Was wirklich beim tödlichen ICE-Einsatz in Minneapolis geschah

Faktencheck

War es Notwehr, wie Trump behauptet?:Was wirklich beim tödlichen Einsatz in Minneapolis geschah

von Oliver Klein und Jan Schneider

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Waren die tödlichen Schüsse in Minneapolis wirklich Notwehr des ICE-Beamten, wie Trump behauptet? Daran gibt es Zweifel - ZDFheute hat mehrere Videos von Augenzeugen analysiert.

Bundesagenten in Minneapolis

Waren die tödlichen Schüsse in Minneapolis wirklich Notwehr des ICE-Beamten, wie Trump behauptet? Daran gibt es Zweifel - ZDFheute hat Videos von Augenzeugen analysiert.

08.01.2026 | 1:10 min

Die tödlichen Schüsse eines ICE-Beamten auf eine Autofahrerin in Minneapolis haben eine heftige Debatte in den USA ausgelöst. Handelte der Mann in Notwehr, weil die 37 Jahre alte Frau ihn mit ihrem Fahrzeug rammen wollte?

So stellt es US-Präsident Donald Trump dar: "Sie überfuhr gewaltsam, vorsätzlich und böswillig den ICE-Mitarbeiter, der offenbar in Notwehr auf sie geschossen hat", schrieb er in seinem Netzwerk Truth Social. Es sei schwer zu glauben, dass er überlebt habe, so Trump. Heimatschutzministerin Kristi Noem sprach in diesem Zusammenhang sogar von "inländischem Terrorismus".

Oder hat der ICE-Beamte überreagiert und hätte in dieser Situation nicht auf die Frau schießen dürfen? Das sagt unter anderem Minnesotas Bürgermeister Jacob Frey - die offizielle Darstellung der US-Regierung nannte er "Bullshit".

Am Donnerstag, dem 8. Januar 2026, kam es in Minneapolis, Minnesota, vor dem Bishop Henry Whipple Federal Building zu Zusammenstößen zwischen Bundesagenten, Polizisten und Demonstranten.

Nach den tödlichen Schüssen auf eine Frau durch einen Beamten der US-Einwanderungsbehörde ICE hat das FBI die Ermittlungen übernommen. In Minneapolis und anderen Städten kam es zu Protesten.

09.01.2026 | 0:27 min

Videos lassen Zweifel an Notwehr-Situation aufkommen

Auch Videos, die in Sozialen Netzwerken verbreitet werden, und Berichte von Augenzeugen lassen Zweifel an der Notwehr-Version aufkommen. Es sind mehrere Clips verfügbar, die das Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven zeigen. ZDFheute hat sie analysiert. Was geschah bei dem Einsatz? Ein Überblick:

  • Ort des Geschehens ist die verschneite Portland Avenue in Minneapolis. Das Fahrzeug der Frau, ein Honda, steht zunächst quer zur Fahrbahn. Ein Pickup-Truck nähert sich, stoppt wenige Meter vor dem Wagen der Frau.
  • Zwei vermummte Bundesbeamte steigen aus, gehen auf den Honda zu und fordern die Frau auf auszusteigen.
  • In der Zwischenzeit ist ein weiterer, unvermummter ICE-Beamter von hinten rechts um das Auto der Frau herumgegangen und stellt sich dann vor den Wagen.
  • Die Frau setzt ihr Auto zurück, schlägt dann das Lenkrad nach rechts ein und will wegfahren. Der unvermummte ICE-Beamte steht dadurch linkerhand vor dem Honda - und gibt den ersten Schuss ab.
  • Zwei weitere Schüsse gibt er unmittelbar danach ab, als er bereits an der linken Seite des vorbeifahrenden Autos steht.
  • Der Honda beschleunigt und prallt gegen geparkte Fahrzeuge.

