht es auf jeden Fall mehr Rechte.
Johanna Weber, politische Sprecherin BesD
Um die Situation in der Prostitution zu verbessern, fordert der BesD, diese in Politik und Gesellschaft zu entstigmatisieren und als Sexarbeit zu normalisieren. Zudem brauche es deutschlandweit Beratungsstellen und Übergangsgelder für diejenigen, die aussteigen wollen. Ob bei einer möglichen Einführung des "Nordischen Modells" genügend finanzielle Mittel zur Verfügung stünden, zweifelt Weber an.
Im Jahr 2024 haben bei den abgeschlossenen Verfahren die Fälle sexueller Ausbeutung mit 364 den höchsten Stand seit zehn Jahren erreicht. Das geht aus dem "Bundeslagebild Menschenhandel und Ausbeutung" des Bundeskriminalamtes hervor. Der Bericht zeigt auch: Sexuelle Ausbeutung verlagert sich zunehmend in private Wohnungen, also Bereiche, die nur schwer zu kontrollieren seien, weshalb das BKA von einem hohen Dunkelfeld ausgeht. Auch der Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung ist dem Bericht zufolge um etwa neun Prozent im Vergleich zu 2023 gestiegen.
Viele der Opfer seien Frauen und junge Menschen, darunter auch Minderjährige. Für die Anbahnung von Kontakten für sexuelle Ausbeutung spielt das Internet dem Bericht zufolge eine wichtige Rolle.
Dabei werden Frauen in vielen Fällen durch die sogenannte "Loverboy-Methode" ausgebeutet. Die Täter, meist Männer, bringen ihre Opfer, meist weiblich, durch eine vorgespielte Liebesbeziehung in die emotionale Abhängigkeit, um sie so später in die Prostitution zu zwingen. Im Jahr 2024 wurden laut BKA 83 Opfer der "Loverboy-Methode" registriert, die in die Prostitution gebracht wurden.
Quelle: BKA
Was ist freiwillige Sexarbeit und wo beginnt Zwangsprostitution? Darüber soll eine Regierungskommission beraten und Vorschläge erarbeiten, um Prostituierte besser zu schützen.
24.11.2025 | 1:36 minWas sagen Befürwortende eines Sexkaufverbots?
Die Frauenhilfsorganisation SOLWODI pocht auf ein "Umdenken in der Prostitutionspolitik", wie Vorsitzende Maria Decker erklärt. "So wie im Moment die Situation ist, ist das eben nicht gut für die Frauen in der Prostitution."
Erfahrungen ihrer aufsuchenden Arbeit nach seien Prekarität, psychische und physische Belastungen und "verschiedenste Zwangsstrukturen" weit verbreitet. "Wir begegnen praktisch nie Frauen, die das ganz freiwillig machen", sagt Decker. Deshalb ist sie der Ansicht, dass die Einführung des "Nordischen Modells" in Deutschland ein richtiger Schritt wäre:
Es würde sicher nicht das Paradies auf Erden und alles ist gut. Aber es würde sich deutlich verbessern und das, finde ich, sind wir diesen Frauen aus humanitären Gründen einfach schuldig.
Dr. Maria Decker, SOLWODI
SOLWODI hält es für sinnvoll, bei der Nachfrage anzusetzen, um diese durch ein Sexkaufverbot zu reduzieren und diejenigen in die Pflicht zu nehmen, die Sex kaufen.
Es hat nichts mit Gleichberechtigung zu tun, wenn ich glaube, ich kann den Körper einer Frau kaufen und dann damit für eine halbe Stunde machen, was ich will.
Dr. Maria Decker, SOLWODI
Laut Decker braucht es Angebote zur aufsuchenden Arbeit und flächendeckende Ausstiegsprogramme, um Betroffenen Alternativen aufzuzeigen und Bewusstsein zu schaffen. "Die sind natürlich nicht ganz billig. Da muss man einfach investieren."
Die Union fordert, Sexkauf nach dem "Nordischen Modell“ strafbar zu machen: Deutschland sei ein Paradies für Freier und Zuhälter, für Zwangsprostitution und Menschenhandel.
22.10.2024 | 11:30 minWie geht es weiter?
Eine zwölfköpfige Expertenkommission soll nun Vorschläge und Maßnahmen zum besseren Schutz von Prostituierten erarbeiten. In einem Jahr wird mit ersten Ergebnissen gerechnet.
Johanna Weber vom BesD begrüßt dies: "Meine aktuelle Forderung an die Politik ist, dass sie die Expertenkommission arbeiten lassen und dass die Ergebnisse die Grundlage für den Umbau des Gesetzes sind."
Und Maria Decker von SOLWODI findet es wichtig, dass geschaut werde, wie das Gesetz verbessert werden könne. Sie befürchtet aber, dass es zu sehr um Kleinigkeiten gehen könnte und man aus ihrer Sicht "eben nicht einen großen Wurf lancieren will."
Hintergründe zur Debatte
Acht Jahre nach Inkrafttreten:Gesetz schützt Prostituierte noch unzureichend
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