Nach den tödlichen ICE-Schüssen:Fakes zu Minnesota entfachen eine Hexenjagd im Internet
von Oliver Klein und Jan Schneider
Nach den tödlichen Schüssen eines ICE-Beamten auf eine Frau kursieren online angebliche Fotos des Schützen und ein falscher Name. Es sind Fakes - sie haben dennoch reale Folgen.
Nach den tödlichen Schüssen auf eine Frau durch einen Beamten der US-Einwanderungsbehörde ICE hat das FBI die Ermittlungen übernommen. In Minneapolis und anderen Städten kam es zu Protesten.
09.01.2026 | 0:27 minNoch bevor die Ermittlungen zu den tödlichen Schüssen auf eine 37-jährige Frau im US-Bundesstaat Minnesota richtig begonnen haben, läuft in Sozialen Medien bereits eine digitale Fahndung auf Hochtouren: Unzählige Nutzer versuchen, den Schützen der Einwanderungsbehörde ICE zu identifizieren.
Von dem Einsatz gibt es mehrere Videos von Augenzeugen. Auf einem ist der Mann gut zu erkennen - nach den tödlichen Schüssen läuft er zunächst zu dem Auto der Frau, dann wieder zurück zu seinem Einsatzfahrzeug. Dabei trägt er ein Tuch wie eine Maske über Mund und Nase gezogen - ein Teil seines Gesichts ist also vermummt.
Nutzer erstellen mit KI ein angebliches Gesicht des Schützen
Doch mithilfe von Künstlicher Intelligenz wie Grok, dem KI-Assistenten von X, ließen Nutzer dem Schützen digital seine Maske "entfernen". In Konversationen bei X zeigt sich, wie Nutzer systematisch mit Prompts wie "remove his mask" ("entferne seine Maske") entsprechende Bilder erzeugten und verbreiteten. Es entstanden mehrere fiktive Versionen, die den Mann angeblich unmaskiert zeigen - mal lächelnd, mal mit ausgestrecktem Arm, mal beide Hände am Telefon.
Dazu tauchten teils groteske Inszenierungen auf - die den Mann teilweise in Nazi-Uniform oder im Bikini vor einem Konzentrationslager zeigen.
Nutzer auf X nutzen den KI-Bot Grok, um dem ICE-Agenten ein Gesicht zu geben
Quelle: ZDFWaren die tödlichen Schüsse in Minneapolis wirklich Notwehr des ICE-Beamten, wie Trump behauptet? Daran gibt es Zweifel - ZDFheute hat Videos von Augenzeugen analysiert.
08.01.2026 | 1:10 minFalscher Name verbreitet sich in Social Media
Klar ist: Keines der mit KI erzeugten Bilder zeigt das echte Gesicht des ICE-Agenten. Dennoch hatten die Fälschungen reelle Folgen. Social-Media-Nutzer behaupteten, den Mann identifiziert zu haben: Steve Grove. Der Name verbreitete sich wie ein Lauffeuer in unzähligen Postings, selbst Medien nannten ihn.
Tatsächlich gibt es mehrere Personen mit diesem Namen: Unter anderem heißt der Geschäftsführer der Zeitung "Minnesota Star Tribune" Steve Grove - die Zeitung stellte in einem Posting bei X klar, dass die Redaktion keinerlei Verbindung zu dem ICE-Agenten habe.
Auch ein Waffenhändler aus Springfield in Missouri mit dem Namen Steven Grove wurde online fälschlicherweise als der ICE-Agent identifiziert. Grove zeigt sich in einem Statement bei Facebook entrüstet:
Offensichtlich bin ich das nicht. Ich habe nie für ICE gearbeitet und war auch nie in Minnesota.
Waffenhändler Steven Grove bei Facebook
Grove musste das Posting auf der Seite seines Waffenladens veröffentlichen - denn Meta hatte sein persönliches Facebookprofil aufgrund der Anschuldigungen bereits gesperrt. "Das wird noch ein langer Tag", schreibt er.
Der an dem tödlichen Schusswaffeneinsatz in Minneapolis beteiligte ICE-Agent wurde als Jonathan Ross identifiziert, offiziell bestätigt wurde seine Identität bislang jedoch nicht. Ross arbeitet seit mehr als zehn Jahren als Einwanderungsbeamter, aktuell für die ICE-Abteilung Enforcement and Removal Operations, die für Festnahmen und Abschiebungen zuständig ist.
Bereits im Juni 2025 war Ross laut Gerichtsakten bei einem anderen Einsatz in Minnesota in einen schweren Zwischenfall verwickelt. Damals wurde er während einer Festnahme von einem flüchtenden Autofahrer etwa 100 Meter mitgeschleift. Fotos aus den Gerichtsdokumenten sollen Ross nach dem Vorfall mit einer stark blutenden Verletzung zeigen.
Unklar ist, wann Ross nach diesem Vorfall wieder in den Dienst zurückkehrte. Weder die Einwanderungsbehörde ICE noch das US-Heimatschutzministerium äußerten sich dazu. Nach den tödlichen Schüssen in Minneapolis verwies Heimatschutzministerin Kristi Noem auf den früheren Vorfall und erklärte, der Agent habe in der aktuellen Situation um sein Leben gefürchtet.
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