Wie ist der Vorfall genau abgelaufen? Sehen Sie hier die Analyse des Videos Bild für Bild:

Minnesota: tödliche Schüsse durch ICE-Agenten
Minnesota: tödliche Schüsse durch ICE-Agenten
Minnesota: tödliche Schüsse durch ICE-Agenten
Minnesota: tödliche Schüsse durch ICE-Agenten
Minnesota: Tödliche Schüsse durch ICE-Agenten
Minnesota: Tödliche Schüsse durch ICE-Agenten
Minnesota: Tödliche Schüsse durch ICE-Agenten

Minnesota: Tödliche Schüsse durch ICE-Agenten

Zwei vermummte ICE-Beamte gehen auf das Auto der 37-Jährigen zu und fordern sie auf, auszusteigen.


ICE-Beamter wurde nicht überfahren

Die Analyse zeigt: Die Frau hat den ICE-Beamten nicht überfahren - anders als Trump behauptet. Der Mann kam bei der Aktion nicht einmal zu Fall, obwohl die Straße verschneit war. Dass die Fahrerin ihr Lenkrad nach rechts einschlug, deutet eher darauf hin, dass sie an dem Mann vorbeifahren wollte.

Die renommierte Recherche-Plattform Bellingcat veröffentlichte am Abend eine animierte Videosequenz, die die Ereignisse von Minneapolis aus der Vogelperspektive zeigt.

Video von Bellingcat bei X

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Angespannte Lage in Minnesota

Seit ICE-Beamte eine protestierende Bürgerin in Minneapolis erschossen, ist die Lage vor Ort angespannt. Sowohl US-Präsident Trump als auch der Bürgermeister beschuldigen sich jeweils der Eskalation.

09.01.2026 | 2:11 min

Donald Trump bleibt bei seiner Auffassung der Ereignisse: In einem Interview mit der New York Times, bei dem die Videos des Vorfalls gezeigt wurden, sagte er:

Sie hat sich schrecklich benommen. Und dann hat sie ihn überfahren. Sie hat nicht versucht, ihn zu überfahren.

Donald Trump, US-Präsident

Der Chef des Polizeireviers Minneapolis, Brian O'Hara, sagte derweil gegenüber CNN, dass der ICE-Agent bei dem Vorfall unverletzt geblieben ist. Die einzige Person, die verletzt wurde, ist die Frau, die in ihrem Wagen erschossen wurde.

Karte: Minnesota, Minneapolis

Quelle: ZDF

Erschossene Frau war Mutter dreier Kinder

Die erschossene Frau wurde als die 37-jährige Renee Nicole Good identifiziert, die nur wenige Straßen von ihrem Zuhause entfernt starb. Medienberichten zufolge hatte sie drei Kinder und war als Podcasterin aktiv.

Ihre Mutter und weitere Bekannte zeigten sich fassungslos über den Tod und betonten, Good habe nichts mit Protestaktionen gegen ICE zu tun gehabt. Bei einer abendlichen Mahnwache kamen Hunderte Anwohner zusammen. Viele reagierten empört auf Darstellungen der Behörden, die sie als Bedrohung bezeichneten.

Über dieses Thema berichteten verschiedene Sendungen, unter anderem das gemeinsame Morgenmagazin von ARD und ZDF ab 5:30 Uhr und das heute journal update vom 08.01.2025 um 00:15 Uhr.

Mehr zur US-Einwanderungspolitik

  1. Ein Polizist und im Hintergrund unscharf eine Frau während eines ICE-Einsatzes nahe der Karmel Mall am 10.12.2025 in Minneapolis, USA.

    Warnpfiffe gegen US-Einwanderungsbehörde:"Wir sind Nachbarn" - Minneapolis trotzt ICE-Einsätzen

    Katharina Schuster, Washington D.C.
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  2. Maria Guzman (links) und Sergio Rocha, Eltern kleiner Kinder, trösten sich gegenseitig vor dem Rayito de Sol Spanish Immersion Early Learning Center, nachdem Bundesbeamte der Einwanderungsbehörde am 5. 11. 2025, in Chicago eine Erzieherin abgeführt hatten.

  3. Sami Hamdi

  4. Immigration Chicago

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