Blackbox Smartphone und Social Media:Wenn Kinder Pornos sehen: "Am Anfang geweint"
von Kajo Fritz
Viele Minderjährige kommen übers Handy früh mit Pornografie in Kontakt - komplett unbemerkt von den Eltern. Wie Nachrichten von "Pädos" und Dickpics die Jugendlichen prägen.
Merlin (17) bekam mit acht sein erstes Handy. Mit elf gehörten Pornos auf Social Media zu seinem Alltag. Er erzählt, wie diese Zeit ihn prägte und wie er den Ausstieg geschafft hat.
01.06.2026 | 29:44 minPornografie ist online nur wenige Klicks entfernt - auch für Kinder und Jugendliche. Was sie dort sehen, kann ihr Verständnis von Sexualität früh und auch nachhaltig prägen.
"In meiner Generation sind Pornos ein großer Faktor für die Aufklärung", sagt die 16-jährige Paulina. Jugendliche berichten von ersten Kontakten mit Pornos ab zehn Jahren - teils zufällig, teils über soziale Netzwerke, oftmals ungewollt.
Ich wusste erst mal gar nicht, was ich da sehe. Und ich habe ehrlich gesagt am Anfang geweint.
Laith, 15 Jahre alt
Verstörende Bilder hat schon vor Jahren auch Muhamed auf seinem Smartphone gesehen, eine "traumatisierende" Erfahrung, wie der heute 15-Jährige schildert.
Laut einer Umfrage der Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen hat fast die Hälfte der Minderjährigen schon pornografische Inhalte konsumiert. Beim ersten Kontakt waren die meisten jünger als 14.
09.12.2025 | 0:24 minKontakt mit Pornografie oft schon vor dem 14. Lebensjahr
Laut der JIM-Studie 2024 sind viele Jugendliche bereits vor dem 14. Lebensjahr erstmals mit Pornografie in Kontakt gekommen. "Wir können sagen, dass durchschnittlich mit zehn Jahren heute Kinder alleine im Internet unterwegs sind", sagt Sexualpädagogin Madita Oeming, "und ab diesem Zeitpunkt halte ich es für absolut realistisch, dass sie solche Inhalte sehen, sei es auch nur ungewollt."
Dabei könne ein verzerrtes Bild von Sexualität entstehen, für Kinder seien die Szenen kaum einzuordnen. Pornografie könne darüber hinaus eine "Verrohung von Sexualität" fördern, die die Entwicklung junger Menschen beeinträchtige, sagt Silke Müller, Sachbuch-Autorin und ehemalige Schulleiterin.
Die 16-jährige Paulina berichtet ihren Eltern erstmals von Nachrichten älterer Männer mit sexuellen Absichten über Social Media. Ein Gespräch, das ihre Eltern fassungslos macht.
01.06.2026 | 27:25 minGespräche über Analverkehr auf dem Schulhof
Neben klassischen Pornos, die nahezu barrierefrei online zu sehen sind, spielen auch die Sozialen Medien eine zentrale Rolle. Kriminalhauptkommissar Eric Dieden, Experte für Cybercrime aus Köln, warnt: "Das führt zu dem Phänomen, dass Zwölfjährige sich auf dem Schulhof über Analverkehr unterhalten."
Müller betont, die Lage bei Social Media sei "deutlich schlimmer, als wir denken und viel massiver, als wir wissen". Anfragen nach intimen Bildern oder kursierende Nacktfotos von Minderjährigen beispielsweise in WhatsApp-Gruppen gehörten zum digitalen Alltag, so Müller.
Der Fall Collien Fernandes zeigt, wie verbreitet sexualisierte digitale Gewalt ist. Bundesjustizministerin Hubig will das Gesetz verschärfen. Kann digitale Gewalt so eingedämmt werden?
26.03.2026 | 33:12 minJugendliche erhalten Nachrichten von "Pädos"
Die 15-jährige Paulina erzählt, sie habe schon häufig, wie so viele ihrer Freundinnen, Nachrichten von "Pädos" bekommen - mit einschlägigen Angeboten. Ihren Eltern habe sie davon nicht erzählt, weil solche Erfahrungen auf Plattformen wie TikTok für sie inzwischen fast zum Alltag gehörten.
"Mein erstes Dickpic habe ich mit ungefähr elf Jahren zugeschickt bekommen von einem Unbekannten", erzählt die 14-jährige Jana. Mit der Erfahrung ist sie nicht allein, ihre Freundinnen hätten auch alle schon Dickpics bekommen, sagt Jana.
Wie kann es gelingen, Kinder und Jugendliche beim Umgang mit Sexinhalten auf Social Media besser aufzuklären. Jana und ihre Freunde wollen jüngeren Mitschülern helfen. Was können Eltern tun?
01.06.2026 | 28:43 minEltern unterschätzen Medienkonsum ihrer Kinder
Viele Eltern unterschätzen die digitale Lebenswelt ihrer Kinder. "Dass ihre Vorstellung vom Medienkonsum ihrer Kinder nicht ganz mit dem übereinstimmt, wie Kinder diese Medien tatsächlich konsumieren, ist ein zentrales Problem", sagt Hauptkommissar Eric Dieden. Auf der anderen Seite falle es Jugendlichen schwer, über ihre Erfahrungen zu sprechen.
Man schämt sich auch so ein bisschen, mit seinen Eltern darüber zu reden.
Jana, 15 Jahre alt
Ein möglicher Ausweg liegt aus Sicht vieler Expertinnen und Experten in mehr Medienkompetenz und offener Kommunikation. Sexualpädagogin Oeming fordert darüber hinaus, eine verbesserte "sexuelle Medienkompetenz" im Bildungssystem zu verankern.
Für manche Jugendliche käme dieser Vorstoß bereits zu spät. Merlin, heute 17 Jahre alt, der als Elfjähriger bis zu zwei Stunden täglich Pornos online geschaut habe, sagt rückblickend: "Meinem elfjährigen Ich würde ich einfach das Internet entziehen."
- Die EU-Initiative klicksafe hat zum Ziel, Online-Kompetenz von Mediennutzenden zu fördern und sie mit vielfältigen Angeboten beim kompetenten und kritischen Umgang mit dem Internet zu unterstützen.
- Die Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz (BzKJ) bietet selbst und über Kooperationen zahlreiche Hilfen für Eltern und Jugendliche zum Umgang mit Social Media und digitalen Medien an. Diese Angebote zielen vor allem auf Information, Beratung, Prävention und Medienkompetenz ab.
- Der Verein smiley e.V. bietet Workshops, Elternabende, Fortbildungen und Schulprojekte zu Themen wie Social Media, Cybermobbing und Datenschutz. Ziel des Vereins ist die Förderung von Medienkompetenz bei Kindern, Jugendlichen, Eltern und Fachkräften.
- Die Initiative Smarter Start ab 14 fördert eine möglichst analoge Kindheit und möchte Eltern miteinander vernetzen, die sich für ihre Kinder erst später einen Zugang zu Sozialen Medien wünschen.
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