Fall Marianne Bachmeier: Selbstjustiz im Gerichtssaal

Der Fall Marianne Bachmeier:Vor 45 Jahren: Tödliche Schüsse im Gerichtssaal

von Heike Kruse

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1981 rächte Marianne Bachmeier den Tod ihrer Tochter im laufenden Prozess gegen den Täter. Es war der erste Fall von Selbstjustiz in einem deutschen Gerichtssaal.

Marianne Bachmeier auf dem Weg zum Gericht- Prozess gegen Bachmeier 1982

Marianne Bachmeier feuerte 1981 im Gerichtssaal acht Schüsse auf den mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter. Klaus Grabowski starb. Der Fall schrieb Justizgeschichte.

06.03.2026 | 8:24 min

Es war der 6. März 1981, der dritte Prozesstag. Die damals 30-jährige Marianne Bachmeier betrat den großen Verhandlungssaal im Landgericht Lübeck. Noch hatte der Prozesstag nicht begonnen, aber der Angeklagte Klaus Grabowski saß bereits auf seinem Platz.

Marianne Bachmeier ging auf die Anklagebank zu. Klaus Grabowski hatte ihr den Rücken zugewandt. Plötzlich schoss sie mit einer Pistole von hinten auf den mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter Anna. Achtmal drückte sie ab - sechsmal traf sie. Klaus Grabowski starb nach wenigen Minuten. Marianne Bachmeier wurde noch im Gerichtssaal festgenommen.

Richter Hurlin nannte Schüsse "unfassbar"

Ingo Hurlin war 1981 einer der Richter im Verfahren gegen Klaus Grabowski. Noch viele Jahre später nannte er Bachmeiers Schüsse "unfassbar". Laut Richter Hurlin wäre Grabowski sicher verurteilt worden.

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Es war eine Tat, die bundesweit für enormes Aufsehen sorgte. Der Staat machte Klaus Grabowski den Prozess, aber Marianne Bachmeier fällte das Urteil. Selbstjustiz, die auch bedeutete, dass für immer ungeklärt bleiben würde, inwieweit sich Behörden und Ärzte am Tod der siebenjährigen Anna mitschuldig gemacht hatten.

Grabowski hatte Mord bereits gestanden

Als Klaus Grabowski von Marianne Bachmeier erschossen wurde, hatte er die Tat bereits gestanden. Der 35-Jährige war angeklagt, das Mädchen in seine Wohnung gelockt und dann erdrosselt zu haben. Sexuelle Handlungen an dem Kind bestritt er.

Grabowski war wegen eines Sexualdelikts vorbestraft und hatte sich noch in Haft kastrieren lassen. Wieder in Freiheit, verschrieb ihm ein Arzt Sexualhormone ohne große Prüfung.

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Marianne Bachmeier und die Medien

Marianne Bachmeier soll nach Aussagen einer Freundin die Tat geplant und Schießübungen gemacht haben.

In der Talkshow "Fliege" in der ARD sagte Bachmeier 1995 über ihre Gefühle gegenüber dem Angeklagten:

Ich habe gedacht, jetzt kommt wieder eine Lüge. Was das Kind gemacht hat, was es nicht gemacht hat, und da ging es bei mir irgendwie wieder nur noch darum: dieser Mund ist, also, über meine Tochter wird nicht noch einmal öffentlich hergezogen.

Marianne Bachmeier

Die Medien stürzten sich auf die Geschichte des Racheengels aus Mutterliebe. Ein Teil der Presse sympathisierte sofort mit der Täterin. Das Opfer Grabowski interessierte niemanden.

Strafrechtler Arnd Koch von der Universität Augsburg kann nachvollziehen, warum die Öffentlichkeit sich mit Bachmeiers Tat identifizieren konnte.

Sie schoss, um Rache zu üben für die Tötung, brutale Tötung ihres Kindes. Und dieser Trieb, Rache zu üben, steckt in uns allen drin.

Arnd Koch, Professor für Strafrecht und Juristische Zeitgeschichte, Universität Augsburg

Die zivilisatorische Decke sei dünn. Menschen wollten Rache üben auch, wenn sie wüssten, dass sie es nicht dürften, so Koch weiter.

Bachmeier wegen Totschlags verurteilt

Im Herbst 1982 begann dann vor dem Landgericht Lübeck der Prozess gegen Marianne Bachmeier - auch wieder unter riesigem öffentlichen Interesse.

Marianne Bachmeier läuft durch eine Menge von Fotografen.

Marianne Bachmeier auf dem Weg zum Gericht.

Quelle: dpa

Das Urteil: sechs Jahre Haft wegen Totschlags und unerlaubten Waffenbesitzes, aber nicht wegen heimtückischen Mordes.

Es war seinerzeit vertretbar, die Heimtücke im Fall der Marianne Bachmeier abzulehnen. Heute würde die Lage aber deutlich anders aussehen. Das Urteil war 1983 auch schon in der Sache angreifbar. (...)

Eva Kiel, Professorin für Strafrecht und Strafprozessrecht, Universität Kiel

Wie sich das öffentliche Bild von Bachmeier wandelte

Nach dem Prozess verkaufte Bachmeier ihre Geschichte an die Zeitschrift "Stern". Langsam veränderte sich ihr Image vom Racheengel zur Rabenmutter. Die Medien berichteten nun immer öfter von einer Frau aus schwierigen Verhältnissen, die mit 16 und 18 Jahren schon Mutter geworden war und ihre Töchter zur Adoption freigegeben hatte. Die jüngste, Anna, sei sich oft selbst überlassen gewesen, während ihre Mutter in ihrer Kneipe hinter dem Tresen stand.

Drei Jahre nach ihrer Verurteilung wurde Marianne Bachmeier vorzeitig aus der Haft entlassen und verließ Deutschland. An Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt, kehrte sie nach Lübeck zurück, wo sie 1996 - mit 46 Jahren - verstarb.

Marianne Bachmeiers Tat war der erste Fall von Selbstjustiz in einem deutschen Gerichtssaal.

Quelle: ZDF
Über dieses Thema berichtete hallo deutschland im Beitrag "Fall Marianne Bachmeier: Selbstjustiz im Gerichtssaal" am 06.03.2026 um 06:00 Uhr.

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